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Zermatt Festival

Musik unterm Matterhorn

Ent- oder verhüllt er sich? Das ist am Ort die meistgestellte Frage. Aber keine Angst: Wir sind in der Schweiz, genauer in Zermatt, und da geht es bekanntlich anständig zu. Der von der Öffentlichkeit sehnsuchtsvoll erwartete Striptease in vollstem Sonnenlicht ist der des Matterhorn-Gipfels. Schließlich sind wir auch angereist, um die spektakulärste Bergspitze der Alpen zu beäugen. Eine Ortsbesichtigung von Matthias Siehler.

Das Hinaufkraxeln überlassen wir den geübten Steigern, die sich dort gleichwohl in Massen tummeln. Wir sitzen geruhsam in der noch wohlig wärmenden September-Nachmittagssonne auf halber Hornhöhe zwischen Walliser Bauernhütten bei Max und Greti Mennig vor deren heimeligem Almrestaurant »Zum See«. Da vertreiben wir uns die Zeit, bis das Matterhorn nicht mehr ein Nebelhorn ist, mit dem Vertilgen von herrlich mürbem Rehgeschnetzelten mit Pfifferlingen. Und weil die Wolken sich immer noch zieren und auch im Magen noch ein Eckchen frei ist, müssen noch eine Portion Vermicelles dran glauben. Die Würmer bestehen allerdings aus Esskastanienpüree, Kirschwasser sowie Vanillezucker und sehen aus wie braune Spaghetti.
Geruhsames Wallis in der Nachsaison! Die Sommertouristen sind schon weg oder treiben nach der Seil- beziehungsweise Zahnradbahnbesteigung von Kleinem Matterhorn und Gornergrat in Zermatt rudelweise durch die enge, dabei dicht mit Andenkenläden und Fonduestuben bestückte Dorfstraße. Weit über deren Dächern bekommt man auf flachen, doch bereits mit Hochalpenfeeling sich dahinschlängelnden Pfaden so gar nichts mit von den Auswüchsen globaler Reisefreudigkeit, der auch Zermatt in weiten Teilen als austauschbare Folklorestube geopfert wurde. Da flitzen die Murmeltiere, duftet Heu vor uralten Schobern und schiebt sich stolz immer wieder das alles beherrschende Horn in den Panoramablick.
Abends geht es dann ins Konzert. Auch Zermatt möchte seine Saison verlängern und hat sich auf seine musikalische Vergangenheit besonnen. Eine wirkliche Musikstadt wird Zermatt sicher nie, aber schon Yehudi Menuhin und Pablo Casals haben hier einst konzertiert. Daran will man anschließen. Mit dem seit einigen Jahren sich steigender Beliebtheit erfreuendem Zermatt Festival. An drei Septemberwochenenden hat das Scharoun Ensemble, gebildet von den renommiertesten Solisten der Berliner Philharmoniker, hier Residenz- und Auftrittsmöglichkeiten gefunden. Man spielt in der St. Mauritius- Pfarrkirche unter dem seltsam barock nachempfundenen, aber modernen Deckengemälde, in dem auch Skifahrer und TV-Geräte erscheinen, sowie in der Riffelalp Kapelle, weit über dem Ort. Feine Kammermusik ist hier zu hören, aber auch Gäste wie der Estonia Philharmonic Choir, Stella Doufexis, Stephan Genz und der Saxofonist Daniel Schnyder, der auch als Composer in Residence fungiert, ergänzen die anspruchsvollen, allerdings nie anstrengenden Programme.
Man ist schließlich in den Ferien. Auch wenn hier so mancher den sommerlichen Festival-Marathon ausklingen lässt, bevor die Orchestersaison zu Hause wieder losknattert. Wirklich arbeiten müssen in Zermatt nur junge Instrumentalisten, die in einer Akademie von den philharmonischen Lehrern den letzten Schliff bekommen und immer wieder ihr Können in Konzerten mit oder ohne Scharoun Ensemble vorstellen. Man tut pädagogisch Gutes, und der anspruchsvolle Musikfreund hat was davon. Auch in der Schweiz wird eben längst nicht mehr nur gejodelt.


www.zermattfestival.com


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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