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Denen die Stunde schlägt

Oper, Festival, Konzert

„Das Land der Glöckchen“, eine höchst unterhaltsame und launige Operetta italiana von Virgilio Ranzato zu Neujahr im Leipziger Gewandhaus.

Die Bürger der Thomaskantorenstadt Leipzig haben wohl kaum ins Kalkül gezogen, dass Maestro Fabio Luisi sich auch als enthusiastischer Anhänger der italienischen Operette erweisen würde. Die Besucher des MDR-Neujahrskonzerts 2005 im Leipziger Gewandhaus trauten kaum ihren Ohren und dann ihrem wachsenden Amüsement, als sie einer von Luisi dirigierten, italienisch gesungenen, deutsch moderierten, von Chor und Sinfonieorchester des MDR mitgetragenen, konzertanten und halbszenisch angedeuteten Aufführung von Ranzatos „Il paese dei campanelli“ („Das Land der Glöckchen“; Mailand 1925) beiwohnten.
Das Stück spielt in einem holländischen Küstendorf, und „typisch holländischer“ Namen wie Pomerania, Nela, Bombon, Attanasio, Basilio und Tarquinio weisen beredt darauf hin, dass Italien gemeint ist. Eines Tages geht ein havariertes britisches Kadettenschiff vor der „holländischen“/italienischen Küste vor Anker. Wenig später landet, damit den Engländern die Überbrückung der Reparaturzeit leichter fällt, ein zweites Schiff voller attraktiver Chansonetten, doch die Chose entwickelt sich anders als erwartet. Die nachgekommenen Helferinnen entpuppen sich als die Ehefrauen der Kadetten, mit einem wiederum außerplanmäßigen Resultat. Eine alte Weissagung geht zum ersten Mal in Erfüllung: Bei Ehebruch im Dorf läuten automatisch die Glöckchen in den Türmchen, die auf jedem Häuserdach installiert sind. Gelegenheit zu wahren Glöckchen-Sinfonien, als zuerst die bis dato streng sittsamen Holländerinnen mit den Engländern, dann die forschen Kadettenfrauen mit den bislang garantiert biederen Holländern ihr promiskes Crossover treiben. Die Frage, was nach der Schiffsreparatur und der Abreise der EngländerInnen passiert, bleibt ein halb ernstes, halb süßes Geheimnis.
Die Partitur von Ranzato und dem mitkomponierenden Textdichter Carlo Lombardo hält, zwischen hypnotischer Puccini-Euphorie und knackigem, italoamerikanischem Foxtrott- und Shimmy-Sound, ein ergiebiges und schillerndes Angebot bereit. Und der seriöse Konzert- und Operndirigent Fabio Luisi möge die Entdeckung verzeihen: Für dieses Genre ist er geboren wie kein anderer. War das die längst fällige Leipziger Lanze, die hoffentlich folgenreich für die Operetta italiana gebrochen wurde?

Karl Dietrich Gräwe, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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