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Selbst ist der Brite

Sir John Eliot Gardiner

Der Dirigent Sir John Eliot Gardiner betreibt nun auf eigene Faust, was seine Plattenfirma nicht riskieren wollte: die Herausgabe sämtlicher Bach-Kantaten, die während einer spektakulären „Pilgerreise“ durch ganz Europa im Bach-Jahr 2000 entstanden sind. In Zürich verriet er RONDO-Autor Michael Wersin die Hintergründe und outete sich ganz nebenbei noch als Öko-Bauer.

Schon Kaiserin Elisabeth von Österreich residierte bei einem Zürich-Aufenthalt einst mit ihrem Hofstaat im Hotel Baur au Lac, einem schmucken Palästchen aus dem 19. Jahrhundert, bis heute eine der ersten Adressen am Ort. Hier ist anlässlich eines Gastdirigates an der Zürcher Oper auch Sir John Eliot Gardiner abgestiegen. Nähert man sich dem Portal dieser illustren Herberge, so öffnet sich die Tür nicht automatisch, sondern wird von einem Portier schwungvoll aufgestoßen; dieser grüßt den vorsichtig eintretenden Autor ebenso engagiert wie die wenig später hereinrauschende Dame, deren kleiner Sohn die freundliche Anrede des Livrierten schon standesgemäß zu ignorieren weiß. Sir John sei noch kurz in die Stadt gegangen, heißt es am Empfang – er hat dort, so wird er später erzählen, Harnoncourts neue Aufnahme von Bruckners Fünfter erworben. Für das Interview wird ein weitläufiger Salon bereitgestellt. Pünktlich betritt Sir John den Raum, ein stattlicher Mann, leger gekleidet.

RONDO: Sir John, im Bach-Jahr 2000 haben Sie sämtliche geistlichen Kantaten Bachs an zahlreichen Orten Deutschlands und ganz Europas aufgeführt. Die Mitschnitte dieser musikalischen Pilgerreise sollten bei der Deutschen Grammophon erscheinen. Nach den ersten paar CDs kam dann aber nichts mehr ...

Sir John Eliot Gardiner: Ich kann die Sache nur aus meiner Sicht schildern: Schon ab dem Ende der 80er Jahre hatte ich für die DG die großen Chorwerke Bachs und einige Kantaten aufgenommen. Das war für mich eine wunderbare Gelegenheit, eine andere, persönliche Bachauffassung in die Realität umzusetzen – mein Hintergrund ist nämlich überhaupt nicht typisch britisch: Mein Vater kam aus einer sehr kosmopolitischen Familie, die auf Seiten seines Vaters zwar absolut englisch war – obwohl dieser als Ägyptologe viel im Pergamon-Museum gearbeitet hat, weswegen mein Vater praktisch in Berlin aufgewachsen ist –, auf der Seite seiner Mutter aber finnisch- schwedische sowie österreichisch- ungarisch-jüdische Wurzeln hat. Die früheste Musik, die ich zu Hause gesungen habe, war Josquin, Palestrina, dann Schütz und Bach. Als Kind konnte ich alle Motetten Bachs auswendig. Wir hatten einen Familienchor mit 14 Personen, mit dem wir gereist sind und sogar beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt eine Aufnahme gemacht haben.

RONDO: Die Edition der Cantata Pilgrimage war das Kernstück Ihres Vertrages mit DG. Sie haben dann 2000 die Konzerte gegeben, die Aufnahmen wurden gemacht, es erschienen die ersten CDs ...

Gardiner: Entschuldigen Sie, wenn ich unterbreche, aber so war es nicht. Alles war in engem Kontakt mit DG als Partner der Pilgrimage genau besprochen, die berühmtesten Bachforscher wurden im Vorfeld einbezogen – und dann plötzlich, im Sommer 1999, kam die Entscheidung: Wir können es nicht realisieren, wir können maximal vier Aufnahmen machen. Jedenfalls wurden schließlich die Konzerte doch mitgeschnitten, aber nur ein sehr geringer Teil der Aufnahmen veröffentlicht.

