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(c) Maike Helbig

Felix Klieser

Kein Mittel gegen den Tod

Sein zweites Album widmet der junge Hornist ganz den Konzerten der Wiener Klassik. Ein Gespräch über technische Raffinessen, orientierungslose Studenten und Mozarts Wurschtigkeit.

Es ist schon seltsam genug, wenn ein vierjähriges Kind den verdutzten Eltern mitteilt, dass es gerne ein Instrument lernen möchte. Und die Sorge ist berechtigt, denn nur wenigen ist ein erfüllter Weg in den Musikerberuf vergönnt. Verständlich also, wenn im Falle von Felix Klieser, der ohne Arme auf die Welt kam, die Eltern es mit Alternativen probierten, denn der Junge hatte sich mit dem Horn auch ein höchst heikles Instrument in den Kopf gesetzt. „Meine Eltern, beide Juristen, mussten sich erst einmal informieren, wie so ein Waldhorn aussieht.“ Doch weder Xylofon, noch ein Posthörnchen konnte das zielstrebige Kind zufriedenstellen, Felix hatte sich in den warmgoldenen Klang bereits verliebt.
Inzwischen liegen zahlreiche Stationen, darunter der Bundessieg bei „Jugend musiziert“ und das als 17-jähriger Jungstudent aufgenommene Studium in Hannover hinter dem jungen Mann. Die Auszeichnung mit dem ECHO Klassik als Nachwuchskünstler des Jahres, die er für sein Album „Reveries“ mit Kammermusik der Romantik erhielt, war ein weiterer Schritt der Anerkennung und brachte ihm eine Flut von Interviewanfragen. Aber am Ziel ist Felix Klieser noch lange nicht. Er möchte nicht als „Star von morgen“ wahrgenommen werden, erst recht nicht als „Trotzdem-Musiker“, der auf dem Mitleid-Ticket fährt. Klieser ist Hornist mit Leib und Seele, und das belegt er neben seinem nuancierten, klangfarbenreichen Spiel auch mit der Programmfolge seiner Aufnahmen. Sein neues Album stellt dem schwelgerischen Tonfall der Romantik die Konzerte der Wiener Klassik zur Seite. Aber auf die vier Mozart-Konzerte, die Schlachtrösser dieser Epoche, verzichtet er dabei ganz bewusst, denn es gibt noch mehr zu entdecken.
Beim Treffen in Berlin wirkt der 24-Jährige freundlich und konzentriert, aufgrund der noch anstehenden Proben des Tages leicht angespannt – da kommt noch nicht sein trockener, schlagfertiger Humor zum Tragen, den er zwei Wochen später in aufgeräumter Laune bei seiner CD-Präsentation aufblitzen lässt. Felix Klieser muss nicht kuscheln, und er möchte auch nicht geschont werden.

Keine Schlachtrösser, sondern Raritäten

„Meine erste CD kreiste programmatisch um die Entwicklung vom Naturhorn zum Ventilhorn, die Musik war sehr gesanglich und setzte auf die reichhaltigen Klangfarben des Instruments. Die jetzige CD ist das genaue Gegenteil.“ Denn die technischen Mittel des Naturhorns waren zunächst begrenzt, und es waren einige wenige Könner – vor allem Giovanni Punto und Joseph Leitgeb –, die mit gezielten Stopftechniken den Tonvorrat so erweiterten, dass das Horn für solistischen Einsatz interessant wurde. Dann aber lieferten sein nobler Ton, seine schmetternde Attacke den Komponisten eine Steilvorlage. „Die Musik der Wiener Klassik versprüht immer eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit, und die sollen bei mir jenseits aller technischen Anforderungen stets im Vordergrund stehen“, erläutert Klieser, „Hohe Töne dürfen also nicht hervorstechen, auch wenn das schwer ist.“ Inwieweit lassen sich Eigenheiten der Widmungsträger noch entdecken? Klieser überlegt: „Für Leitgeb wurden wahrscheinlich drei der von mir aufgenommenen Konzerte geschrieben. Man hört bei Mozart, dass Leitgebs Möglichkeiten mit dem Alter schwinden, die Konzerte gehen dabei auf seinen geringeren Tonumfang ein.“ Aber Haydn und Mozart unterscheiden sich auch stark im kompositorischen Ansatz: Haydn interessierte sich als Kapellmeister penibel für die technischen Möglichkeiten des Instruments. Mozart scheint mir hingegen einfach drauf los zu schreiben: Er hat eine bestimmte Musik vor Ohren, die er verfolgt, ohne übertrieben auf das Instrument zu achten.“ So war es Kliesers Idee, mit der Aufnahme ein Porträt seines Instruments am Ausgang des 18. Jahrhunderts zu zeichnen.
Den Löwenanteil haben dabei die Konzerte der Brüder Joseph und Michael Haydn, und dass Felix Klieser die vier bekannten und sattsam verfügbaren Mozart-Konzerte umschifft, macht die Aufnahme erst recht interessant. „Aus seiner Feder sind ja noch zwei seltener zu hörende Einzelsätze für Horn und Orchester überliefert, KV 370b und 371, beide in Es-Dur, und ich fand die Idee reizvoll, sie zu einem neuen Konzert zusammenzustellen. Sozusagen Mozarts Nulltes.“ Sagt Klieser und lacht angriffslustig.

