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Harmonie der Sphären

Anu Tali

Anu Tali ist etwas ganz Besonderes. Ein Naturkind, das hoch hinaus will. Zu den Sternen – mindestens! Die estnische Dirigentin gründete ihr eigenes Sinfonieorchester und weiß sich in der männerdominierten Musikwelt zu behaupten. Ihre Musik? Spannungsreich und hoch emotional. Jochen Breiholz besuchte sie im Baltikum.

Anu Tali strahlt. Gerade hat sie ein sehr erfolgreiches Konzert in Tallinn dirigiert. Das Publikum jubelt. Und reicht ihr zum Ausdruck seiner Zuneigung und Verehrung – eine Ananas! Estland ist endgültig in der EU angekommen! Wer denkt denn da noch an Blumen? Oder an Bananen. Anu Tali, die mädchenhaft schmale, hellblonde Dirigentin, stemmt das Obst wie einen Pokal in die Höhe und weist auf ihr Orchester: Die haben doch die meiste Arbeit gemacht, scheint sie uns sagen zu wollen.
Wir treffen sie am nächsten Morgen im Dirigentenzimmer des Konzerthauses. Bescheiden ist sie und frei von Allüren. Das Gespräch verspricht spannend zu werden, denn kaum haben wir begonnen, da stürzt auch schon ihre Zwillingsschwester Kadri herein und bringt wichtige Neuigkeiten. Es geht um organisatorische Dinge, Besetzungsfragen, zukünftige Konzerte des Nordic Symphony Orchestra, das Anu 1997 gründete. Kadri, die Managerin, trägt bauchfrei und sieht wie ein Brit-Pop-Sternchen aus, sehr stylish. Anu mag’s lieber schlicht. Weiße Bluse, hellblauer Pulli aus Merino-Wolle, Jeans, ungeschminkt.
Wer ist diese Anu? Am Abend vorher hat sie ein ungewöhnliches, überraschendes, verwirrendes Programm dirigiert, von zeitgenössischer estnischer Musik über einen Sowjetfilmsoundtrack bis zur Briefszene aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und zurück, da war alles drin. Anu Tali liebt diese Kontraste und heimlichen Zusammenhänge der Geschichten, dieses Gegen- und Miteinander von gestern, heute, morgen. Und Anu Tali liebt, mehr als alles andere, die Musik. „Mutter wollte, dass wir etwas lernen, was uns Spaß macht“, sagt die 32-Jährige. Wäre es nach den Mädels gegangen, hätte dieser Weg nicht in die Musikhochschule geführt. Eher nach Cape Canaveral. Das heißt: zum sowjetischen Pedant dazu. Anu wollte Astronautin werden. Der Großvater ihres besten Freundes besaß ein Teleskop, mit dem studierten die Schwestern das Universum, stellten sich vor, wie das wohl wäre: durch den Weltraum zu reisen. Aber Musikerin? Ihren Jugendtraum hat Anu doch verwirklicht: „In gewissem Sinne bin ich Astronautin geworden. Ich entdecke ständig neue Welten.“
1991 schloss Anu Tali die Schule ab. Nicht in der Heimat, sondern in Stockholm: Sie gehörte zu den wenigen Privilegierten, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Begabung das Land für einen begrenzten Zeitraum, in diesem Fall für ein Jahr, verlassen durften. Zuhause überschlugen sich die Ereignisse. Estland gewann seine Unabhängigkeit zurück. Aus Tallinn kamen widersprüchliche Ansagen: „Komm sofort zurück, dies ist ein historischer Moment, du musst bei deiner Familie sein“, forderte die Großmutter. „Bleib wo du bist, dann ist wenigstens einer gerettet“, riet die Mutter. Doch die Zusammenstöße mit dem sowjetischen Militär verliefen weitgehend unblutig, da musste keiner gerettet werden. „Ich glaube, wir Esten sind manchmal etwas langsam“, sinniert Anu Tali. „In dieser Situation hat uns das geholfen. Wir haben abgewartet, keiner hat sich auf die Soldaten gestürzt, um den politischen Prozess mit Gewalt zu beschleunigen. Stattdessen sind Mütter auf diese Soldaten zugegangen, haben sie sehr ruhig angesprochen und von ihren Söhnen erzählt, um deren Leben sie Angst hatten. Es hat gewirkt – glaube ich.“
Und doch hat sie den Russen etwas zu verdanken. Ihre endgültige Erweckung zur Dirigentin zum Beispiel. Das geschah in St. Petersburg, wo Anu nach ihrem Abschluss von der Estnischen Musikakademie studierte. Sie besuchte eine Konzertprobe, Beethovens „Egmont“-Ouvertüre lag auf den Pulten, nur der Dirigent fehlte. Anu hob ganz forsch die Hand und sagte: „Ich kann das machen!“ Man ließ sie. Und riet ihr anschließend, nach Helsinki zu gehen, um dort an der Sibelius-Akademie den letzten Schliff zu erhalten. Der Gedanke, als Frau in eine Männer-Domäne einzudringen, beschäftigte Anu dabei nie: „Warum sollte ein Musiker meine Autorität in Frage stellen, nur weil ich eine Frau bin?“ Gesundes Selbstbewusstsein schadet bekanntlich nicht.
Ihr Nordic Symphony Orchestra gründete sie, um den kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern zu fördern. Die Mitglieder kommen aus 15 verschiedenen Nationen. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie bei anderen Klangkörpern, denn Anu Talis Orchester finanziert sich selbst, da bleibt für den Einzelnen nur ein Taschengeld übrig. Purer Idealismus und der Glaube an die Sache sind der Motor für Anu Tali und ihre Mannschaft. Das hört man. Der Titel ihres neuen Albums „Action Passion Illusion“ ist ganz wörtlich zu nehmen. Hier geht es nicht um einen abgehobenen Kunstbegriff, um ein analytisches Durchleuchten von Partituren. Hier geht es um starke Emotionen. Mit Werken von Sibelius, Rachmaninow und ihrem Landsmann Erkki- Sven Tüür schafft Tali ein aufregendes Spannungsfeld zwischen nur scheinbar weit voneinander entfernt liegenden Punkten. Geradeheraus, ungekünstelt, klar und mit viel Herzblut. Viel Passion, Action auch, aber wo bleibt die Illusion? In Anu Talis Privatleben? Die Mutter würde da gerne ein Wörtchen mitreden, die ist sehr bodenständig und bürgerlich und sähe ihre Tochter gerne als Ehefrau und Mutter. Anu Tali will davon nichts wissen, noch nicht, sie lebt für ihre Musik und konzentriert sich ganz auf ihre internationale Karriere. Und versichert uns, dass sie überzeugter Single sei. Fragt sich, wie lange noch. Vielleicht bekommt sie nach dem nächsten Konzert noch zwei Pfund Kaffee und einen Schinken aufs Pult gelegt. Und ein paar Telefonnummern von heimlichen Verehrern.

