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Neustart am Rhein: GMD François-Xavier Roth (c) Marco Borggreve/Gürzenich-Orchester Köln

François-Xavier Roth

Monsieur 10.000 Volt

Der Franzose ist neuer Kölner GMD und Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters. Und dank seiner Kompetenz in allen Stilen dürfte sich seine Ernennung umgehend als Glücksfall erweisen.

Das hätte sich François-Xavier Roth wohl nicht träumen lassen, dass er wieder in kulturpolitisch unruhiges Gewässer geraten würde. Viele Jahre musste er als Chef des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg die Planspiele aus nächster Nähe miterleben, mit denen der ruhmreiche Klangkörper abgewickelt werden sollte. Und nun, wo Roth am 1. September offiziell in Köln auch das Amt des neuen Generalmusikdirektors antritt, hat eine Hiobsbotschaft die Vorfreude auf dieses neue Karrierekapitel leicht getrübt. Im November sollte der Franzose das frischrenovierte Opernhaus am Offenbachplatz mit Hector Berlioz´ „Benvenuto Cellini“ festlich eröffnen. Doch angesichts eklatanter Planungsfehler musste kurzerhand der Eröffnungstermin auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Mit dieser Situation muss sich François-Xavier Roth, dieser Opernfachmann voller Tatendrang, erst einmal anfreunden. Andererseits: Er übernimmt ja zugleich das Amt des Kapellmeisters des Gürzenich- Orchesters. Und mit diesem Traditionsorchester kann er – ganz ungestört von irgendwelchen lokalpolitischen Störfeuern – die noch taufrische Freundschaft mit gleich zwei unterschiedlichen Konzertprogrammen besiegeln. Beide September-Termine in der Kölner Philharmonie sind für Roth „Statements“, mit denen er die Geschichte, aber auch die Vielseitigkeit des Orchesters in den Fokus rücken will. So hat Roth für das „Festkonzert“ gleich drei bedeutende Werke ausgewählt, die allesamt in Köln uraufgeführt worden sind: Brahms´ Doppelkonzert, Strauss´ „Till Eulenspiegel“ und nicht zuletzt die Konzertsuite von Bartóks Tanzpantomime „Der wunderbare Mandarin“, die 1926 nach der skandalträchtigen Premiere sofort vom Kölner OB Adenauer vom Spielplan gestrichen wurde. „Im Zentrum stehen aber nicht nur drei Stücke, die in Köln zum ersten Mal zu hören waren“, so Roth. „Alle wurden auch vom Gürzenich-Orchester aus der Taufe gehoben. Damit will ich deutlich machen, welche visionäre Rolle das Orchester in der Musikgeschichte stets gespielt und eingenommen hat. Und dazu gehören eben Werke von Brahms, Mahler, Strauss und Bartók! Ich empfinde daher die Geschichte des Orchesters als eine Motivation für die gemeinsame Arbeit nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch für unsere Zukunft: Wie können wir als Musiker den neuen Sternen der Musik oder einer neuen Avantgarde helfen, sie fördern!“

Ein Zeitgenosse, ganz natürlich

Mit diesen Überlegungen hat Roth ein Grundsatzmanifest für seine vorerst nächsten fünf Jahre formuliert, in denen er das Kölner Musikleben prägen will. Denn für den 43-Jährigen gibt es vom Repertoire her kein Entweder-Oder. Vielmehr reizt es ihn, sich ständig zwischen den Epochen hin und her zu bewegen, um so auch neue Hörimpulse für das Publikum zu kreieren. „Wenn man etwa ein zeitgenössisches Stück neben etwas Bekanntes wie eine Beethoven-Sinfonie stellt, verändert sich allein unser gewohnter Blick auf so ein vertrautes Werk. Es bekommt Aufführungsprain Roths Arbeit sein. Schließlich empfindet er die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Musik als etwas vollkommen Natürliches, da schon immer Orchester Musik aus ihrer jeweiligen Zeit aufgeführt haben. Aber natürlich weiß auch er um die ständig aufkeimenden Zweifel all jener Kulturpessimisten, die der Neuen Musik beim breiten Publikum wenige Chancen einräumen. Roth hingegen hat dank unzähliger Konzerte nicht nur mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, sondern auch bei seinen Gastspielen bei den Weltklasseorchestern aus Amsterdam, Boston und Göteborg erleben können, wie neugierig und offen das Publikum auf zeitgenössische Werke reagiert. „Es ist nicht so konservativ, wie wir immer denken. Wir müssen zwar durchaus kreativ unsere Konzertprogramme gestalten. Aber das Publikum will das Risiko eingehen.“ Um die Scheu vor dem Unbekannten endgültig abzubauen, gibt es zum Glück ja auch noch den Moderator François-Xavier Roth, der mit reichlich Charme und einer gehörigen Prise Humor selbst komplexeste Partituren erläutern und schmackhaft machen kann. Kein Wunder, dass Roth bekennt: „Ich spreche gerne im Konzert.“ Und in dieser Funktion wird er selbstverständlich immer wieder in Köln zu erleben sein, vor allem in den „ohrenauf“- Konzerten, die sich nicht zuletzt an die jungen Zuhörer richten.

