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Der "andere" Offenbach

Oper, Festival, Konzert

Wien, Paris, Berlin hätten Jacques Offenbachs erste ernste Oper „Die Rheinnixen“ aus der Versenkung holen können oder, noch passender, irgendeine Stadt am Rhein. Was aber hat diese Damen ausgerechnet nach Ljubljana verschlagen? Karl Dietrich Gräwe war dort und erklärt die Zusammenhänge.

Die Rheinnixen“ wurden 1863/64 für das ebenso Offenbach- wie Strauß-begeisterte Wien komponiert und daselbst im Hofoperntheater (unvollständig) uraufgeführt. Also 17 Jahre vor seiner – angeblich – einzigen (jedenfalls aber letzten) Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Die zweite unzutreffende Behauptung, die seit 140 Jahren hartnäckig kolportiert wird: „Die Rheinnixen“ hätten keinen Erfolg gehabt. Im Gegenteil: Das Wiener Publikum akzeptierte dieses große bizarre Musikmärchen, das von Kriegswirren und Feenzauber erzählt, ohne weiteres. Nur redete die Pro-Wagner-Propaganda das Stück tot, und die Macht des Schicksals machte aus der zugegeben immensen Partitur einen disproportionierten Torso.
Offenbach musste auf die Geisteskrankheit eines Hauptakteurs Rücksicht nehmen und, wegen dessen verminderter Lernfähigkeit, die tragende Tenorpartie (des Liebhabers) kürzen und nochmals kürzen. (Der Sänger starb wenig später – eine Hoffmann-Offenbach-Erzählung für sich.)
„Les Fées du Rhin“, von Kritiker Eduard Hanslick nicht ganz zutreffend mit „Die Rheinnixen“ übersetzt, wurden in vollständiger Partitur erstmals 2002 aufgeführt, konzertant beim „Festival de Radio France et Montpellier“. Die komplette szenische Uraufführung wurde dann erst Mitte Januar dieses Jahres von der Nationaloper Ljubljana präsentiert. Wurde jetzt endlich gut, was lange währte? Der slowenische Titel lautet „Renske Nimfe“, aber gesungen wird in der Hauptstadt Sloweniens auf Deutsch. Genauer: in einem deutschähnlichen Esperanto. Aber ist das so schlimm? Es ist genug zu verstehen, und man muss nicht jedes Wort der von Alfred von Wolzogen weiland für Wien gefertigten Fassung auf die Goldwaage legen.
Ljubljana, zur Habsburgerzeit Laibach, 275.000 Einwohner, Kapitale der seit 1991 selbstständigen Republik Slowenien. Eingebettet zwischen Karst und Alpen, überragt vom Schloßberg mit einer mächtigen Burg obenauf. Unten in der Innenstadt dicht bestückt mit k.u.k.-barocken Kirchen, Palästen, Wohnhäusern, Brunnen. Mittendurch schlängelt sich, flaschengrün und in freundlicher Behaglichkeit, die Ljubljanica, von anmutigen Brücken überwölbt. Hier, so scheint es dem Zugereisten, teilen sich Stadtbild und Einwohner in dieselbe unaufgeregte Harmonie.
Was hat die Vergangenheit Sloweniens mit dem Thema der Offenbach-Oper, mit deutscher Kleinstaaterei und dem Hickhack der Bauernkriege zu tun? Kriegsturbulenzen und Familienschicksale haben ein grenzüberschreitendes Grundmuster, und das Haus Europa hat Verbindungstüren genug. Die Produktion von Ljubljana wird, in derselben Regie und Ausstattung und mit denselben Sängern, später nach Winterthur und nach St. Pölten weiterreisen.

Nicht Rheinnixen, sondern Luftgeister

Hanslicks Titelvorschlag „Die Rheinnixen“ war gut gemeint, traf aber nicht die Sache. Hier geht es nicht um Rheintöchter, sondern um Luftgeister, die in der Gegend um Bingen und Kreuznach und auf durchaus trockenem Boden ihr wohltätiges Wesen treiben, was zumal in Kriegszeiten bitter nötig ist. Apropos: Die „venezianische“ Barcarole, Offenbachs ewiger Evergreen, nur aus Zeit- und Todesnot in „Hoffmanns Erzählungen“ hinüber gerettet, entstammt in Wirklichkeit dieser viel älteren Oper und durchzieht sie, als Erkennungsmelodie der Rhein-Feen, wie ein roter Faden. Nicht der einzige Anlass für den Zuschauer, sich dreieinhalb Stunden lang Augen und Ohren zu reiben.
Kein Offenbach-Can-Can, kein Höllengalopp, keine Anzüglichkeiten und Frivolitäten. Sondern ein grandioses Ereignis-Panorama, gewirkt und gewoben aus allen Absurditäten, Überraschungen und Wundern, an denen ja auch die Realgeschichte in Kriegszeiten nicht spart. Warum soll einer Oper, die vom Chaos des Krieges handelt, nicht recht sein, was der Wirklichkeit billig ist? Also etwa: Familientrennung, Vergewaltigung, wunderbares Wiedererkennen, Gedächtnisverlust, unverhofftes Erinnern. Oder Angeberei, Sauflust, Grausamkeit der rüden Soldateska. Und Offenbach, ein ganz anderer Offenbach als derjenige, den wir als höhnischen Satiriker und Weltverdreher zu kennen glauben, treibt in den „Feen“ seine melodische Einfallskraft auf ungewohnte Gipfel, ein Musikzauber jagt den anderen. Man behält diese Pastoralklänge, Kriegsrhythmen und Feenreigen noch lange im Ohr.
Man darf unterstellen, dass für den Chor, das Orchester und die Solisten der Nationaloper Ljubljana ein Offenbach nicht gerade die alltägliche Kost ist. Aber allesamt stürzen sie sich, inklusive Feenballett, auf die ungewohnte Kostbarkeit. Keine Spur vom Kunstbeamtentum anderer, höher dotierter Regionen. Unter den Solisten lassen sich vier oder fünf Prachtstimmen hören, bei denen jeder deutsche Staatsopernintendant mit der Zunge schnalzen müsste. Wer allerdings ausgerechnet von einer für Ljubljana, Winterthur und St. Pölten eingerichteten Reiseproduktion den therapeutischen Coup de théâtre für das Elend der aktuellen Opernregie erwartet hätte, der wäre blind und taub für Offenbachs „Feen”-Wunder.
Die Premierenfreude vom 13. Januar in Ljubljana muss sich wie ein Fieber nach draußen übertragen haben. Die Vorstellung am nächsten Abend (in teils alternativer Besetzung) musste eine halbe Stunde später anfangen, so groß war der Andrang. Und die zuerst geplanten zehn Aufführungen mussten um ein paar zusätzliche aufgestockt werden, der sprunghaft ansteigenden Nachfrage wegen. Offenbach und die Feen vom Rhein an den Ufern der Ljubljanica. Wie wird im April dieses Jahres Trier an der Mosel reagieren, bei der ersten Produktion auf deutschem Boden?

Karl Dietrich Gräwe, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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