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Gut ist nicht gut genug

Artie Shaw

Mit Artie Shaw und Benny Goodman verhält es sich wie mit Schiller und Goethe. Im Zweifelsfall sind immer Goethe und Goodman die Bekannteren, Populäreren, nicht Shaw und Schiller. Das Schillerjahr 2005 mag die schiefe Optik gerade rücken. Und es ist auch das Jahr, in dem der Jazzgemeinde schmerzlich bewusst wird, dass sie den letzten Giganten der Swing-Ära verloren hat.

Um die Statur Artie Shaws zu verstehen, hilft eine (zugegebenermaßen grobe) Verallgemeinerung der Jazzgeschichte. Jazz begann als eine Art Volksmusik. Eine Zeitlang war er – darin bestand das große Wunder des Swing – aktuelle Popmusik und hohe Kunst in einem. Dann drifteten die Tendenzen in den 40er Jahren auseinander: auf der einen Seite Bebop und Cool Jazz, gespielt von Musikern, die sich in erster Linie als Künstler verstanden, auf der anderen Seite Rhythm & Blues und die meist singenden Entertainer des amerikanischen Showbiz. Artie Shaw stand genau in der Mitte. Somit ist er wohl der geradezu prototypische Repräsentant des Swing, denn kaum einer verdeutlicht besser als er das Dilemma zwischen Geschäft und Anspruch und hatte eine so kolossale Begabung, immer wieder den Spagat zu schaffen.
Shaw, der 94-jährig am 30. Dezember 2004 im kalifornischen Thousend Oaks verstarb, war als Bandleader und Klarinettenvirtuose einer der erfolgreichsten Repräsentanten der Swing-Ära. Als ewiger Konkurrent Goodmans mit zahlreichen Hits und als attraktiver Ehemann berühmter Filmschönheiten wie Lana Turner oder Ava Gardner war Shaw eine zentrale Persönlichkeit des Showbusiness. Bei weniger Begabung und Charakterfestigkeit hätte er sich einfach damit begnügen können, irgendeiner der vielen blendend aussehenden, reichen Stars Hollywoods zu sein. Doch Shaw und Show waren manchmal zwei Paar Schuhe. Er hatte ein Problem mit der musikalischen Anspruchslosigkeit seiner Zeitgenossen. Für ihn war es ein Alarmzeichen, wenn er zu gut verdiente oder ein Titel zu häufig verlangt wurde. Angesichts seines großen Erfolges wiegt seine von künstlerischer Integrität getragene Verweigerung gegenüber dem „Business“ sehr schwer. In frühen Jahren bewog sie ihn dazu, seine Big Bands auf der Höhe ihrer Erfolge aufzulösen, während er immer wieder Mühen auf Projekte verwandte, die kaum allgemeinen Anklang finden konnten. Schon 1955 zog er sich – nachdem er über 100 Millionen Platten verkauft hatte – fast endgültig aus der Musik zurück, obwohl er ebenso viel Geld damit hätte machen können wie Goodman, Hampton und eine Hand voll andere Generationsgenossen.
Was bleibt – abgesehen von Hits wie Begin The Beguine oder Frenesi – von dem Klarinettisten? Zunächst einmal war er ein Musiker, der nicht nur über einen unverwechselbaren, berückenden Klarinettensound verfügte, sondern darüber hinaus für seine Formationen immer wieder neue Sounds kreierte, die auch von seiner Liebe für klassische Musik künden: Schon bei seinen ersten Aufnahmen fiel er damit auf, dass er ein Streichquartett in die Jazzband integrierte. In der aus Orchestermitgliedern zusammengesetzten „Gramercy Five“ wurde ein Cembalo an Stelle eines Klaviers verwendet.
Darüber hinaus bleibt es sein Verdienst, nicht nur Öl, sondern immer und immer wieder auch Sand im Getriebe des Musikgeschäfts gewesen zu sein. Das merkt man nicht zuletzt in der Wahl seiner Weggefährten. Als praktizierender Antirassist beschäftigte der weiße Shaw schwarze Größen wie Billie Holiday und Roy Eldridge. Als fortschrittlicher Kopf unter den Etablierten gab er Neutönern wie Dodo Marmarosa und George Russell Arbeit.
Die letzten Jahrzehnte widmete der am 23. Mai 1910 in New York als Sohn einer armen jüdischen Familie geborene Arthur Jacob Arshawsky seiner Leidenschaft für die Literatur. Er schrieb (neben einer Autobiografie auch fiktionale Texte) und sammelte Bücher. Ein Mann, der die Aufgabe hatte, Shaws über 10.000 Bücher zu katalogisieren, fand in einem Buch Freuds die Widmung „To Artie Shaw, with profound admiration and respect“. Als er in einem Buch Einsteins und in einem weiteren die nämliche Widmung in der gleichen Handschrift fand, fragte er Shaw, was es damit für eine Bewandtnis habe. Shaw erklärte, er habe die Widmungen selbst geschrieben, um die Bücher identifizieren zu können, falls sie ihm gestohlen würden. Bei den meisten anderen Menschen hätte diese Marotte auf eine ausgeprägte Einbildung schließen lassen. Nicht bei Shaw. Er gehörte wirklich zu den Großen des 20. Jahrhunderts.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 2 / 2005



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