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Musikstadt

Oslo: Oper auf dem Eisberg

Es gibt viele gute Gründe, nach Oslo zu reisen. Günstige Preise gehören nicht dazu. Auch wer die dänischen oder selbst schwedischen Preisverhältnisse kennt, wird in Norwegen immer wieder heftig schlucken. Musikliebhaber allerdings kommen verglichen mit Deutschland fast schon zu Schnäppchenpreisen auf ihre Kosten, wie Michael Blümke bei einem Besuch in der norwegischen Hauptstadt für RONDO festgestellt hat.

Oslo ist eine Wohlfühl- Stadt, die den Besucher sofort für sich einnimmt. Es gibt gewiss spektakulärere Städte, doch wenige, die ein so »rundes« Ganzes bieten. In mancherlei Hinsicht erinnert sie an Zürich. Auch wenn die Stadt an der Limmat etwas kleiner ist als Oslo mit seinen rund 600.000 Einwohnern, ist beiden doch ein internationales, weltoffenes Flair gemeinsam. Und der Reichtum, der die gepfefferten Preise nach sich zieht. In einem Punkt aber hebt sich Oslo deutlich ab: An der Kasse des Konserthus oder der neuen Oper bekommt die Brieftasche des Klassikfreundes keinen Weinkrampf.
Norwegens musikalisches Aushängeschild ist das Oslo Philharmonic Orchestra (OPO), das durch die 22 Jahre von Mariss Jansons an seiner Spitze (1979–2002) zu einem der besten internationalen Klangkörper geformt wurde. Dieser Tage startet Jukka-Pekka Saraste in seine letzte Saison als Chefdirigent, Nachfolger Vasily Petrenko soll sein Amt im Herbst 2013 antreten. Zu Hause ist das OPO im Konserthus, unweit des Rathauses gelegen - und nicht eben ein Musterbeispiel aufregender Architektur. Das Eröffnungsjahr 1977 verrät schon, dass den Besucher jede Menge Beton erwartet, ganz so wie es damals en vogue war. Doch die Musiker dürfte das nicht weiter gestört haben, sie waren einfach glücklich, endlich über einen festen Probensaal zu verfügen. Vor dem Bau des Konzerthauses nämlich mussten sie stets gut aufpassen, sich jeden Tag am richtigen der verschiedenen Probenorte einzufinden.
Mit seinen 1.400 Plätzen beherbergt der große Saal des Konzerthauses nicht nur an 60 bis 70 Abenden des Jahres das OPO, sondern bietet auch Raum für Weltmusik- und Popveranstaltungen. Der kleine Saal (266 Plätze) dient hauptsächlich als Konferenzraum, gelegentlich finden dort auch Kammerkonzerte statt. Auch Deutschland steuerte übrigens einen wichtigen Bestandteil zum Konserthus bei, die 7.000 Pfeifen zählende Orgel im großen Saal wurde in Göttingen hergestellt. Und um auf die vorhin angesprochenen Preise zurückzukommen – eine Eintrittskarte für die Konzerte des OPO gibt es für um die 50 Euro. (Dafür beerkommt man in Oslo noch nicht einmal ein vernünftiges Abendessen.)
Die Garderobe ist ebenfalls kostenlos und wird von ausländischen Besuchern auffallend wenig genutzt: Es handelt sich nämlich – wie übrigens auch in anderen Theatern – um ein offen zugängliches, nicht »bewachtes « Areal, in dem jedem Platz ein Garderobenhaken zugewiesen ist, an den man (völlig unbesorgt) seine Jacke hängen kann. Es gibt wohl wenige Dinge, die so viel über die Mentalität eines Volkes aussagen. Nicht ganz uninteressant sind auch die Ursprünge des OPO. Die liegen nämlich im Nationaltheater, dem bedeutendsten Sprechtheater des Landes, das in einem höchst repräsentativen Bau aus dem Jahr 1899 residiert. (Wobei sich das »repräsentativ« auch auf die prominente Lage zwischen dem königlichen Schloss und dem Parlament bezieht.) Die ersten zwanzig Jahre seines Bestehens war das Nationaltheater ein Drei- Sparten-Haus, das auch ein eigenes Orchester unterhielt. Als dieses aus Kostengründen aufgelöst werden musste, bildete sich daraus das Oslo Filharmoniske Orkester, kurz Oslo-Filharmonien.
