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Olga Peretyatko

„Ich habe vor keiner Partie Angst“

Pesaro als Schicksalsort: Hier wurde die Sopranistin berühmt, hier heiratete sie und hierher kehrt sie geistig mit einem Rossini-Rezital zurück.

Immer wieder auffällig: die tiefe Sprechstimme, leicht rauchig, wohlig erwachsen. Ganz im Gegensatz zur jungmädchenhaften, strahlend weiblichen Erscheinung. Aber Olga Peretyatko, die eigentlich mal Chordirigentin werden wollte, und deren zartes Aussehen nicht über Nerven aus Stahl und einen eisernen Willen hinwegtäuschten darf, überrascht gern. Nicht nur mit den gestochen brillanten, trotzdem sanft perlenden Spitzentönen, feingliedrigen Koloraturen und gefühlvollen Legato-Linien, die man von ihr zu hören bekommt.
Auch mit einer Aussage wie: „Ich fühle mich gegenwärtig sauwohl in meiner Sopranistinnenhaut. Ich singe alles, was ich möchte. Es gelingt auch. Ich habe vor keiner Partie Angst“. Auch nicht vor der Traviata, die sie seit Januar im Repertoire hat, gerade in Baden-Baden in einer Neuinszenierung von Tenorkollege Rolando Villazón zum zweiten Mal gesungen hat. „Dort wechselte ich durch mehrere Seinszustände, stand mit meinen Erinnerungen auf der Bühne. Und kann auch nur wieder sagen: Das mit den drei Stimmen für die Violetta ist Quatsch. Von wegen Koloraturkür im ersten Akt, lyrisches Laufen im zweiten, dramatische Ausbrüche am Ende. Man muss das mit einer Stimme, der eigenen, der vertrauten Technik singen, und die muss passen. Bei mir passt sie. Eine wundervolle Traumrolle, auf die ich mich jedes Mal wieder freue.“

Die Berufung ausleben

Kein Zweifel, die 34-Jährige fühlt sich wohl in ihrer Haut und in ihrer Karriere. Keine Klage, kein Stöhnen über zu viel Stress, Alleinsein im Hotel, immerwährende Perfektion: „Ich habe mir das ausgesucht“, sagt sie. „Und es ist viel besser geworden, als ich es mir ausgemalt habe. Schließlich hat jeder Beruf Vor- und Nachteile. Aber bei mir ist es auch Berufung. Und die lebe ich aus.“ Aber nicht egoistisch: Zwischen den Proben in Baden-Baden ist Olga Peretyatko stets, wenn sie Zeit hatte, mit einem gemieteten Wagen schnell nach Bologna gefahren.
Zu ihrem zweiten Mann, Michele Mariotti, Sohn des Rossini-Festivalintendanten Gianfranco Mariotti, der dort Musikdirektor am Teatro Communale ist. Wenn er nicht in New York oder an der Met dirigiert. Aber nur ganz selten mit ihr. „Wir haben bisher nur drei Produktionen gemeinsam gemacht“, sagt Peretyatko schnell. „Uns gibt es eigentlich nicht als Tandem, das ist und soll die große Ausnahme bleiben. Umso wichtiger ist, dass jeder, wenn er Zeit hat, zum anderen fährt.“ Nur drei Produktionen – aber eine war eben die Entscheidende: 2010, natürlich wieder in Pesaro, wo sie die weibliche Hauptrolle in „Sigismondo“ sang und er am Pult stand. Zwei Jahre später haben sie geheiratet – auch in Pesaro. Nun ist „Sigismondo“ alles andere als eine wichtige Rossini- Oper, doch für Olga Peretyatko wird sie, die auch als DVD-Aufzeichnung vorliegt, immer eine besondere Bedeutung haben, so wie natürlich auch der Adria-Ort in den Marken.