Diplomübersetzer

Das Stopfen, das zur Zeit der eingespielten Konzerte entwickelt und verfeinert wurde, setzen auch heutige Hornisten ein, um den Klang abzutönen oder Echowirkungen zu erzielen – auch wenn die Erfindung der Ventile es für den Tonvorrat nicht mehr notwendig machen. Eine Technik, die Felix Klieser von Anfang an nicht zur Verfügung stand: Jahre hat er damit verbracht, sich auf seinen Ansatz zu konzentrieren und die Farbigkeit allein über die Lippen zu erzeugen. Zur historischen Aufführungspraxis, die das Naturhorn im Konzertsaal wiederbelebte, hat er eine klare Haltung: „Wenn ich jetzt Haydn mache, denke ich stilistisch nicht in zeitlichen Perspektiven wie ‚vorwärts‘ oder ‚rückwärts‘. Man muss die Zeit der Werke im Blick haben, aber ich schätze nicht, wenn Aufführungspraxis nur dazu dient, sich dahinter zu verstecken. Stilistik und Instrumente sind ja nicht alles, sie machen nicht automatisch gute Musik.“ Vielmehr übersetzt Klieser die Kenntnis solcher Details in sein Spiel auf dem modernen Horn: „Die Herausforderung liegt darin, zu entschlüsseln, was der Komponist auf dem alten Horn wollte. Muss der Spitzenton gestopft werden, weiß ich, ich sollte ihn heute auch leiser spielen. Bei Mozart sind zum Beispiel Moll- Passagen oft gestopft, das ergibt eine spannungsvolle, zwielichtige Atmosphäre, und diese Klangfarbe strebe ich dann auch an.“ Von Professoren, die ihm die Aufführungspraxis nahe bringen wollten, war er eher genervt: „Inzwischen heißt es an den Hochschulen ‚So wurde das damals gespielt, und so wird’s gemacht‘. Als ob es in der Musik so ein Schema F gegeben hätte. Man muss das Handwerkszeug immer neu benutzen, reines Nachahmen wird uns nicht weiterbringen.“
So früh es ging, hat sich Klieser daher auch aus dem Kokon der Ausbildung befreit: „Ab einem bestimmten Punkt wird diese Routine der Entwicklung schädlich, dann kommen nur noch Professoren heraus. Ich finde es schade, dass wir in einer Welt leben, wo alles genormt werden muss.“ Wie abhängig das auch machen kann, hat er in Proben mit Kommilitonen selbst erlebt: „Da saßen alle zusammen, um etwas Neues einzustudieren und merkten plötzlich, dass sie ohne die Anweisungen durch den Professor völlig aufgeschmissen waren. Wenn man diesen Sprung nicht schafft, sich rechtzeitig auf die Suche zu machen, wie man selbst spielt – ich meine, jeder weiß heutzutage, was für ein Typ er ist, … aber wie man spielt? – dann kommt man da nur schwer oder gar nicht mehr raus. Ich halte das für eine Gefahr.“