Neu erschienen:

Rachmaninow, Sibelius, Tüür

Die Waldnymphe op. 15, Zeitraum, Action Passion Illusion, Drei russische Lieder op. 41

State Choir Latvija, Nordic Symphony Orchestra, Anu Tali

Warner


Künstler aus Osteuropa: Sein oder De-sign?

Kürzlich, im wonniglichen Musenstädtchen Weimar, da begab es sich, dass einige äußerst begabte jugendlich-anmutige Talente der Musik ihr erstaunliches Können bezeugten, und zwar auf dem Klavier. Ein Wettbewerb wurde abgehalten, und es fiel auf, dass unter all den jungen Musikanten vermehrt welche in Erscheinung traten, deren Heimat der Osten Europas ist. Russland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, aus diesen Ländern kamen sie. Und gaben Proben ihrer enormen, ja zumal lyrischen Begabung. Eine Folgeerscheinung, kein Zweifel. Osteuropa macht sich, wieder einmal, auf, die Musik zu erobern. Und weil Musik in den Zeiten des späten Kapitalismus zugleich das Synonym für das Phänomen „Musik-Markt“ ist, haben sie sich auch dort ein lauschiges Plätzchen gesucht, die fliegenden Talente. Die Gründe für den steigenden Erfolg, nun, sie liegen beinahe auf den Händen. Während im verwöhnten Westen der Drill seit ’68 verpönt ist, das Dasein auf Erden mehr in Richtung auf Design und Oblomow, des obersten Mußegängers, schreitet, so zurren die Damen und Herren hinter dem einstmals eisernen Vorhang ihr künstlerisches Geschirr weit enger, sprich: Sie üben, sie üben, sie üben. Und spielen sich dann, ein bestimmender Punkt, die (leidende) Seele aus dem Leibe. Das kommt an. Und dass es in der Vorhand weibliche Geschöpfe sind, ist nun wirklich kein Zufall. Das Schöne und das Biest trifft man im Manne selten an. Vermarktungstechnisch, so das grausige, aber richtige Wort hierfür, liegt darin des Pudels weiser Kern.


Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 2 / 2005



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