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Ach liebes Mädel, blas’ noch mehr !

Wagners "Fliegender Holländer" in der Urfassung

Wagners erste Version des Fliegenden Holländer spielt noch nicht an der norwegischen Küste, sondern in Schottland. Bruno Weil hat diese „Urfassung“ erstmals auf CD eingespielt und siehe da: sie klingt direkter, schroffer, zupackender. Egon Voss, der Editionsleiter der Wagner-Gesamtausgabe, gibt Auskunft über die Besonderheiten dieser Erstfassung. Die Fragen stellte Oliver Buslau.

RONDO: Wagner zählt zu denjenigen Komponisten, die ihre Werke immer wieder überarbeitet haben. Welche Rolle spielen eigentlich die Urfassungen bei Wagner?

Egon Voss: Zusammen mit Rienzi und Tannhäuser gehört Der fliegende Holländer zu jenen Werken, die Wagner mehrfach überarbeitet hat. Von allen drei Opern liegen daher Urfassungen vor, die jedoch nie zur Aufführung kamen, da Wagner sie bereits vor der Uraufführung überarbeitete. Früher sah man darin den unabänderlichen Willen des Autors und hielt sich daran. Inzwischen genießen auch Früh- und Urfassungen allgemeine Geltung, und dies nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ästhetisch. Es überrascht daher nicht, dass in der Richard-Wagner-Gesamtausgabe auch die Urfassungen der drei genannten Opern herausgebracht werden. Die Urfassung des Fliegenden Holländers liegt bereits seit 1983 vor und wurde seitdem mehrfach aufgeführt, zuletzt im vergangenen Jahr in Moskau.

RONDO: Was ist das Besondere am Ur-Holländer?

Voss: Eine Besonderheit der Urfassung des Fliegenden Holländers steckt schon im Untertitel: „Romantische Oper in einem Akt und drei Aufzügen“. Seiner Intention nach ist der Fliegende Holländer nämlich ein Einakter; zumindest war dieser formale Aspekt der unmittelbare Anlass des Werks. Es verdankt seine Entstehung der um 1840 an der Großen Oper in Paris gepflegten Praxis, an einem Opernabend anstelle eines einzigen großen Werkes mehrere kleinere zu geben. Dazu stellte man Einakter zusammen oder kombinierte Einakter mit Balletten. Wagner, der 1839 als unbekannter Provinzkapellmeister nach Paris gekommen war, um sein Glück zu machen, sah hier eine Chance. Das auserkorene Sujet war Der fliegende Holländer. Wagner entnahm es, nach Rücksprache mit dem Dichter, Heinrich Heines Romanfragment Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski.

RONDO: Bei Heine spielt die Handlung bekanntlich in Schottland ...

Voss: Entsprechend geht auch in der Urfassung die Handlung in Schottland vor sich. Dem schottischen Milieu gemäß heißt Daland gut englisch Donald und Erik Georg. Donalds Tochter heißt, nachdem sie zunächst den Namen Anna trug, bereits Senta, was allen Spekulationen, der Name könnte nordischen oder gar norwegischen Ursprungs sein, den Boden entzieht. Die Bucht, in der man im ersten Aufzug Zuflucht sucht, heißt Holystrand statt Sandwike, und Donald bekräftigt: „Gastfreundschaft kennt der Schotte“. Zu den textlichen Besonderheiten gehört auch, dass der Steuermann nach dem Erwachen aus seinem kurzen Schlummer singt: „Ach! liebes Mädel, blas’ noch mehr! – Mein Südwind ...“ Ob damit nur die Verschlafenheit des Steuermanns demonstriert werden soll, oder auch der heute allgemein geläufige obszöne Nebensinn gemeint sein könnte, vermag man bis heute nicht zu beantworten. Immerhin änderte Wagner die Stelle später.

RONDO: Hat man schon früher auf die Urfassung zurückgegriffen?

Voss: In Bayreuth 1901 griff man die ursprüngliche Intention des Einakters auf, allerdings nur sie; denn im Übrigen spielte man die überarbeitete Fassung. Ob man damit Wagners Absichten entsprach, ist äußerst zweifelhaft, trotzdem wird diese Mischfassung bis heute weltweit aufgeführt. Bisweilen hat man, auch in Bayreuth, für den Schluss von Ouvertüre und 3. Akt die Urfassung herangezogen; denn schon Felix Weingartner publizierte ihn im Anhang zu seiner Edition der Oper 1897. Diese Version ist noch weit entfernt von jener Verklärung, die der so genannte Erlösungs- oder Tristanschluss von 1860 in Musik fasst. Gemessen daran erscheint der ursprüngliche Schluss nicht nur ein wenig konventionell, sondern nüchtern und hart, als glaube er nicht an die Erlösung, wie sie die Szenenanweisungen beschreiben.

