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Singen leicht gemacht

Breiholz backstage

Amerika hat viele gute Sänger. Aber vergleichsweise wenig Opernhäuser. In der ersten Folge seiner Kolumne „breiholz backstage“ berichtet Jochen Breiholz über die New York International Opera Auditions, die jungen Sängern die Möglichkeit bieten, vor den Chefs der europäischen Opernhäuser ihr Können zu zeigen.

Vorne auf der Bühne steht eine übergewichtige Frau und singt. Laut und schief. Nicht zum Aushalten. Jetzt ganz schnell an was anderes denken. Haltung bewahren. Bloß nicht die Frau angucken und erst recht keinen der Agenten und Operndirektoren links und rechts am Tisch, die starren auch schon alle ganz verzweifelt auf den Lebenslauf vor ihnen. Unter „Ausbildung“ steht dort: „Gesangskurs How to become a singer online im Internet besucht.“ So klingt das auch.
Zwei Jahre ist das her, da steckte das New Yorker Vorsing- Marathon noch in den Kinderschuhen. Jetzt ist alles anders. Jetzt sind die New York International Opera Auditions ein Event, für das Nachwuchssänger und bereits etablierte Künstler aus allen Teilen der USA an den Hudson reisen, um dort den Chefs der großen und mittelgroßen europäischen Häuser vorzusingen.
New York im Dezember also. Erst eisiger Wind, dann fast frühlingshafte Temperaturen, blauer Himmel, viel Sonne. Was ein paar Mutige anregt, in Shorts und T-Shirts durch den Central Park oder über die 7th Avenue zu laufen. Um die Ecke in der 57. Straße, direkt gegenüber von der Carnegie Hall, liegt das Hauptquartier von Columbia Artists, einer der wichtigsten und größten Künstleragenturen der Welt. Hier, in einem kleinen, plüschigen Theatersaal mit rotem Samtvorhang, finden die Vorsingen statt, jeden Tag von 10 bis 18 Uhr. Dieses Mal fast ausschließlich vor Repräsentanten französischer Opernhäuser.
Das Konzept der NYIOPs ist so simpel wie genial, David Blackburn, Präsident der Firma Brunelli- Neri Productions, hat sich das ausgedacht: Für amerikanische Sänger ist Europa das Opernparadies schlechthin. Tausende würden hier gerne arbeiten – nur können sie es sich nicht leisten, auf Vorsing- Tour zu gehen. Die Kosten für Flüge, Zugfahrten, Hotels übersteigen in der Regel ihre Möglichkeiten. Also lässt Blackburn die europäischen Chefs nach New York kommen. Die Sänger müssen nur innerhalb der USA reisen und bekommen die Chance, gleich vor einer ganzen Riege von Intendanten, Operndirektoren und Agenten vorzusingen.
Auf der Bühne die üblichen Verdächtigen: Susannas, Blondes, Paminas, Papagenos, Figaros, Bartolos, Filippos geben sich die Klinke in die Hand, dazwischen eine Turandot, Ortrud oder Elektra, ein Roméo, ein Nemorino. Abends geht's dann in die Met – um festzustellen, dass „I Vespri Siciliani“ nicht zu Unrecht selten gespielt wird, dass „Rodelinda“ zwar nur vier Stunden dauert, sich aber doppelt so lang anfühlt, und dass Thomas Hampson ein phänomenaler Wolfram von Eschenbach ist.
Am nächsten Morgen geht der Marathon weiter. Mit Sängern der Met: Viele junge Ensemble-Mitglieder, die bisher nur in kleinen Rollen eingesetzt werden, träumen davon, große Rollen in Europa zu singen. Auch sonst ist das Niveau der NYIOPs erstaunlich. Blackburn will das Konzept jetzt auf Europa übertragen. Und im Sommer in Berlin ein Vorsingen veranstalten. Für die Vorrunden kann sich eigentlich jeder bewerben. Vorausgesetzt, er hat nicht nur im Internet Gesangsunterricht gehabt. (Informationen unter www.nyiop.com)

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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