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Die Sonne: Kostümentwurf für Louis XIV (c) AKG Images/harmonia mundi

Ludwig XIV.

Le roi est mort – vive la musique!

Eine Ballettaufführung machte Ludwig XIV. zum Sonnenkönig. 300 Jahre nach seinem Tod ist nicht nur die Musik dazu erstmals wieder zu hören.

Zwei Nächte in seinem Leben sollte Ludwig XIV. niemals vergessen. Die erste war die Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1651: Die Fronde, eine Rebellion des Hochadels gegen den erst 13-jährigen künftigen König, der damals noch unter der Vormundschaft seiner Mutter Anna von Österreich stand Aufhatte ihren Höhepunkt erreicht. Paris wurde von den Rebellen kontrolliert. Um ihre Macht zu demonstrieren, sandten sie das Volk bis in die Schlafgemächer Ludwigs im Louvre. Zwei Jahre später jedoch hatte sich das Blatt gewendet. Kardinal Mazarin, Ludwigs Regierungschef und Mentor, hatte die Fronde besiegt und gab nun eine Ballettaufführung in Auftrag, welche die neu gewonnene königliche Macht für alle Welt sichtbar dokumentieren sollte. Die erste Aufführung fand am 23. Februar 1653 im Louvre statt. Ihr Titel lautete: „Ballet royal de la nuit“. Die in vier Akte bzw. „Nachtwachen“ eingeteilte Aufführung schildert in Tänzen sowie eingestreuten Chören und Sologesängen das heimliche Treiben in den Stunden nach Sonnenuntergang: Diebe und ägyptische Kurtisanen treten auf, es gibt einen Hexensabbat zu bestaunen und auch die Liebesabenteuer der alten griechischen Götter sorgen für Drama und Pikanterie. Beendet wird das chaotische nächtliche Treiben, in dem jeder Zuschauer ohne weiteres ein Symbol für die Fronde erkennen konnte, von der aufgehenden Sonne – tanzend verkörpert von dem 15-jährigen Ludwig XIV. höchstpersönlich.

Der junge König wird zur Sonne Europas

Die Aufführungen bedeuteten einen großen propagandistischen Erfolg. Mit der aufgehenden Sonne, die das Chaos vertreibt, war ein schlagendes Bild für die just erst wiederhergestellte Macht der Monarchie gefunden worden, an dem auch der junge König sein Selbstbild orientierte: Er war zum „Sonnenkönig“ geworden.
Trotz der großen historischen Bedeutung des Ereignisses und obwohl sich neben dem Libretto von Isaac de Benserade auch zahlreiche Abbildungen zu den Kostümen und Dekorationen erhalten haben, geriet die Musik des Balletts in Vergessenheit. Selbst die Komponisten der Gemeinschaftsproduktion lassen sich mit Ausnahme von Mazarins Kapellmeister Jean de Cambefort nicht zweifelsfrei bestimmen, auch wenn man annimmt, dass auch weitere mitwirkende Musiker wie Michel Lambert oder Jacques Champion de Chambonnières einzelne Stücke beisteuerten. Während die eingestreuten Arien und Chöre gedruckt wurden, wäre die Musik der Tänze fast gänzlich verloren, hätte nicht um 1690 der Hofmusiker Anne Danican Philidor eine Abschrift erstellt, welche zumindest die Oberstimme und den Bass enthält.

Rekonstruktion des Staatsballetts

Doch erst jetzt hat mit dem jungen Cembalist, Dirigent und Musikwissenschaftler Sebastian Daucé erstmals ein Musiker den Versuch einer umfassenden Rekonstruktion des Balletts gewagt. Nicht nur wegen der notwenigen Rekonstruktion der Mittelstimmen, sondern auch aufführungspraktisch stelle das Stück eine besondere Herausforderung dar, erläutert Daucé nach der Präsentation seiner Konzertfassung des Balletts auf dem Alte-Musik-Festival im westfranzösischen Saintes. Schließlich stünden die gesungenen Solonummern in der Tradition der intim besetzten Airs de Cour, während der Saal du Petit- Bourbon, in dem das „Ballet de la nuit“ uraufgeführt wurde, bis zu 3.000 Zuhörer fasste. Doch Daucé musste nicht nur einen Weg finden, die oft improvisierten delikaten Verzierungen und rhythmischen Veränderungen dieser Musik mit einer erweiterten Gruppe von Musikern auf die Verhältnisse eines größeren Raums zu übertragen. Er stellte sich auch der Aufgabe, das historische Bühnenwerk den Bedingungen einer heutigen Konzertaufführung anzupassen. Während die historischen Hintergründe in der Dokumentation zur Aufnahme detailreich erläutert werden, erlaubt sich Daucé bei der Rekonstruktion einige Freiheiten. In das Ballett integriert er auch Ausschnitte aus zwei italienischen Opern, die in Ludwigs jungen Jahren in Paris aufgeführt wurden und damit zugleich ein neues Genre in Frankreich zu etablieren halfen: Luigi Rossis „L’Orfeo“ von 1647 und Francesco Cavallis „Ercole amante“ von 1662. Sein „Concert royal de la nuit“ wolle keine Rekonstruktion einer einzelnen Auführung sein, sondern vielmehr die Momentaufnahme einer bestimmten politischen und kulturellen Situation, erläutert Daucé. Die patchworkartige Struktur eines typischen Ballets de Cour mit seiner bunten Folge von lose auf einander bezogenen, getanzten und gesungenen Geschichten empfindet er dabei fast wie eine Internetseite, in der jeder Link neue Informationen und Assoziationen eröffne.