RONDO: Worin bestehen die klanglichen Besonderheiten des Ur-Holländers?

Voss: Der Klang spiegelt Wagners Pariser Eindrücke, die der Großen Oper, aber auch die des Berlioz’schen Orchesters. Dieser Klang ist kompakter oder massiver als jener der späteren, überarbeiteten Fassung. Ein anschauliches Beispiel liefert der Orchesterschlag beim Auftritt des Holländers im 2. Aufzug. Wagner kritisierte ihn später so: „Man soll über Sentas Schrei beim Anblick des Holländers erschrecken, nicht aber über die Pauke und das Blech“. Dennoch wirkt der Klang der Urfassung direkter, zupackender, stellenweise wie in der großen Chorszene im 3. Aufzug geradezu wild und wie entfesselt. Franz Lachners Wort, wo man die Partitur des Fliegenden Holländers aufschlage, wehe einem der Wind entgegen, trifft auf die Urfassung noch viel mehr zu als auf die geläufige Version. Wagners spätere Überarbeitung der Instrumentation hat viel von dieser Prägung eliminiert, ob das stets zum Nutzen war, steht durchaus dahin. Beispielsweise teilt der Ton des Englischhorns der Ballade eine Melancholie mit, wie man sie in der späteren Version vergeblich sucht.

RONDO: Wagner muss ja doch Gründe für die spätere Umarbeitung gehabt haben?

Voss: Von Wagners eigenem Klangideal ist die Urfassung weit entfernt, doch waren Wagners spätere Überarbeitungen nicht so konsequent, dass sie wirklich alle diesbezüglichen „Mängel“ beseitigt hätten. Es steht darum außer Frage, dass die Urfassung von einer Einheitlichkeit des Klangs und des Stils insgesamt ist, die der späteren Fassung abgeht. Zu dieser Einheitlichkeit gehört auch, dass die Ballade der Senta ursprünglich einen Ganzton höher steht, denn a- und nicht g-Moll ist die eigentliche Balladentonart. Die Transposition war nötig geworden, weil selbst eine so herausragende Sängerin wie Wilhelmine Schröder-Devrient, die Senta der Dresdener Uraufführung, Schwierigkeiten mit der Partie hatte.

RONDO:War der Fliegende Holländer damals ein erfolgreiches Stück?

Voss: Wagner hatte mit seinem Einakter für Paris kein Glück. Die Große Oper zeigte sich zwar interessiert am Sujet, nicht jedoch daran, dass Wagner es auch komponierte. Die materielle Not zwang ihn schließlich dazu, seinen Textentwurf an die Große Oper zu verkaufen. Daraus entstand, komponiert von Pierre Louis Philippe Dietsch, die Oper Le Vaisseau fantôme – die sich nach der Uraufführung am 9.11.1842 zuWagners Glück, als Flop erwies. Da Wagner das Projekt nicht aufgeben wollte, versuchte er, Dietsch zuvorzukommen und das Werk zumindest in Deutschland herauszubringen. Das gelang zumindest partiell. Die Partitur wurde im November 1841 fertig, und im März 1842 nahm die Berliner Hofoper das Werk zur Uraufführung an.

RONDO: Die Uraufführung fand dann aber doch in Dresden statt ...

Voss: Als es in Berlin nicht vorangehen wollte, fand sich das Dresdener Hoftheater dazu bereit, auch den Fliegenden Holländer herauszubringen. Es war jedoch nicht mehr die Urfassung, die hier gespielt wurde.Wagner hatte erste Veränderungen vorgenommen, wie die Aufteilung auf drei Akte, die erwähnte Transposition der Senta-Ballade sowie die Verlegung der Handlung von Schottland nach Norwegen. Wagner verknüpfte, ein offenkundiger Akt von Mystifikation, Werk und Biografie. Das Erlebnis seiner abenteuerlichen Seereise von Ostpreußen über Norwegen nach England im Sommer 1839 wurde nachträglich zum Auslöser des Werks. Holystrand war eine Erfindung gewesen, Sandwike aber hatte Wagner selbst gesehen. Dr.

(Egon Voss wurde 1938 in Magdeburg geboren. Er studierte Schulmusik, Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft und promovierte 1968. 1969 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Richard Wagner-Gesamtausgabe, seit 1981 ist er deren Leiter. Er arbeitete als Dramaturg am Théâtre de la Monnaie de Munt in Brüssel und übernahm immer wieder auch Lehraufträge an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.)

Neu erschienen:

Wagner

Der fliegende Holländer

Franz-Josef Selig, Astrid Weber, Jörg Dürmüller, Simone Schröder, Kobie van Rensburg, Terje Stensvold, WDR Rundfunkchor Köln, Cappella Coloniensis, Bruno Weil

dhm/EMG

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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