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Komische Oper Berlin

Wer, wenn nicht wir?

Die Komische Oper Berlin hat es momentan nicht leicht, im Spannungsfeld zwischen Felsenstein- Erbe, Berliner Opernstiftung und geringen Auslastungszahlen ihren eigenen Weg zu finden. RONDO-Mitarbeiter Jörg Königsdorf hakte in einem Doppelinterview mit Intendant Andreas Homoki und GMD Kirill Petrenko einmal nach, wohin die Reise gehen soll.

RONDO: Herr Homoki, Herr Petrenko, seit knapp anderthalb Jahren ist die Komische Oper Berlin unter dem Dach der Berliner Opernstiftung. Hat sich Ihre Arbeit seitdem verändert?

Andreas Homoki: Wenn Sie auf die aktuellen Spielpläne schauen, sehen Sie schon jetzt, dass die Abstimmung der drei Häuser untereinander viel besser geworden ist: Das betrifft auch Kritikpunkte wie Schließtage und Repertoire- Doubletten. Wenn Sie jetzt nach Berlin kommen, können Sie fast sicher sein, dass zumindest an einem der drei Häuser eine Vorstellung auf der großen Bühne stattfindet – und wenn ein Stück an einem Haus neu herauskommt wie jetzt unser „Jewgeni Onegin“, dann bedeutet das zugleich, dass innerhalb der nächsten vier, fünf Jahre keine weitere Neuproduktion an einem anderen Haus über die Bühne gehen darf.

RONDO: Seit Anfang April ist mit Michael Schindhelm auch ein regulärer Generaldirektor der Opernstiftung im Amt. Braucht es den überhaupt noch, wenn die drei Häuser sich jetzt so gut verstehen?

Homoki: Natürlich. Die größten Probleme liegen ja noch vor uns: Bis 2009 soll die Stiftung schließlich 16 Millionen Euro einsparen. Dazu müssen die Werkstätten fusioniert und die Einnahmen gesteigert werden. Das ist ein enormes Streitpotenzial, und da ist es wichtig, dass eine neutrale Instanz vermittelt.

RONDO: Immer wieder werden den Berliner Opernhäusern die notorisch niedrigen Besucherzahlen vorgehalten. Wie glauben Sie, dieses Problem in den Griff zu bekommen?

Homoki: Unsere Zahlen steigen zum Glück, zwar langsam, aber kontinuierlich. Die bisherige Steigerung der Auslastung klingt zwar noch nicht berauschend, aber wir haben durch den Wegfall der Tanzsparte und durch unseren künstlerischen Neustart einen Teil unseres alten Publikums verloren und konnten das immerhin mehr als kompensieren. Zum Teil auch dadurch, dass wir in unserer Ansetzungspolitik stärker auf das Publikumsverhalten reagieren. Natürlich müssen wir noch viel mehr lernen, uns als Wirtschaftsunternehmen zu begreifen. Aber damit habe ich kein Problem.

RONDO: Sie hatten keinen glücklichen Start: Die Ost-Anspielungen in Ihrer „Verkauften Braut“ wurden als Beleidigungen verstanden, einige Gastregisseure lieferten nicht die erhofften Erfolge. Haben Sie Fehler gemacht?

Homoki: Ich habe die Erwartungen unter Umständen unterschätzt, die an mich gestellt worden sind. Zum Glück vielleicht, denn sonst wäre ich in meinen künstlerischen Entscheidungen weniger unabhängig gewesen. Mein Ziel war es von Anfang an, die künstlerische Bandbreite des Hauses zu erweitern und wichtige neue Regisseure nach Berlin zu holen. Das war für das Publikum offenbar eine Schocktherapie, und der Widerstand war sozusagen vorprogrammiert.

RONDO: Hat dieser Widerstand auch damit zu tun, dass Sie dem Stammpublikum ein Stück ihrer alten DDR genommen haben?

Homoki: Sicher spielt das eine Rolle. Nur die Leute vergessen, dass Theater nie für die Ewigkeit gemacht ist. Mein Vorgänger Harry Kupfer ist übrigens der Erste, der sagt, wir sollten doch lieber seine alten Inszenierungen wegwerfen und stattdessen etwas Neues machen.

