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Privatkonzerte

Befreite Klänge

Überall die gleichen Stars: Wenn Bürger selbst Konzerte veranstalten, programmieren sie nur für wenige – aber mutiger.

Ist die Interpreten-Monokultur in den wichtigen Konzertsälen und bei prestigeträchtigen Festivals nicht auffallend? Es hat mit Mechanismen zu tun, die ihrerseits schon eine überraschende Tradition haben – und die refugienschaffende Gegenbewegung ebenso. Die Ursachen sind eigentlich banal. Private Konzertdirektionen sind nun einmal Wirtschaftsunternehmen, auf den Staatlichen aber lastet der Druck, unerhörte Subventionen zu legitimieren. Das war auch vor fünfzig Jahren nicht anders, aber um den bildungsbürgerlichen Publikumszuspruch musste man sich damals keine Sorgen machen, die Kassen klingelten durchaus auch bei Streichquartetten oder den heute ausgestorbenen Liederabenden.
Das alles ist Geschichte, allenfalls der Sokolov-Kult erinnert ein wenig daran. Aber irgendein Publikum muss um jeden Preis in die großen Säle getrieben werden, und da sind die Geschmacksschwellen schon einmal abzusenken. Die hoffentlich lockenden, meist juvenilen Künstlertypen lässt sich der Konzertbetrieb von der Plattenindustrie casten und vorfertigen, die allerdings kaum von ihren teils abstoßenden Inszenierungstechniken profitiert. Diese exakt nach Zielgruppen zugeschnittenen Instrumentalisten werden allesamt von den gleichen international operierenden Agenturen verteilt. Früher herrschte die gerne dämonisierte Cami allein, heute teilen sich eine Handvoll Majors wie HarrisonParrot, Schmid oder IMG (die natürlich auch wirklich Große im Portfolio haben) den magerer werdenden Kuchen. Wer nicht bei einer derartigen Adresse unter Vertrag ist, wird niemals, wirklich niemals mit einem deutschen A- oder B-Orchester spielen oder in einer prestigeträchtigen Reihe eingeladen.
Diese etwas manichäisch beschriebenen Vermarktungsabläufe haben natürlich nichts mit Kunst zu tun, und das würde außer vielleicht den vielen eilfertig interviewenden Journalisten auch niemand behaupten, sind sie doch ebenso von betriebswirtschaftlichem Kalkül geleitet. Ein klassisches Konzert ist aber keine Ware, es ist – ob man das nun mag oder nicht – eine Denkform, geprägt von kulturellen Erfahrungen und kunstreligiöser Emphase. Man kann dieses im besten Sinne museale Ritual aber immer noch mit Leben füllen, ohne es zu zerbrechen.

Hochkarätige Debütanten

Die um sich greifende Monokultur gefiel dem aus London stammenden Wahlberliner Barnaby Weiler gar nicht. Viele seiner Lieblingspianisten waren in der Hauptstadt einfach nicht zu hören: „Eigentlich ist es unglaublich, dass Nikolai Lugansky zum Beispiel im letzten Jahr beim Berliner Klavierfestival sein Berliner Rezital-Debüt gegeben hat oder Marc André Hamelin im Jahr davor! So dachte ich, und vielleicht war das auch naiv, wenn ich diese Künstler hören möchte, dann muss es in Berlin und Umgebung auch noch 400 andere Klaviermusikfans geben, denen es genauso geht wie mir.“ Und so half er sich selbst und gründete 2012 das „Berliner Klavierfestival“, das mit seinem konzeptionellen Purismus wenig mit dem Festival- Wildwuchs in irgendwelchen Wassermühlen oder Scheunen zu tun hat. Eher meint man eine thematisch verdichtete Abonnementsreihe zu besuchen, die uns regelrechte Hochämter der Klavierkunst bietet: Zweimal schon war eine der größten Pianistinnen unserer Zeit zu hören, Elisso Virsaladze, die letzte aktive Neuhaus-Schülerin. Hier folgt ein Veranstalter kompromisslos seinem gehobenen Geschmack: „Die klassische Musik ist keine Popmusik, und für mich sehe ich auch keine Langzeit-Strategie darin, Marketingstrategien der Popmusik zu imitieren, um die Künstler einem breiteren, wahrscheinlich aber weniger interessierten Publikum nahe zu bringen.“ Man muss kaum darauf hinweisen, dass dieses Festival keinerlei Gewinn abwirft, es besteht nur dank einer Reihe engagierter kleiner Sponsoren, Paten jeweils einer Veranstaltung. Der Lohn der Mühen ist ein rein ideeller. In den Augen der Kenner und Liebhaber lebt die Klavierwelt, deren alte Leuchttürme wie das Klavierfestival Ruhr längst recht profilschwache Massenveranstaltungen sind, von solchem Engagement.