Eine weitere Anlaufstation für Klassikfans war bis vor wenigen Jahren das Folketeateret. In dem 1935 eingeweihten roten Backsteinkomplex war zuerst ein Kino untergebracht, bevor 1952 der Spielbetrieb des Volkstheaters aufgenommen wurde. Ab 1959 teilte man sich die Räumlichkeiten dann mit der in den Anfangsjahren von Kirsten Flagstad geleiteten Norwegischen Nationaloper. Die große Wagner-Sängerin hat auch ein hübsches Sümmchen aus ihrer Privatschatulle beigesteuert, um das Unternehmen erst einmal flott zu machen. Heute finden im Volkstheater hauptsächlich Musicalaufführungen statt. Die einzige Konstante in der Nutzungsgeschichte des Baus ist die Zentrale der Norwegischen Arbeiterpartei, die als Eigentümerin nach wie vor einen Teil des Gebäudes belegt.
Die Topattraktion der Stadt – und zwar nicht nur in musikalischer Hinsicht – ist zweifellos Operaen, das neue Opernhaus. Am 12. April 2008 eröffnet, wurde das spektakuläre Bauwerk sofort zum neuen Wahrzeichen Oslos. Es schwimmt, einem Eisberg gleich, im alten Hafengelände von Bjørvika, verbindet mit seiner riesigen weißen Rampe, die schräg an den Seiten des gläsernen Gebäude- Kubus vorbeiführt, den Fjord mit der Stadt, das Wasser mit dem Land. Diese begehbare Rampe führt bis auf das Dach des Opernhauses, von wo aus man einen herrlichen Blick über die Stadt genießt.
Über 18.000 Quadratmeter erstreckt sich dieses Areal (was etwa der Fläche von 90 Tennisplätzen entspricht), bedeckt ist es mit 36.000 unterschiedlich großen Platten aus Carrara-Marmor, die wie ein riesiges Puzzle ausgelegt sind. Von den insgesamt über eine halbe Milliarde Euro Baukosten wanderten so auch etwa 6,5 Millionen Euro in die Stärkung der italienischen Industrie.
Wenn so viele Steuergelder ausgegeben werden, sollen wenigstens alle etwas davon haben, könnten sich die Verantwortlichen gedacht haben. Und tatsächlich war das Opernhaus von Anfang an so etwas wie ein Allgemeingut, zu fast jeder Tageszeit sieht man Menschenmengen – und keineswegs nur Touristen – vor, neben, auf und in der Oper. Denn auch ins Innere kommt jeder, ohne eine Karte kaufen zu müssen, das Foyer ist den ganzen Tag über für jedermann zugänglich, und davon machen Einheimische wie Fremde regen Gebrauch.
Betritt man Operaen durch die riesige Glasfront, steht man vor der sogenannten Wellenwand, einem Halbrund aus 2.000 Quadratmetern Eichenholz, das wellenförmig von einem nach oben führenden Gang durchbrochen ist, von dem aus man hinunter ins Foyer oder durch die Glasfront nach draußen schauen kann – und in den Zuschauerraum gelangt. Der fasst, wie schon im Konserthus und im Folketeateret, 1.400 Plätze. Anscheinend wurde in Oslo irgendwann einmal eine Bedarfsermittlung an Sitzkapazität musikalischer Darbietungen durchgeführt, und man kam dabei auf eben diese 1.400 Plätze.
Das Innere des in dunkler Eiche gestalteten Zuschauerraums wird von einem sehr modernen, schlichten Kronleuchter dominiert, der wie ein in viele Scheiben aufgeschnittener Mond aussieht und glitzerndes, ungewöhnlich weißes Licht aussendet: 8.000 Leuchtdioden und 5.800 handgefertigte Kristalle wurden dafür verarbeitet, mit seinen sieben Metern Durchmesser bringt er es auf acht Tonnen Gewicht. Der fließende Übergang vom Hellen ins Dunkle, vom weißen Marmor und Glas über das helle Eichenholz im Foyer bis zur mit Ammoniak behandelten sehr dunklen Variante im Inneren des Saales geleitet den Besucher Schritt für Schritt von der Alltagswelt in die Bühnenzauberwelt.
Zaubern können ganz offensichtlich auch die norwegischen Bauunternehmen. Nach dem ersten Spatenstich im Februar 2003 und der Grundsteinlegung durch König Harald V. im Herbst des darauffolgenden Jahres, sollte das Haus ursprünglich im September 2008 eröffnet werden. Da man mit den Arbeiten aber zügig voran kam, konnten die feierliche Einweihung (auch unsere Kanzlerin war mit von der Partie) um ganze fünf Monate vorverlegt und die Kosten um rund 10% unterschritten werden. Hamburg hätte sich wahrscheinlich besser norwegische Baupartner für die Elbphilharmonie suchen sollen …


operaen.no / oslofilharmonien.no / oslokonserthus.no


Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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