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Ich bin doch nicht Victoria Beckham

Magdalena Kožená

Die gelben Blätter berichten derzeit lieber über ihre Beziehung zu Sir Simon Rattle. Magdalena Kožená wäre es lieber, man schriebe über ihre Gesangskunst. Dies vertraute sie in Berlin RONDO-Autor Jochen Breiholz an und auch, was sie von den Eigenwilligkeiten mancher Opernregisseure hält.

RONDO: Eigentlich wollten Sie Synchron- Schwimmerin werden ...

Magdalena Kožená: Nicht wirklich. Als Teenager habe ich die Kinder beneidet, die Zeit dafür hatten. Es war ein Jugendtraum, aber nur für eine kurze Zeit und nicht ganz ernst gemeint. Eigentlich ging es mir immer nur um Musik. Ich singe seit meinem zweiten Lebensjahr. Obwohl meine Eltern das anfangs vermutlich eher als Krach wahrgenommen haben. Wissen Sie, ich stamme aus einem unmusikalischen Haushalt. Bei uns wurde keine Musik gehört und auch keine gemacht. Meine Eltern waren Wissenschaftler. Sie wussten nicht so genau, was sie mit mir anfangen sollten, und ich wusste es auch nicht, also steckten sie mich in einen Chor. Mit dem habe ich auch meine erste Opernerfahrung gemacht: In einer Aufführungsserie von „Carmen“ wirkte ich im Kinderchor mit.

RONDO: Und damals haben Sie sich geschworen, dass Sie eines Tages die Titelpartie singen werden ...

Kožená: Nein, überhaupt nicht. Ich habe es genossen und geliebt, Musik zu machen, aber ich habe nicht ernsthaft an eine Karriere gedacht, schon gar nicht an eine internationale. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir in der Tschecheslowakei in einem sozialistischen System lebten und das Land nicht verlassen durften. Was „draußen“, außerhalb der Grenzen geschah, wussten wir nicht wirklich. Ans Prager Nationaltheater engagiert zu werden, war das Beste, was einem Sänger passieren konnte. Wenn man gut war und sich systemkonform verhielt, dann durfte man vielleicht zweimal im Jahr ein Gastspiel im Westen geben, das war’s. Ich hatte zwar von der Met oder der Scala gehört, aber richtig vorstellen konnte ich mir das nicht. Erst mit 18 habe ich zum ersten Mal einen Weltstar auf der Bühne gesehen: Mirella Freni als Mimi in „La Bohème“ an der Wiener Staatsoper. Sie war 60 und sah aus und klang wie 16. Unglaublich!

RONDO: Sie selbst waren gerade 20, als Sie in Brünn Ihr Operndebüt gaben – als Dorabella in „Così fan tutte“. Seitdem bildet Mozart zusammen mit einer Hand voll Barockkomponisten den Schwerpunkt Ihres Repertoires. Gerade haben Sie auf der AIDS-Gala der Deutschen Oper Berlin das Schmuggler-Quintett aus „Carmen“ gesungen. Nur ein kleiner Ausflug in dramatischere Gefilde oder ein richtungsweisender Auftritt?

Kožená: Es ist der Traum jeder Sängerin, einmal in der Rolle der Carmen auf der Bühne zu stehen. Vielleicht werde ich das eines Tages tun. Aber nur mit einem Dirigenten, der das Stück eher kammermusikalisch versteht; und nur an einem kleineren Haus, bestimmt nicht auf einer großen Bühne. Denn meine Carmen entspräche sicher nicht dem üblichen Rollenbild, weder gesanglich noch in der Darstellung. Es wäre eine ungewohnte, neue Interpretation der Figur. Aber derzeit fühle ich mich eindeutig stärker zu Bach hingezogen; zu den Bachs, muss ich sagen, denn anders als auf meinem vor fünf Jahren erschienenen Album mit Arien von Johann Sebastian Bach ist dieses Mal das Spektrum größer und schließt Werke von Johann Christoph Bach, Johann Christoph Friedrich Bach, Carl Philipp Emanuel Bach und Francesco Bartolomeo Conti ein. Die emotionale Tiefe, die Klarheit und gleichzeitige Schlichtheit dieser musikalischen Kleinode hat mich fasziniert. Die Zusammenarbeit mit Reinhard Goebel und der Musica Antiqua Köln war traumhaft.