Klavierbauer und Mäzene

Und noch einmal ideeller Lohn, an den man, wenn der Name der Firma Bechstein fällt, wohl nicht sofort denkt. Auch Bechstein organisiert sehr erlesene Konzerte, in Berlin, Düsseldorf und Hamburg, und beruft sich dabei auf eine weitgehend vergessene, bedeutende Geschichte. Kaum jemand wird wissen, dass Londons renommierteste Spielstätte, die Wigmore Hall, 1901 als „Bechstein Hall“ ihre Pforten öffnete, ganz und gar finanziert vom einstmals mächtigen Klavierbau-Imperium. Dem ging es natürlich primär um die Vermarktung ihrer Instrumente. Aber der Mehrwert dieses Engagements für die Gesellschaft war immens, denn das Unternehmen verband sich mit markanten Künstlerpersönlichkeiten wie Busoni oder Skriabin. Heute ist das alles eine Nummer kleiner, doch die kulturträchtige „win-win-Situation“ besteht noch immer: „Was hat Bechstein davon? Dass viele hochkarätige Pianisten unsere Konzertflügel kennen und lieben lernen. Und natürlich verleihen Künstler wie Kit Armstrong einer großen alten Marke mit ihren Konzerten einen neuen Glanz“, sagt Gregor Willmes, als Kulturmanager verantwortlich für die Reihe. Und was hat das Publikum davon? Wie beim Berliner Klavierfestival herrscht bei Bechstein ein erlesener Kunstgeschmack. Wo hört man sonst aus der Zeit gefallene Urgesteine wie Juri Egorov aus Petersburg oder einen großen Schwierigen der jüngeren russischen Schule, Nikolai Demidenko? Auch dies ist ein Geschenk an die Kenner und Liebhaber. Man habe einen Kulturauftrag, der über ausgesuchte Künstlerpolitik bis zur Stiftungsgründung reicht, betont Willmes. Eine respektvolle Bewahrung traditioneller Kulturformen verträgt sich also doch ganz gut mit den Interessen eines Wirtschaftsunternehmens.
Auch die Gestalt des klassischen Mäzens spielt immer noch eine gewichtige Rolle. Hören wir Dr. Niemann aus Köln: „In den achtziger Jahren bot mir mein ehemaliger Klavierlehrer seinen Steinway B zum Kauf an. 1992 bereitete sich an diesem Flügel in meiner Wohnung Rudolf Kehrer auf ein Konzert vor. 1993 zog ich in ein kleines Haus auf das Land in das Dörfchen Busch, und der Gedanke entstand, Haus nebst Flügel Künstlern zur Vorbereitung auf Konzerte zur Verfügung zu stellen und bei dieser Gelegenheit zu fragen, ob sie das Konzertprogramm nicht vorher ausgewählten Gästen vortragen wollten. So entstand die Reihe der ‚Buschkonzerte‘“. Das klingt so bescheiden, dass man von den Namen der bereits aufgetretenen Giganten der russischen Schule geradezu erschlagen wird: Igor Zhukov, Lev Vinocur, Vassily Lobanov und Stanislav Bunin, unter den Jüngeren die wunderbare Ekaterina Derzhavina. Ohne Niemanns finanzielle Hilfe hätte ihre Referenzeinspielung der Sonaten Haydns niemals erscheinen können. In der oben beschriebenen, dem Kommerzgout huldigenden Sphäre hätten solche Künstler kaum eine Chance, sie können nur in solchen liebevoll erstellten und gehegten Biotopen überleben.

Baseler Leckerli

Dass das Schaffen solcher Refugien eigentlich ein altes Thema ist, beweist die Erfolgsgeschichte der „Gesellschaft für Kammermusik Basel“, die bereits seit 1926 besteht und an ihrer dürr-statuarisch festgelegten Bestimmung eisern festhält: „Der Verein bezweckt die Pflege der Kammermusik in Basel durch Veranstaltung von Konzerten mit internationalen und schweizerischen Künstlern.“ Ein Blick in das geradezu quartett-enzyklopädische Archiv dieser von privater Mitgliedschaft getragenen Konzertreihe bietet ein einzigartiges Panorama. Schon in den frühen Jahren meinte man es ernst. So war am 5.2.1927 das Basler Streichquartett mit Quartetten von Tanejew und Hindemith zu hören, die ein Regersches Streichtrio rahmten. Moderne Vermarkter würden hier wohl den „Spaßfaktor“ vermissen. Kürzlich ist die 89. Saison ausgeklungen, und von einer Repertoireaufweichung kann man nicht gerade sprechen; die Kombination der Horntrios von Brahms und Ligeti, dazu noch etwas Poulenc (im Konzert Nr. 889) wirkt jedenfalls nicht sonderlich populistisch. Dass das Publikumsinteresse an der Gesellschaft enorm ist, liegt nicht zuletzt an der Klasse der eingeladenen Ensembles: In keiner konventionellen Abo-Reihe würde man in einer Saison (2010) das Hagen Quartett, das Leipziger Streichquartett, das Emerson Quartet, das Arditti Quartet und das Quatuor Ysaÿe auf der Perlenschnur gereiht bekommen. Ein Trost für alle weit Entfernten: Seit einiger Zeit erscheinen nun auch Konzertaufnahmen der Gesellschaft auf CD und Bluray, die – als audiovisuelles Zuckerstück – das Hörerlebnis mit einem Film des Konzerts in der Totale bereichern.
Gut, Basel ist nun sozusagen der Everest unter den privaten Gesellschaften. Aber es gibt viele. Dem ökonomischen Druck entzogen, den Massen gefallen zu müssen, blühen die alten Konzertgattungen in den stilleren Winkeln beruhigt und schön weiter.


www.berliner-klavierfestival.de www.bechstein.com/konzerte-pianisten www.niemannlab.de/musik/ buschkonzerte (um Anmeldung wird gebeten)
www.kammermusik.org/


Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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