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Fanfare

Parbleu! Francesco Graf von Algarotti ist empört, dass die geladenen (freilich auch zahlenden) Gäste einfach ohne ihn die getrüffelte Jus über das französische Schwarzfederhuhn haben fließen lassen. Schamhaft schauen die so Gemaßregelten auf die frivolen Goldstuckaturen in der Ovid-Galerie der Neuen Kammern, gleich neben Schloss Sanssouci. Ertappt!
Wir sind beim »Diplomaten-Dinner« der Potsdamer Musikfestspiele als Speise, Trank und Hofklatsch genießende Adabeis im Schloss des abwesenden Monarchen Friedrich Zwo, lassen uns dort auf das Vergnüglichste von seiner schwatzfreudigen Kamarilla beim »Höfischen Tafeln mit Zeitzeugentrüffeln und diplomatischen Filetspitzen« unterhalten. Und aus der Ecke tönt sogar noch versöhnlich feine Flötensonatenmusik von Quantz, Benda, Carl Philipp Emanuel Bach. Der Abend schreitet voran, des Streitens und Lamentierens, Klatschens und Klagens ist kein Ende, bis dann zum Dessert zwischen allerlei Porzellanpötten im Büffetsaal Fränkischer Apfelschnee und Torte von 3erlei Mousse au chocolat gereicht werden. Dann heißt es, dem diesjährigen Festspiel-Motto entsprechend, »Rührt euch!« – und wir sind entlassen.
»Friedrich der Große, die Musik und Europa«, haben – in den großen Jubelchor zum 300. Geburtstag des Preußenherrschers einstimmend – die Musikfestspiele ihr aktuelles Programm untertitelt. Und wieder ist es der ideen- wie finessenreichen Mannschaft um Andrea Palent gelungen, daraus ein Juwel an Musikmomenten, Architekturgenuss, Atmosphäre, Volkshochschulstunde und Witz zu zaubern.
Doch auch in Lyon, bei dem kreativen Intendanten-Denker Serge Dorny, machten wir gern Station. Dort hat sich der schwer angesagte Regisseur Olivier Py einem klischeebeladenen Schwergewicht des Musiktheaters angenommen: George Bizets »Carmen«. Bei Py ist die legendäre Zigeunerin aus Sevilla kein heiliges Monster und keine Antiverführerin, sondern eine nackte Eva mit Schlange, die zwischen der Pappdschungelkulisse ihres Strippschuppens die Habanera gurrt. Auf der Strecke bleibt nicht nur Spanien als Buntkulisse, was Py sowieso nur für Folklorefutter hält. Carmen (chansonesk: Josè Maria Lo Monaco), das ist für ihn eine Erotikarbeiterin auf den Barrikaden der Pariser Kommune – als barbrüstige Allegorie der Freiheit im ganzheitlich allzumenschlichen Sinne. Iberisch-rot sind in Pys ingeniös kreiselnder, letztlich um sich selbst drehender Ausziehtheaterwelt als fellineske Tingeltangel-Hommage nur die Nuttenabsätze und der Bühnenvorhang. Und doch funktioniert alles ganz wunderbar.
In Stuttgart hingegen lernten wir: Die Barockzeit und die Seventies haben viel gemeinsam – kreischbunte Selbstdarsteller, hohe Absätze für Männer, noch höhere Fistelstimmen, modische Geschmacksverirrungen, pompöse Auftritte, hedonistische Alltagsfluchten, schräge Tänze, promisken Sex. Kein Wunder, dass Calixto Bieito, Opernspezialist für all diese Spielarten, in seine Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Ballet bouffon »Platée« Plateausohle mit Olymp kurzschließt.
Das für gewöhnlich in einem nebelumwaberten Sumpfloch angesiedelte Werk von 1745, das man das erste Musical nennen darf, hat Bieito in die koksgeschwängerte Discodunkelheit des heute ausgerechnet als Musicaltheater dienenden New Yorker Studios 54 verlegt. Hier sind Leopardenfrau und Mann am Hundehalsband ganz bei sich, hier dürfen sie ihren Fetisch ausleben. Im Graben bringt Christian Curnyn die tanzverliebte Partitur zum Moussieren und Groven. Besonders wenn die Rockgitarre dazwischenkreischt – im eigentlich überflüssigen, aber hochvirtuosen Auftritt von La Folie, der Frau gewordenen Torheit, die Ana Durlovski mit irrwitzigen Koloraturen als wahnsinnige Rampensaunummer zwischen Edita Gruberova und Janis Joplin hinlegt.
Apropos Edita Gruberova: Ein Hauch slowakischer Hausfrau, auch von welker Porzellanpuppe liegt nach wie vor auf ihren umjubelten Auftritten, deren aktuellster in der Münchner Philharmonie stattfand – in einem Kleid aus Stoffbahnen in diversen Braun-, Beige- und Cognacfarben, mit erstaunlich tiefem, ja gewagtem Rückenausschnitt. Der Anlass für gleich vier konzertante Erscheinungen der Primadonna: wohl das noch glanzvolle, von einer Abendrot-Aureole umstrahlte Einbiegen der inzwischen 65-Jährigen in die Zielgerade ihrer ganz und gar erstaunlichen Karriere – mit einer letzten neuen, schon als Operntitel durchaus eindeutigen Rolle in dem vergessenen Bellini-Sängerfest »La straniera«.
Dieses fremde Fräulein in der schottischen Hütte ist pure Romantik-Fantasie. Blühender Unsinn als Projektionsfläche absurd emotionaler Konflikte und schicksalhaften Zufalls. Doch Edita Gruberova glaubt man jede Regung und jeden Ton. Das Werk legitimiert sich durch seine Interpretin. Ihr Singen, leise, zerbrechlich, in Zartheit verstummend, aber auch laut, scharf, fokussiert, auftrumpfend, duldet keine Zweifel. In dieser neuen Rolle einer Außenseiterin, die geliebt sein will und die doch immer den Menschen fernbleiben wird, weil sich keiner mit ihrer besonderen Begabung messen kann, sie nicht zu ihnen herabsteigen darf, findet diese Künstlerin noch einmal ihre Bestimmung.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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