RONDO: Die Edition wurde also abgesagt, und in der Folge entschlossen Sie sich, die Herausgabe selbst in die Hand zu nehmen.

Gardiner: Ja, so war das.

RONDO: Die Fotos außereuropäischer Menschen auf den Covers Ihrer Kantaten-CDs lassen vermuten, dass die Musik Bachs für Sie eine gesamtmenschliche Dimension hat.

Gardiner: Ein Paradoxon: Einerseits kann man Bach ohne seine lutherischen theologischen Wurzeln nicht verstehen. Andererseits ist seine Musik mit ihrer menschlichen Ehrlichkeit und ihrer narrativen Intensität heute im 21. Jahrhundert eine Musik für alle Menschen, ganz unabhängig vom persönlichen Glauben – diese Universalität verwundert und erstaunt angesichts der Tatsache, dass Bach kaum gereist ist, keine Oper geschrieben hat.

RONDO: In Mitteleuropa kämpfen wir inzwischen mit abnehmendem Interesse an unserer klassischen Kultur.

Gardiner: Man kann dieses Problem nicht verleugnen, man sieht es überall. Der Hauptgrund liegt darin, dass diese Werte eben nicht mehr in den Schulen vermittelt werden. Eine andere Ursache sind die Modernisten: Sie meinen, dass neue klassische Musik nicht mehr populär, sondern vor allem intellektuell und um jeden Preis originell sein muss. Man könnte der Meinung sein, die Klassik sei irgendwann um 1950 gestorben. Was war die letzte wirklich bedeutende Oper? Vielleicht Strawinskis „The Rake’s Progress“ oder Brittens „Peter Grimes”? Danach wurde moderne Musik zu einem Minderheitensport. Aber ich sehe nicht alles schwarz. Von meinen Söhnen bin ich gut informiert über populäre Musik, und die meinen, Pop und Rock seien in letzter Zeit sehr retrospektiv, es gebe keine neuen Impulse mehr. Vielleicht gäbe es da für die moderne klassische Musik eine Tür zu öffnen.

RONDO: In welcher Weise engagieren Sie sich für die Wiederbelebung der klassischen Musik?

Gardiner: Ich habe Kontakt nach Südafrika durch eine Bratschistin von dort, die auch in Soweto unterrichtet. Sie hat mit Kindern und Jugendlichen ein Streicher- Kammerorchester aufgebaut. Ich habe dieses Ensemble schon viermal dirigiert, und ich bin mit einer Gruppe von meinen Musikern dort gewesen, wir haben gelehrt und auch zusammen Konzerte gegeben. Und was haben wir gespielt? Händel, Bach und Rameau. Es war köstlich, der Enthusiasmus der Südafrikaner für diese Musik ist unglaublich. Sie haben mittlerweile auch Europa bereist. Ein kleiner Beleg für meine vorher geäußerte These, dass die Musik von Bach keine Grenzen kennt, auch nicht in puncto Generation oder Hautfarbe.

RONDO:Mit was beschäftigen Sie sich, wenn Sie einmal nicht als Dirigent auf Reisen sind?

Gardiner: Landwirtschaft und Naturschutz. Mein Großonkel Balfour Gardiner war ursprünglich Komponist, er gehörte zu einer Gruppe englischer Musiker, die im späten 19. Jahrhundert in Frankfurt studiert haben. Später hat er einen großen Teil seiner Werke verbrannt, eine zweite Laufbahn als Laien-Architekt begonnen und sich außerdem in der Grafschaft Dorset mit Landschaftspflege beschäftigt. Mein Vater, ein Ökologe und Bio-Farmer, setzte sein Werk fort; gemeinsam haben sie in Dorset etwa 3,5 Millionen Bäume gepflanzt. Auf unserem dortigen Familienbesitz wohne auch ich heute; die Pionierarbeit meiner Vorfahren verlangt ständig nach Fortsetzung.

Neu erschienen:

J. S. Bach

Sämtliche geistlichen Kantaten (Cantata Pilgrimage)

Sir John Eliot Gardiner, The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists

harmonia mundi

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2005



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