RONDO: Die Sado-Maso-„Entführung“ von Calixto Bieito war die umstrittenste deutsche Opernproduktion des letzten Jahres. Inwiefern hat das Ihre Vorstellungen von der zukünftigen Linie des Hauses beeinflusst?

Kirill Petrenko: Für mich war diese Produktion sozusagen der entscheidende Punkt meiner Zeit als Chefdirigent – vor allem, weil so eine Inszenierung von mir als Musiker verlangt, dass ich mich auf sie einlasse und mich gedanklich mit dem auseinandersetze, was auf der Bühne stattfindet. Mir ist an Bieitos Arbeit klar geworden, dass der Sinn des Theaters darin besteht, den Zuschauer an den Nieren zu packen. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jetzt nur noch so etwas wie die „Entführung“ machen. Aber mir ist bei dieser Arbeit in voller Stärke klar geworden, dass es unsere Aufgabe ist, die Wege der Auseinandersetzung mit Musiktheater zu erweitern. Das kann allerdings auch bedeuten, dass in den Notentext eingegriffen wird, wie bei Konwitschnys Inszenierung von „Don Giovanni”.

RONDO: Haben Sie als Dirigent nicht das Gefühl, die Musik gegen solche Eingriffe der Regie verteidigen zu müssen?

Petrenko: Nein, Oper ist für mich keine bloße Traditionspflege im Sinne toter Buchstabentreue. Es geht doch darum, die innere Wahrheit der Musik zum Vorschein zu bringen. Das verstehe ich unter Werktreue. Und das ist es auch, was mich hier am Haus hält. Mittlerweile bin ich frustriert, wenn ich anderswo eine Oper dirigiere und auf eine klinisch tote Inszenierung schaue. Ich will doch, dass die Bühne mich einsaugt wie die Musik, dass von dort auch etwas zu mir zurückkommt.

RONDO: Herr Petrenko, die Qualität des Orchesters geht unter Ihrer Führung steil nach oben. Reizt es Sie, sich in der Klassikmetropole Berlin gegen die scheinbar übermächtige Konkurrenz von Rattle, Barenboim & Co zu behaupten?

Petrenko: Nicht mehr. Noch vor zwei Jahren wäre ich nervös geworden, wenn ich eine „Jenufa“ geplant und Simon Rattle auch eine gemacht hätte. Doch inzwischen ist es mir gelungen, mich von diesem Druck frei zu machen und stattdessen meinen Blick konzentrierter auf mein eigenes Haus zu richten. Denn die Wahrheit der Stücke muss ich schließlich selbst finden.

RONDO: Und deshalb spielen Sie auch weiterhin auf Deutsch?

Homoki: Ja, gerade jetzt bei den Proben zum „Onegin“, meiner ersten Regie am Haus seit anderthalb Jahren, erlebe ich wieder, dass durch eine gute Übersetzung eine aufregende Frische in die Musik kommen kann.

Petrenko: Für mich ist die Deutschsprachigkeit allerdings kein hundertprozentiges Dogma. Auch hier gilt, dass wir uns vor allem klar darüber sein müssen, was wir sagen wollen. Und dann erst kommt die Frage, wie wir es sagen wollen. Übrigens machen wir in der kommenden Saison mit Piazzollas „Maria de Buenos Aires“ unser erstes nicht-deutsches Stück in Originalsprache.

RONDO:Mit „Rosenkavalier“, „Butterfly“ und „Così fan tutte“ weist Ihr Premierenplan für die kommende Spielzeit drei Publikumsrenner auf, die auch an den Konkurrenzbühnen schon vorhanden sind. Ist das eine Reaktion auf die schlechte Auslastung bei selteneren Stücken wie Zemlinskys „Zwerg”?

Homoki: Nein, man macht keinen Spielplan mit Blick auf die Auslastungszahlen. Konwitschnys „Così“ ist eine konsequente Fortsetzung unseres Mozart-Zyklus’, Bieitos „Butterfly“ wird sich sicher genug von den beiden anderen Berliner Versionen unterscheiden, und der „Rosenkavalier“ gehört eigentlich eher an ein kleineres Haus. Das ist ein Konversationsstück, eine „Komödie mit Musik“, die eine extreme schauspielerische Detailgenauigkeit verlangt. Und wer könnte diesem Anspruch besser gerecht werden als wir?

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2005



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