Jubiläumsgaben für den Sonnenkönig

Gleich, ob man sich eine puristischere Rekonstruktion wünschen würde oder nicht: In jedem Fall hat Daucé die kulturgeschichtlich wichtigste Neuveröffentlichung zum Todestag Ludwigs XIV. vorgelegt. Einen guten Überblick über die wichtigsten Musikformen bei Hofe bietet die Sammlung „Louis XIV – Les musiques du Roi-Soleil“ (alpha): Während Vincent Dumestre und Le Poème Harmonique zwei Te Deum-Kompositionen von Ludwigs Protégé Jean- Baptiste Lully und dem glückloseren, aber nicht minder begabten Marc-Antoine Charpentier einander gegenüberstellen, gibt das Ensemble Pierre Robert unter Frédéric Desenclos einen Einblick in das Motetten-Repertoire der täglichen Gottesdienste, bei denen der musikliebende Ludwig auf ständig wechselndes Repertoire bestand. Noch umfassender wird die aus 10 CDs bestehende Edition „Les menus plaisirs de Louis XIV de Paris à Versailles“ ausfallen (hm), die am 11. September erscheint. Sie begleitet den König durch sein gesamtes musikalisches Tagesprogramm, zu dem neben der geistlichen Musik und der Oper auch die Märsche der königlichen Oboisten, Jagdmusiken, die offiziellen Divertissements und Tafelmusiken mit den Stammensemble der „24 Violons du Roy“, den Virtuosen der „Petite Bande“ den Bläsern der „Grand Ecurie“ sowie die Kammermusik gehörte. Mit für die diskretesten Töne bei Hofe sorgte dabei der Lautenist, Gitarrist, Gambist und Sänger Robert de Visée, der auch Gitarrenlehrer des Königs war. Pünktlich zum Todestag des Königs werden die Blockflötisten Manuel Staropoli und Lorenzo Cavasanti, der Theorbenspieler Massimo Marchese und der Gambist Cristiano Contadin die drei Volumes umfassende Gesamteinspielung dieser „Musique de la chambre du Roy“ abschließen (Brilliant). Das Lauten- und Gitarrenspiel des feinsinnigen de Visée war es auch, mit dem sich der König in den Schlaf wiegen ließ: Schlechte Nächte wollte er nie wieder erleben.

Erscheint am 11.9.:

Le concert royal de la nuit (2 CDs)

Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé

hm

Louis XIV – Les musiques du Roi-Soleil

alpha/Note 1

„Les menus plaisirs de Louis XIV de Paris à Versailles“ (10 CDds)

hm

Musique de la chambre du Roy, 3 Vol.

Manuel Staropoli, Lorenzo Cavasanti, Massimo Marchese, Gambist Cristiano Contadin

Brilliant/Edel


Ballet de cour

Das „Ballet royal de la nuit“, in dem Ludwig XIV. die Sonne darstellte, war keine Ballettaufführung im heutigen Sinne. Die Gattung des Ballet de cour, der es angehörte, war vielmehr Teil der höfischen Festkultur: Sie diente der höfischen Gesellschaft, die daran zusammen mit einigen professionellen Tänzern mitwirkte, zur Repräsentation nach innen und nach außen. Zugleich waren Ballets de cour Gesamtkunstwerke, die neben dem Tanz auch Vokalmusik, Deklamation und aufwändige technische Effekte mit einschlossen. Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts sollten sich professioneller Bühnentanz und reiner Gesellschaftstanz trennen.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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