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Berliner Philharmoniker

Wer die Wahl hat ...

Mit der missglückten Wahl eines Nachfolgers für Simon Rattle rutschen die Berliner Philharmoniker in eine hübsche Krise.

Die Papst-Wahl ist ein Witz dagegen! Das Debakel um die misslungene Abstimmung über einen Nachfolger von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern (ab 2018) hat auch damit zu tun, dass die Musiker dieses Orchesters weniger miteinander reden als die Kardinäle im Vatikan. So muss bei der Wahl erst alles ausdiskutiert werden. Und die Blamage einer Nicht-Entscheidung muss als ein Krisensyndrom für ein Ensemble wahrgenommen werden, das bis heute den Ruf nicht losgeworden ist, das „beste Orchester der Welt“ zu sein.
Sein superiores Image schreibt sich von Herbert von Karajans finanzieller und klanglicher Aufbauarbeit her. Doch mit Karajan kam auch der Riss, der sich quer durch’s Orchester zieht. Der ist auf schmerzhafte Weise jetzt wieder aufgebrochen: ein Spalt zwischen konservativen Anhängern der alten Karajan-Herrlichkeit und den Rattle-Progressiven.
Wer die Berliner Philharmoniker etwas kennt, vermag sich leicht vorzustellen, wie bei der Stich-Wahl – vermutlich zwischen Andris Nelsons und Christian Thielemann – die Diskussion in eine Grundsatzdebatte ausuferte und eskalierte. Es wird darum gegangen sein, ob man das ganze Education-Gewese und den Hype um Neue Medien (Digital Concert Hall) eigentlich wirklich brauche? Oder ob man sich nicht besser auf sein gutes Kerngeschäft der Traditionspflege zurückbesinnen solle, mit dem man das geworden sei, was man ist: Branchenführer – und reich.
Das jetzige Problem: Indem man sich für niemanden, auch nicht für Riccardo Chailly oder Mariss Jansons entscheiden konnte, weder für Daniel Barenboim noch für Yannick Nézet-Séguin, hat man es sich eigentlich mit allen Großen verscherzt. Mit welcher Herzlichkeit will man denn einen der Abgeblitzten in die Arme schließen, nachdem man ihm jetzt beinahe das Misstrauen ausgesprochen hat? Da wäre von vorne herein der philharmonische Wurm drin. Chancen haben jetzt eigentlich nur die Außenseiter. Diejenigen, die noch gar nicht diskutiert wurden wie etwa Kirill Petrenko oder Esa-Pekka Salonen.
Auch gab es noch nie eine Philharmoniker-Wahl, bei der im Vorfeld so viele Favoriten ihr Desinteresse bekundeten. Thielemann und Barenboim haben in diversen Interviews höflich, aber eindeutig abgewunken. Dudamel und Jansons verlängerten sogar anderswo ihre Verträge. Das ist die Quittung eines hochmögenden Orchesters, das sich seine Gesetze selber gibt. Und bei niemandem vorher anfragt. Weil es sich nämlich für unwiderstehlich hält.
Ü-Wagen und Journalisten ließ man während der Wahl stundenrund im Freien kampieren. Über das Prozedere – altmodisch intransparent wie nur möglich – wurde Stillschweigen beschlossen wie in einer Logenvereinigung. Sogar über die Art der zu erzielenden Mehrheit herrscht Unklarheit. Das passt wenig zum Image eines modernen, zukunftsweisenden Orchesters. So haben sich die Berliner Philharmoniker – vielleicht weil sie an ihre eigenen demokratischen Usancen zu wenig gewöhnt sind – in die schwerste Krise der letzten 35 Jahre buchsiert. Man wird sich trotzdem wieder fangen. Wie heißt es so schön: ‚Kopf hoch, wenn auch der Hals dreckig ist.’

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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