Sowohl Gardiner, als auch Boulez

Zur Wahl dieses musikalischen Gourmets und Gourmands Roth Anfang 2014 zum Gürzenich-Nachfolger von Markus Stenz muss man der Kölner Kulturpolitik unbedingt gratulieren. Zumal er zu den wenigen Ausnahmemusikern gehört, die nicht nur im Konzertsaal und im Opernhaus gleichermaßen Maßstäbe setzen. An seinen musikalischen Facettenreichtum kommt aktuell vielleicht nur noch sein spanischer Dirigentenkollege Pablo Heras-Casado heran. Mit der Barockmusik und der historischen Aufführungspraxis kennt sich Roth genauso kompetent aus wie mit der Wiener Klassik oder der Musik eines Helmut Lachenmann. Und wenn er beispielsweise demnächst sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern geben wird, stellt er den Tanzrhythmen eines Jean-Baptiste Lully die archaischen Percussionswelten von Edgard Varèse gegenüber.
Diesen vielseitigen Geschmack verdankt der aus dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine stammende Allrounder vor allem drei herausragenden Musikerpersönlichkeiten. Zuallererst ist natürlich sein Vater Daniel Roth zu nennennen, der einer der größten französischen Organisten unserer Zeit ist. „Als Kind habe ich durch ihn die Alte Musik, aber auch die Musik etwa von Olivier Messiaen kennengelernt. Als Teenager hatte ich dann das enorme Glück, in Paris Konzerte mit Pierre Boulez besuchen zu können. Zum ersten Mal habe ich da etwa Boulez ´ ´Répons´ sowie Stockhausen & Co. gehört.“ Nachdem Roth dann im Jahr 2000 über den Gewinn des renommierten Donatella- Flick-Dirigentenwettbewerbs die Möglichkeit hatte, ein Jahr lang als Assistent Conductor beim London Symphony Orchestra zu arbeiten, begegnete er mit John Eliot Gardiner und eben Boulez zwei für ihn wichtigen Mentoren. Mit Gardiner erarbeitete er fortan große Opern etwa von Verdi, aber auch für Zürich Berlioz’ „Benvenuto Cellini“. Und während die englische Galionsfigur der historischen Aufführungspraxis Roth dazu animierte, mit „Les Siècles“ ein eigenes, heute höchst erfolgreiches, auf Originalsound spezialisiertes Ensemble zu gründen, intensivierte sich die Zusammenarbeit mit Boulez. „Er ist eine Jahrhundertfigur. Und ich habe fast alle Werke von ihm dirigiert. Wir brauchen solche Stimmen wie die von Boulez, die sagen: Musik, überhaupt die Kultur kann so viel bewirken. Man braucht mehr Kultur denn je. Wir brauchen dieses Utopische.“
In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 90. Geburtstag des schon lange schwer erkrankten Komponisten und Dirigenten Boulez. Und selbstverständlich gab Roth seinem Freund und Förderer bereits ein umfangreiches Geburtstagsständchen – zusammen mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Eine Verbeugung vor Boulez gibt es nun ebenfalls in Köln. So stehen beim ersten Sinfoniekonzert dessen „Notations“ neben Arnold Schönbergs 1. Kammersinfonie und Bruckners „Romantischer“ auf dem Programm. Und mit dieser Werk-Zusammenstellung will Roth zudem die gesamte Palette des Gürzenich-Orchesters zeigen. „Wir können – wie bei Schönberg – in kleinerer Besetzung spielen. Bei Boulez sind es dann mehr als hundert Musiker.“ Und mit Bruckners Vierter präsentiert man ein Werk, das nicht nur dem Publikum vertraut ist. Die Aufführung ist als eine Hommage an jenen Bruckner-Klangkörper namens Gürzenich-Orchester gedacht, der mit Roths legendärem Vorgänger Günther Wand einst Interpretationsgeschichte schrieb. Bruckner, Schönberg, Boulez an einem Abend – diese Kombination verspricht mehr als zwei aufregende Konzertstunden. Andererseits ist sie ja so typisch für Roths Musikdenken: „Ich mache gerne moderne Musik – und zwar aus allen Zeiten und Epochen.“

Die Antrittskonzerte von François-Xavier Roth in Köln:

6./8./9.9.: Sinfoniekonzert Nr. 1 (Schönberg „Kammersinfonie“ op. 9, Boulez „Notations“ I-IV und VII, Bruckner Sinfonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“)

13.9.: Festkonzert (Brahms Doppelkonzert op. 102, Strauss „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ op. 28, Bartók Konzertsuite „Der wunderbare Mandarin“; mit Papavrami, Queyras)

2.10.: Konzert im Dom (Messiaen „Les offrandes oubliées“, Poulenc „Litanies à la Vierge noir“, Fauré „Requiem“)

www.guerzenich-orchester.de


Wo Avantgarde Tradition hat

Das Kölner Gürzenich-Orchester gehört zu den führenden Konzert- und Opernorchestern Deutschlands. Seine Wurzeln reichen zurück bis zur städtischen Ratsmusik des 15. Jahrhunderts und der Domkapelle. Im 19. Jahrhundert gastierte beim Orchester regelmäßig die Prominenz: Robert und Clara Schumann, aber auch Hector Berlioz, der 1867 sein überhaupt einziges Köln- Konzert gab. Zu den herausragenden Uraufführungen durch das Gürzenich-Orchester gehören Brahms’ Doppelkonzert (1887), Strauss’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ (1895) und „Don Quixote“ (1898) sowie Mahlers 5. Sinfonie (1904). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen weitere Erstaufführungen von Olivier Messiaen, Hans Werner Henze und Karlheinz Stockhausen hinzu. Zu den jüngsten diskografischen Großtaten des Gürzenich-Orchesters zählt die Aufnahme sämtlicher Mahler-Sinfonien mit Markus Stenz (Oehms/ Naxos).


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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