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Musikwiese

Tanglewood

Die Konzertwiese des Boston Symphony im Osten von Massachusetts hat Kultstatus. Und hat sich mit Andris Nelsons begeisternd verjüngt.

Klar, das amerikanische Kultursystem ist für mich neu, aber das war auch einer der Gründe, warum ich mich für Boston und für Tanglewood entschieden habe. Ich finde hier europäische Tradition und Werte vor, lerne aber auch Neues, muss meinen Horizont erweitern. Meine Frau Kristīne Opolais hat es nicht weit an die Metropolitan Opera. Und ich habe hier die Chance, ein Traditionsorchester, das lange ohne Führung und künstlerische Perspektive auf sehr hohem Niveau verharrt hat, wieder voranzubringen. Die Musiker sind hier sehr offen und sehr hungrig, das mag ich.“
Das sagt Andris Nelsons, sehr bewusst und trotzdem gelassen zurückgelehnt im weißen Hemd, die nackten Füße auf einem Hocker vor sich. So entspannt, wie hier in der offen, holzvertäfelten Presselounge des Tanglewood Festivals bei Tee, Oliven und Erdnüssen, erlebt man den lettischen Dirigenten selten. Schließlich ist der 36-Jährige eine der gefragtesten Pultgrößen.
Allein im letzten Sommer pendelte er als dann im Herbst startender neuer Chef des Boston Symphony zwischen dem traditionsreichen Sommersitz des Orchesters in den Berkshire Mountains im Westen von Massachusetts, wo er vier Programme zu absolvieren hatte, dem Bayreuther „Lohengrin“ und dem Festival Orchestra in Luzern. Nelsons ist ein geborener Kommunikator, er genießt den Austausch jeglicher Art, kann mit seinem freundlichen, offenen Auftreten selbst beim obligatorischen Gala-Dinner mit den Sponsoren im zwei Nummern zu großen Dinnerjacket, der Orchesteruniform in Tanglewood, auf völlig natürliche, immer jungenhaft ehrlich wirkende Weise umgehen.
Deshalb hat man ihn hier wohl auch so begeistert aufgenommen. An einem sehr besonderen Ort. Mögen es viele schöne Sommer mit ihm werden beim wohl schönsten, größten und bedeutendsten der US-Klassikfestivals. Das nämlich ist seit 1937 Tanglewood, die Musikwiese nahe dem wohlhabenden Feriendorf Lenox. Ihr Name geht auf eine Erzählung von Nathaniel Hawthorne zurück, und ursprünglich stand hier nur ein Gutshaus, das während der großen Depression verkauft werden sollte. Als sich kein Interessent fand, schenkten es die Besitzerinnen einfach dem Boston Symphony Orchestra, das gerade nach einem Platz für ein Musikfestival suchte, weil man in diesen schlechten Zeiten auch im Sommer mit Konzerten Geld verdienen musste.

Der ehrwürdige Sommersitz der Bostoner

In den Berkshires, Laubbäume und sanfte Hügel soweit man schaut, hatten sich seit Ende des vorletzten Jahrhunderts die Wohlhabenden aus Boston wie New York angesiedelt. Nur waren ihre Sommerhäuser nicht selten auf über 100 Zimmer gewachsen. Die Immobilieneuphorie hielt allerdings nur 30 Jahre, heute sind die meisten „Cottages“ wieder verschwunden oder wurden umgewidmet.
Auch der Russe Serge Koussewitzky, von 1924-49 Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra, hatte sich hier einen Sommersitz gesucht. Über dem Tanglewood-Grund thront heute noch, versteckt, aber mit herrlichem Blick, Seranak, die mit einem aus den Anfangsbuchstaben von Koussewitzky und seine Frau Natalia gebildeten Namen versehene weiße Holzvilla. Dort dürfen heute die Mitglieder des Supper Clubs teuer tafeln, und wenn die erste Etage nicht mit Gästen des Orchesters belegt ist, können sie auch einen Blick in die mit Memorabilien gefüllten Privaträume der Koussewitzkys werfen, inklusive Sommeranzüge, Taktstöcke, Strohhüte und Hundewaschbecken.
Manchmal kommt Orchestermanager Mark Volpe ein wenig ins Trudeln. Denn kein Musikmanager in den USA führt ein größeres Geschäft. Im Sommer beschäftigt er weit über 1000 Angestellte; Gärtner, Servicemitarbeiter, Cateringkräfte kommen zu den Musikern samt Verwaltung. Dazu gibt es das in Amerika übliche Heer von Freiwilligen, die vor allem auf magisch effiziente Weise die Auto- und Menschenmassen an den Wochenenden zu dirigieren wissen. Denn bis zu 15.000 Menschen sind hier anzutreffen: ergriffen der Musik lauschend auf den vorderen, überdachten 5000 Plätzen in der auf den finnischen Architekten Eliel Saarinen zurückgehenden Haupthalle, „The Shed“ – „Verschlag“. Und bis zu 10.000 weitere Zuhörer, darunter viele Familien, picknickend oder versonnen in Liegestühlen hingestreckt unter den Lautsprechern und vor Videowänden auf der Wiese.

