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(c) Gabriela Montero

Gabriela Montero

Brandfackelweitwurf

Mit „ExPatria“ erinnert die Pianistin an politische Opfer in Venezuela – und attackiert das Education-Projekt „El Sistema“.

Die Bartoli übernimmt ein Orchester in Monte-Carlo. Nikolaus Harnoncourt bildhauert nur noch. Und Pianistin Gabriela Montero interpretiert und improvisiert nicht mehr nur, sondern komponiert auch. „ExPatria“ für Klavier und Orchester, ihr Erstling, reflektiert die politischen Erfahrungen in ihrem Heimatland Venezuela. „Das Werk ist den 66.000 Opfern gewidmet, welche die Diktatur in Venezuela allein in den letzten drei Jahren gekostet hat.“ Eine Opferzahl, die tatsächlich höher ist als die Gesamtzahl der im Vietnam-Krieg getöteten amerikanischen Soldaten.
Montero verließ ihr Heimatland 1978 gemeinsam mit ihrer Familie, um in den USA Vezu studieren. „Von 2003 bis 2006 habe ich mit meinen beiden Töchtern noch einmal in Caracas gelebt“, erzählt sie. „Bis es zu gefährlich wurde – wegen der Bedrohung durch Entführung und durch Mord.“ Ihr Bruder wurde allein drei Mal entführt, bevor auch er sich wieder ins Ausland rettete. Sozial regieren Gewalt und Chaos. Die Zahl der Morde in Venezuela im letzten Jahr war deutlich höher als die in Europa und in den USA zusammengenommen.
Und dennoch, wie Montero hinzufügt, wird Venezuela bewundert für das berühmte Education-Projekt „El Sistema“, in dem Straßenkinder zu Orchestermusikern umgewandelt werden. Eine Idee, die weltweit kopiert wird. „Vor 40 Jahren, als ‚El Sistema’ von José Antonio Abreu gegründet wurde, handelte es sich um ein integres, in seiner Art vorbildliches Education-Projekt“, so Montero. „Heute dagegen ist es das beste Propaganda-Instrument, über das die politische Führung verfügt.“
Das „Sistema“ sei von der Regierung „gekauft“ worden, und zwar schon zu Zeiten von Hugo Chávez. 2007 begann er, das Projekt massiv mit Geld zu stützen, „um es zu einer Waffe im Einsatz für sein Regime zu machen. Ich würde schon sagen, dass damit die positive Idee des ‚Sistema’ in ihr Gegenteil verkehrt wurde“.
Auch Gustavo Dudamel als Chefdirigent des Simón-Bolívar-Orchesters ist hiervon direkt betroffen. „Dudamel hat das Mittel des Schweigens gewählt und ist aktiv in die Geschehnisse verwickelt. Eine Schande!“, klagt Montero. „Richtig wäre, Farbe zu bekennen und sich aus dem Projekt zurückzuziehen, das auf die falsche Seite geraten ist. Treten Sie zurück, Herr Dudamel! Und lösen Sie Ihre Freundschaft mit der Diktatur!“
Montero selbst debütierte als Pianistin 1978 mit dem Simón-Bolívar-Orchester, das damals von Abreu selber dirigiert wurde. „Ein sehr guter Dirigent“, so Montero. „Er hat das Projekt unter verschiedensten Regierungen erfolgreich durch die Zeiten manövriert“. Dennoch: „In Venezuela herrscht eine Diktatur. Es gibt Folter, Unfreiheit und die Allgegenwart von Gewalt. Ich halte die Verbindungen von Abreu in Venezuela“, so Montero, „für zu gut, um ihn für unbeteiligt am dortigen Unrechtssystem zu halten“.
So steht hinter der neuen CD von Gabriela Montero, die als Improvisationskünstlerin bekannt geworden ist und hier an der Seite des YOA Orchestra of the Americas auch das 2. Klavierkonzert von Rachmaninow spielt, eine politische Mission. Eine weit geworfene Brandfackel, nichts weniger.

Neu erschienen:

Rachmaninow, Montero

Klavierkonzert Nr. 2, Ex Patria u.a.

Gabriela Montero, YOA Orchestra of the Americas, Carlos Miguel Prieto

Orchid/Naxos

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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