Bellini und Verdi schon im Visier

Auf der Bühne hat die polyglotte Russin, die an der Hanns-Eisler-Schule in Berlin ausgebildet wurde und dort immer noch ihre Zweitwohnung hat, derzeit freilich die verzierungssüchtigen Rossini-Damen etwas beiseitegelegt, ist längst schon bei den lyrisch-dramatischen Koloraturrollen wie Verdis Violetta oder Bellinis Amina und Elvira angekommen: „Auch eine Norma plane ich; den Weg sehe ich ganz genau für mich dorthin führen“, kommt es forsch. Im Herbst singt Peretyatko erstmals die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss. Auf ihrer aktuellen CD aber, der dritten für ihr Hauslabel – worin sich immerhin offenbart, dass man mit dieser Künstlerin zufrieden ist, ihr einen langen Atem gibt – blickt sie eher zurück, lässt ihre Karriere von den Anfängen an in einem quasi-nostalgischen Arienreigen akustisch Revue passieren.
Nicht ganz. „Denn als ganz junges Ding war ich zweiter Alt im Chor. Und auch dann habe ich erst mal tiefe Mezzopartien gelernt“, erzählt sie. Aha, daher die dunkle, eben typisch russische, sich gar nicht zerbrechlich anhörende Sprechstimme. Jetzt aber erweist die Petersburgerin Gioachino Rossini, der sie die ersten Stufen ihrer Karriereleiter quasi schwerlos hinaufexpediert hat, eine CD-Hommage. Und mehr noch, es ist auch eine Verbeugung vor dem Genius loci von Pesaro, wo sie 2009 als Desdemona erstmals im Hauptfestival Furore gemacht hatte. „Und jetzt singe ich die Rolle in der genau gleichen Sängerkonstellation – mit Juan Diego Flórez als Rodrigo und Gregory Kunde, der als einziger Tenor auch den Verdi-Otello im Repertoire hat – wieder an der Mailänder Scala, das ist ein wenig wie in einer Zeitmaschine.“

Stilkunde bei der „Schildkröte“

Wer in Pesaro die Festival-Höhe erreicht hat, der ist meist durch die Ebene der Rossini-Akademie gegangen. Die wiederum wird nach wie vor von dem inzwischen 87-jährigen Alberto Zedda geleitet, nicht nur ein Methusalem unter den Tatstockgrößen, den man gern mit einer uralten Schildkröte vergleichen möchte, sondern auch die Rossini-Autorität schlechthin. Und Zedda befand nicht nur 2006, das junge Ding da möge gefälligst in der alljährlich von den Akademisten als Kür-Oper präsentierten „Die Reise nach Reims“ nicht nur den Parade- Fioritur-Part der Contessa di Folleville memorieren, sondern auch die harfenumrauschte, der Madame de Stael nachempfundene, schwärmerische Rolle der Corinna – 2007 kam die dann auf die Bühne, einmalig in der Festivalgeschichte.
Zedda als gutmütiger und gleichzeitig strenger Stimulator steht auch jetzt am Pult des Orchestra del Teatro Comunale di Bologna, in Pesaro alljährlich der Festival-Klangkörper, in allen seriösen wie komischen und halbtragischen Valeurs erfahren und in seinem Klang der Peretyatko bestens vertraut. So ist das nun – wer weiß, wie viele CDs Zedda noch angeht? – ein mustergültiger, stilistisch vorzüglicher, oftmals über zehnminütiger Arienparcours geworden. Die Matilde di Shabran hat die Sopranistin 2012 in Pesaro gesungen, die Fiorilla im „Turco in Italia“ anderswo mit großem Erfolg. Die „Tancredi“- Amide, deren große Kerkerszene komplett eingespielt wurde, hat sie erstmals 2014 in Moskau konzertant ausprobiert. Auch die um eine Stufe voluminösere Semiramide – Kenner sprechen hier von der allerletzten Barockoper – ist kein Arienzufall, die Rolle kommt bald. Und selbst die ist, neben der Solonummer der Rosina aus dem „Barbier von Sevilla“, die einzige populäre Nummer dieses Albums.
Das übrigens noch ein Nachspiel hatte. „Die Aufnahmen im letzten November liefen so gut, dass ich spontan ein öffentliches Konzert am letzten Tag organisiert habe“, erzählt Olga Peretyatko. Es kamen sehr viele Studenten, es wurde ausführlich diskutiert und gefragt, ich habe geredet und gesungen. Das ist ein tolles Dokument. Ich spreche fünf Sprachen, bin in Divenrobe und in Jeans zu sehen. Es wird im italienischen Fernsehen laufen und kommt vielleicht für eine Deluxe-Version als DVD-Beigabe.“

Erscheint im Juli:

Rossini

Olga Peretyatko, Orchestra di Teatro Comunale di Bologna, Alberto Zedda

Sony


Noch viel vor

Olga Peretyatko hat auch weiterhin sehr konkrete Karriere-Pläne, die neben dem Genießen des Altvertrauten auf beständige Weiterentwicklung ausgerichtet sind. Und ihr liebster Satz lautet: „Das mache ich, aber ich darf noch nicht sagen wo.“ Was sie sagen darf: Im Herbst singt sie die Adina im „Liebestrank“ in Brüssel, November und Dezember sind der „Rigoletto“-Gilda in New York und Madrid vorbehalten. Auch „Turco in Italia“ wird wiederkommen, alle vier Frauenrollen in „Hoffmanns Erzählungen“ singt sie in Monte Carlo. Donizettis Anna Bolena ist vereinbart – mit dem Fernziel der kompletten Königinnen-Trilogie. Und Puccinis Magda in „La Rondine“ würde sie reizen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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