RONDO: Sie werden gleichermaßen als Konzertsängerin wie als Singschauspielerin gerühmt. Musikkritiker setzen sich inzwischen allerdings oft mehr mit dem Regisseur als mit den Sängern einer Produktion auseinander. Wird die Regie überbewertet?

Kožená: Das kommt ganz drauf an. Ich bin eigentlich ein Typ, der das Regietheater mag. Ich liebe es zu spielen, zu experimentieren. Ich finde es spannend, neue Aspekte an alten Stücken zu entdecken. Oft haben Film- oder Schauspielregisseure, die in der Oper arbeiten, die aufregenderen Ideen – aber sie können nicht soviel mit der Musik anfangen oder mögen sie noch nicht einmal! Da liegt das Problem. Eigentlich bin ich immer bereit, alles auszuprobieren, es wenigstens einmal zu versuchen. Aber es gibt Ausnahmen. Produktionen, wo es einfach keinen Spaß mehr macht. Ich habe Glucks „Orphée et Eurydice“ im Châtelet gesungen. Die Rolle lag mir nicht, sie lag zu tief für mich, und ich war zu jung. Der sehr berühmte Regisseur traf erst eine Woche vor der Premiere ein, den Hauptteil der Proben hatte sein Assistent geleitet. Jede kleinste Bewegung, jede Geste war festgelegt, es gab keinen Spielraum, keine Möglichkeit, sich selbst einzubringen, individuell eine Figur zu gestalten, wenigstens ein kleines bisschen. Es musste so sein, wie der Regisseur es wollte, und nicht anders. Nachdem wir wochenlang ohne ihn geprobt hatten, erschien er endlich – und kritisierte alles. Hauptsächlich deshalb, weil wir fünf Zentimeter zu weit links oder rechts und damit nicht im Licht standen. Das war eigentlich das negativste Erlebnis, das ich bisher hatte. Weil man nicht diskutieren konnte, weil es keine Auseinandersetzung gab. Aber wenn ein Konzept Sinn macht, wenn es schlüssig ist und mir etwas sagt, dann habe ich nichts dagegen, wenn eine Barock- Oper auf einem unbekannten Planeten spielt!

RONDO: Die Boulevard-Presse hat sich in jüngerer Vergangenheit weniger für Ihre künstlerische Arbeit als vielmehr für Ihr Privatleben und Ihre Beziehung zu Sir Simon Rattle interessiert, von dem Sie ein Kind erwarten. Stört es Sie, sich plötzlich wie ein Pop-Star von Paparazzi verfolgt zu sehen?

Kožená: Und wie! Ich hasse es! Auch wenn die Zeitung am nächsten Tag benutzt wird, um Fish & Chips drin einzuwickeln: Es steht dort erst einmal schwarz auf weiß, die Leute lesen es und reden darüber. Gerade in Großbritannien sind die Boulevardblätter geradezu zynisch: Sie nehmen einzelne Sätze aus Interviews heraus und stellen sie in einen neuen, falschen Zusammenhang. Dort liest man dann Sachen, die man so nie gesagt hat. Und sieht Fotos von sich selbst, die heimlich geschossen wurden. Das verletzt mich. Und ich verstehe es auch nicht wirklich. Schließlich bin ich nicht Madonna oder Victoria Beckham. Mir wäre es lieber, die schrieben über Bach ...

Neu erschienen:

Lamento

Magdalena Kožená, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel

DG/Universal

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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