Mit Kupferdach und Backofenklappe

Unter der Woche finden in der zweiten – nach dem vorletzten Chefdirigenten benannten – Seiji Ozawa Hall Liederabende und Kammermusik statt, was wunderbar zu der noblen Holz- und Backsteinarchitektur mit ihrem metallisch grünen Kupferdach passt. Auch hier kann man an der einen Schmalseite die Wände aufklappen und so die dahinter auf der ansteigenden Wiese Sitzenden akustisch und optisch teilhaben lassen. Die Musiker lassen sich dabei auch nicht von einem ausdauernden Vogelkonzert aus der Ruhe bringen.
Ozawa Hall ist zudem der wichtigste Konzertort des ebenfalls seit 1940 hier beheimateten Berkshire Music Centers, das diesen Sommer sein 75-jähriges Jubiläum begeht. Dort unterrichten bis zu 60 BSO-Musiker etwa 160 aus der ganzen Welt ausgewählte junge Instrumentalisten und Sänger. Hier veranstalten sie auch ihre Aufführungen. Koussewitzkys Protegé Leonard Bernstein hat hier über Jahrzehnte unterrichtet, gehörte fast zum Inventar.
In Boston endet die Orchestersaison im April, dann geht es meist noch nach Europa oder Asien, während mancher Musiker als Teil der ebenfalls Kultstatus genießenden Boston Pops im Dinnerjacket leichten, aber nicht leichtgenommenen Klangdienst versieht. Dann ist Urlaub, und anschließend geht es in die Sommerarbeitsfrische: Acht Wochen lang ist das komplette Orchester in den Berkshires zu Hause, man hat hier längst seine Wohnungen, Gastfamilien, festen Restaurants, Lieblingsplätze.

Neustart im Freien

Mit dem ehemaligen Chefdirigenten Seiji Ozawa war es auch in Tanglewood am Ende etwas zäh, der gesundheitlich angeschlagene James Levine wurde hier nie wirklich heimisch und beschränkte sein Engagement auf das Nötigste. Ganz anders Andris Nelsons, den die Wälder sehr an die Sommerstimmung seiner Heimat erinnert: „Nur ist es dort länger hell“, lächelt er. Der Aufbruch ist also geglückt. Es herrscht wieder Leben im Tanglewood-Idyll. Wobei man an der Programmmischung nichts wirklich geändert hat. Es gibt Bekanntes und Bewährtes, das Contemporary Music Weekend fordert etwas mehr heraus mit raffiniert gemixten Konzertfolgen. Die großen Stars sind gern hier, und umgekehrt müssen mit ihnen die Besucher gelockt werden, denn nur ein geringer Prozentsatz kommt aus der nach wie vor wohlhabenden Nachbarschaft.
Tanglewood ist eben mehr als nur ein Konzert. Hier verbinden sich Musik und Natur aufs Feinste Auch der Gaumen lässt sich gern kitzeln. Das alles in himmlischer Ruhe und völlig stressfrei. Amerika, manchmal hast Du es wirklich besser.

www.bso.org/brands/tanglewood/features/
2015-tanglewood-season.aspx


Ab in’s Grüne

Das prallvolle Tanglewood Festival 2015 dauert vom 3. Juli bis zum 29. August. Das Boston Symphony unter Andris Nelsons spielt fünf Programme, zu den bewährten Solisten gehören Jean-Yves Thibaudet, Renaud und Gautier Capuçon, Håkan Hardenberger, Yo-Yo Ma und Christian Tetzlaff. Außerdem sind Joshua Bell, Charles Dutoit mit Leonidas Kavakos, Christian Zacharias mit Baiba Skride und Sarah Connolly, Christoph von Dohnányi mit Vadim Gluzman, Stéphane Denève mit Cameron Carpenter, Sondra Radvanovsky und Bryn Terfel im ersten Akt „Tosca“, Ludovic Morlot mit Pinchas Zukerman, Sir Neville Marriner mit Paul Lewis sowie Michael Tilson Thomas mit Emanuel Ax am Start.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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