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Bossa Bravo

Rosa Passos

In ihrer Heimat Brasilien gilt die Sängerin, Gitarristin und Komponistin Rosa Passos schon lange als Grande Dame des Bossa Nova. Dank Yo-Yo Ma lernt man sie jetzt auch endlich in Europa kennen.

Kult ist nur der Bossa Nova. Mal wieder. Das französische Duo „Nouvelle Vague“ etwa kam im vergangenen Jahr auf die komische Idee, Punk- und New-Wave-Hits der 70er und 80er Jahre so zu interpretieren, als seien es traurige Weisen aus dem Brasilien der frühen 60er Jahre. Es wurde ein Riesenüberraschungserfolg. Genauso wie die sanfte Bossa-Nova-Update- CD „Tanto Tempo“, mit der Bebel Gilberto im Jahr 2000 die globale Brasilectro-Welle auslöste. „Brasilianische Musik ist nun einmal eine der schönsten Musikformen der ganzen Welt“, meint Rosa Passos. „Ich muss allerdings eingestehen: ich kenne Bebels Werk nicht gut. Dafür bin ich zu sehr Traditionalistin. Und halte mich lieber an ihren Vater.“ Die Rede ist natürlich von Joao Gilberto, der 1958 mit seiner Version der A.C.-Jobim-Komposition „Chega de Saudade“ die Bossa-Nova-Revolution begründete – mit weichem vibratolosen Gesang, leicht lebensmüdem Understatement und verwegenen Gitarrengriffen.
Rosa Passos traf die neue Welle mit voller Wucht. Eigentlich war sie ein vielversprechendes Klaviertalent. Aber dann, mit elf Jahren, hörte sie das erste Mal Joao Gilberto. „Ich wusste in diesem Moment, dass ich das Piano aufgeben muss, um Gitarre zu lernen. Joao Gilberto ließ mich meinen musikalischen Weg finden. Er ist so etwas wie eine Vaterfigur – für alle, die sich mit anspruchsvoller Pop-Musik aus Brasilien beschäftigen.“ Bewusst vermeidet die Dame, die in ihrer brasilianischen Heimat als „die weibliche Ausgabe von Joao Gilberto“ gilt, den Begriff „Bossa Nova“. Zu einengend sei er für das, was ihr stilistisches Spektrum ausmache. Die Besucher ihrer drei Konzerte, die sie vergangenen November in Deutschland gab, werden dem zustimmen. Da stand ein mit allen Wassern der Schwermut, des Jazz-Scats und des Latin-Funks gewaschenes Persönchen auf den Bühnen in Berlin, München und Hamburg – eine großartige Sängerin mit flexibler intonations- und emotionssicherer Stimme und warmherziger Ausstrahlung.
Etwas zurückhaltender und konventioneller ist sie auf ihrem CD-Debüt zu hören. „Amorosa“ ist ein Tribut an Joao Gilbertos 1977 aufgenommenes Album „Amoroso“. Und ähnlich geigenschwanger wie das seinerzeit von Claus Ogerman betreute Original gibt sich nun auch Passos’ besinnliche Hommage an gewissen Stellen.
Sei’s drum. Schließlich ist es ein prominenter Streicher, der Passos den weltweiten Label- Durchbruch erst möglich gemacht hat. Yo-Yo Ma verpflichtete die Sängerin, die ihre hoffnungsvolle Karriere Anfang der 80er Jahre anderthalb Dekaden lang auf Eis gelegt hatte, um ihre Kinder groß zu ziehen, 2003 für seine preisgekrönte Aufnahme „Obrigado Brazil“. Der Cellist ist jetzt auch auf dem Abschlussstück von „Amorosa“ zu hören; weitere bekannte Gäste auf der CD sind Klarinettist Paquito D’Rivera, Perkussionist Cyro Baptista und der französische Bossa-Interpret Henri Salvador. Letzterer wurde von der Jugend zur Jahrtausendwende wieder entdeckt – im Alter von 83 Jahren. Da hat Rosa Passos, die stimmlich so betörend mädchenhaft- juvenile Mutter längst erwachsener Kinder, etwas mehr Glück gehabt. Sie verfügt noch über genügend Zeit, ihren fälligen und nicht ganz so späten Erfolg zu genießen.

Neu erschienen:

Amorosa

Rosa Passos

Sony

Josef Engels, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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