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Das Prinzip Hoffnung

Yu Kosuge

Die japanische Pianistin Yu Kosuge fühlt sich der Romantik verpflichtet. Und auch wenn sie sich beim Interview nicht so verrückt, zerrissen und trinkfest gibt wie weiland E.T.A. Hoffmann, als romantische Tastenkünstlerin vermag sie zu überzeugen.

Da sitzt sie nun also. Könnte, mit ein bisschen Phantasie, ziemlich exakt der Platz sein, wo einst die Herren der schöpferischen Energie, hier der Herr Kammergerichtsrat Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, dort der Schauspieler Ludwig Devrient, hockten und den seligmachenden Rebensaft in ihre Kehlen kippten, literweise, wie die Zeitzeugen es übereinstimmend berichtet haben. Lang ist's her. Der Ort, er hat seine Aura ebenso eingebüßt wie die meisten der Menschen, die hier verweilen, womöglich auf der Suche nach der Vergangenheit. Allein, der Wein schmeckt immer noch gut bei Lutter & Wegner am Berliner Gendarmenmarkt.
Die junge Dame, die wir nun an diesem Orte treffen, sie verzichtet auf den guten Stoff, präferiert vielmehr Feldsalat und Wasser. Überhaupt wirkt sie wie eine Schülerin, die immer in der ersten Reihe gesessen hat, aufmerksam, stets bereit, den Zeigefinger zu heben. Nichts an ihr ist verrückt, vielmehr scheint ihr Wesen der teutonischen Übersetzung ihres Namens zu entsprechen. Yu, das bedeutet im Japanischen unter anderem „freundlich“ und „hilfsbereit“. Und siehe da, auf die kecke Frage, ob diese Attribute ihrem Wesen entsprächen, nickt Yu Kosuge. Höflich, wie es sich für Asiaten ziemt. Und sagt darauf, die Eltern hätten den Vornamen bewusst ausgewählt. Will heißen: Es galt das Prinzip Hoffnung.
Das Hoffen hat sich gelohnt. Yu Kosuge hat sich, wenn man denn so will und den Gesetzen des Marktes Glauben schenkt, durchgesetzt im Haifischbecken der Klassik-Pianisten. Ihr Terminkalender ist gefüllt, eine renommierte Plattenfirma hat sie unter Vertrag genommen.
Und in der Tat: Auf dem Podium wirkt es überzeugend, was die inzwischen an der Salzach lebende Japanerin hervorbringt. Das liegt zum einen daran, dass sie bei Karl-Heinz Kämmerling, Deutschlands Pädagogen-Papst, in Hannover und Salzburg exzellent ausgebildet wurde, zum anderen wohl auch ein bisschen daran, dass ihr Repertoire eher zum Verkaufstüchtigen zählt, jedenfalls auf Platte.
Wurde schon ihre erste Einspielung mit den „Etudes d´exécution transcendante“ von Liszt sehr positiv aufgenommen, so verspricht sich Yu Kosuge auch von der Nachfolge-CD mit den „Préludes“ op. 28 und op. 45 sowie dem gleichfalls nachgelassenen „Nocturne“ in cis- Moll von Frédéric Chopin einigen Erfolg. Interessante Randnotiz: Sie hat die 24 Charakterstücke des französischen Polen schon einmal für die Ewigkeit aufgenommen – allerdings im Alter von elf Jahren.
Kurz zuvor war sie nach Deutschland gekommen. Und ist immer noch da. Die Geschichte in abrupter Kürze: Kind kommt ins Land, will die Kunst, die Kultur kennen lernen, sich an der Realität reiben, ist beharrlich, gibt ihr erstes Konzert, wird erstmals wahrgenommen, gibt weitere Konzerte, wird weiterhin wahrgenommen, bleibt, natürlich mit finanzieller Hilfe der Eltern, reüssiert sich nach oben. Was sie leider dabei verlernt hat in den Jahren, ist die Fähigkeit, die Fußballschuhe zu binden. Sie war mal gut als Stürmerin. Aber so einfach geht das. Früher hat sie auf dem Platz gestanden, um mit den Jungs zu kicken, heute liegt sie für Promotions-Fotos auf dem Flügel. Nur als trinkfeste Lebenskünstlerin, bei Lutter & Wegner, da macht sie noch keine bedeutende Figur. Aber das kann ja noch kommen ...

Neu erschienen:

Frédéric Chopin

Préludes, Nocturnes

Yu Kosuge

Sony

Tom Persich, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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