Zwischen Hochstand und Redoute

Die innerhalb weniger Jahrzehnte entstandenen klassischen Hornkonzerte stehen für eine kurze, aber umso schönere Blütezeit: In ihrem weltmännischen Spiel verbinden sie die selbstverliebt knatternden Signalmotive des Instruments mit den verfeinerten Tanzsätzen und Rondos der Habsburger Monarchie. „Während das Horn im Orchester von Haydn und Mozart eher ein Nischendasein führte und nur in den wenigen, brillanten Konzerten zu Glanz kam, wendet sich danach das Blatt ins Gegenteil“, führt Klieser aus. „Die erste Dramatisierung findet im Scherzo von Beethovens 5. Sinfonie statt, danach war das Horn sozusagen im Orchesterapparat angekommen. Bis zu Strauss und Mahler bleibt es stets ein majestätisches Instrument, mit sehr fülligen Passagen und zuweilen scharfer, dramatischer Farbe. Aber es gibt keine virtuosen Stellen mehr, keine Showcases wie sie andere Orchesterinstrumente haben.“
Als Ausnahme kann man die Hornkonzerte von Richard Strauss sehen. Die schrieb er für seinen Vater, den Münchner Hofkapellhornisten und begeisterten Mozart- und Haydn-Fan Franz Strauss. So lässt sich eine Verbindung vom jugendlichen ersten Hornkonzert von Richard Strauss, das Felix Klieser in der nächsten Spielzeit im Konzert mit der Kammerakademie Potsdam spielen wird, zum neuen Album schlagen. Und auch das Glière-Hornkonzert hat er sich vorgenommen, doch im Sommer steht zunächst viel Kammermusik auf dem Programm, unter anderem das Brahms-Trio op. 40. Auch seinen Repertoireaufbau geht der Hornist klug und in machbaren Schritten an. Er hat ja Zeit. Da wundert auch nicht, dass er auf sein Debütalbum angesprochen ein sehr selbstkritisches, eher praktisches Verhältnis zum Tonträger offenbart: „Ehrlich gesagt höre ich mir meine eigenen Aufnahmen nicht mehr oft an, ich mache das ja nicht für mich. Ich würde auch nicht jedes Stück der ersten CD nochmal so spielen. Manche haben heute in meinen Ohren keine Seele, der magische Moment fehlt mir.“ Und er überlegt kurz, bevor er nachlegt. „Aber bin ich ein Referenzschaffender? Wir erfinden ja kein Mittel gegen den Tod, wir machen Musik.“

Neu erschienen:

Haydn, M. Haydn, W. A. Mozart

Horn Concertos

Felix Klieser, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Ruben Gazarian

Berlin Classics/Edel


Esel, Ochs und Narr

Die frühe Hornliteratur wird von wenigen Virtuosen geprägt. Vor dem Tschechen Johann Wenzel Stich, alias Giovanni Punto, war das der österreichische Hornist Joseph Leitgeb. Er spielte nacheinander bei den Esterházys unter Kapellmeister Joseph Haydn und beim Fürsterzbischof von Salzburg unter seinem Bruder Michael. Am Sohn seines Salzburger Kollegen Leopold Mozart, dem gut zwanzig Jahre jüngeren Wolfgang Amadeus, und namentlich seinem derben Humor hatte Leitgeb einen Narren gefressen. Er ließ nicht eher locker, als bis ihm Mozart das sehnlichst gewünschte Hornkonzert Es-Dur (KV 417) komponierte. Der dankte es ihm mit der Widmung: „sich über den Leitgeb, Esel, Ochs und Narr erbarmt zu Wien, den 27. May 1783“. Berühmt sind die italienischen Randnotizen, mit denen Mozart im Solopart des Konzertsatzes D-Dur (KV 514) den inzwischen alten Leitgeb fortlaufend teils anfeuert, sich teils über seine technischen Schwierigkeiten lustig macht, sinngemäß etwa „Für Sie, Herr Esel – bravo – Nur Mut – Untier – was für ein Kiekser – Autsch! – Oweh – brav, du Armer – gottseidank – genug, genug!“


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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