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Musikstadt

Essen: Kohle und Kultur

Essen ist eine Kulturstadt. Noch vor wenigen Jahren wäre man für diese Behauptung belächelt worden, auch in Essen selbst. Heute lacht niemand mehr. Denn Essen ist auf direktem Wege, sogar Kulturhauptstadt zu werden.

Der Ehrentitel „Kulturhauptstadt Europas“, der im Jahr 2010 für zwölf Monate erstmals wieder nach Deutschland wandert, ist zum Greifen nahe. Traditionsreiche Mitbewerber wie Köln, Münster, Bremen und Regensburg mussten einer nach dem anderen mit ansehen, wie ihnen die in kulturellen Belangen neureiche Verwandte aus dem Ruhrgebiet die Schau stahl. Souverän in Pflicht und Kür kegelte man zunächst die Gegenkandidaten im eigenen Bundesland Nordrhein-Westfalen aus dem Wettbewerb und überzeugte anschließend die nationale Jury. Nur das kleine Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze konkurriert jetzt noch mit der Reviermetropole, die – und das ist das Besondere an der Bewerbung – stellvertretend für die ganze Region Ruhrgebiet antritt. Anfang nächsten Jahres entscheidet Brüssel. An der Ruhr gibt man sich siegessicher, setzt vollmundig auf „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel”.
Deutschlands größter Ballungsraum mit seinen 53 eng verzahnten Städten und Gemeinden, in denen mehr als 5,3 Millionen Menschen leben, macht sich mit seinem Bewerbungsmotto selber Mut. Denn er hat ein schwer lastendes Image-Problem: Grau, trist und hässlich soll es zwischen Ruhr und Emscher sein. Glaubt zumindest der Rest der Republik. Fakt ist: Die Arbeitslosigkeit erreicht in manchen Stadtbezirken ein erschreckend hohes Niveau, der Strukturwandel weg von Kohle und Stahl hin zu Hightech und Dienstleistung hat längst nicht allerorten so gegriffen, wie Politiker in ihren Sonntagsreden suggerieren. Dass der Himmel über der Ruhr blauer ist als über vielen anderen deutschen Großstädten, hat sich zwar inzwischen herumgesprochen. Dennoch gilt das Ruhrgebiet nicht gerade als Vorzeigeregion.
Essen ist eine sehr junge Kulturstadt, die auf ihrem steilen Weg aus der Provinz nicht auf ein überreiches Erbe bauen konnte und deshalb andere Tugenden entwickeln musste. Zum Beispiel Weitsicht. Ein extrem weitsichtiger Schritt betraf das Musikleben: die Errichtung des Aalto-Theaters. Der aus den 1950er Jahren stammende Entwurf des finnischen Architekten- Genies Alvar Aalto gilt vielen bis heute als gelungenster Opernneubau der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Verwirklichung ging allerdings ein fast 30 Jahre dauernder Selbstfindungsprozess der Essener Bürgerschaft voraus, der zäh um die Frage kreiste: Brauchen wir überhaupt ein Opernhaus? 1988 eröffnet, strafte das Aalto-Theater alle Bedenkenträger Lügen und erlangte schnell überregional Anerkennung, zunächst künstlerisch nachhaltig geprägt von Intendant Manfred Schnabel und den Dirigenten Heinz Wallberg und Wolf-Dieter Hauschild.

„Der Opernintendant Soltesz kommt mit dem Chefdirigenten Soltesz bestens aus“

1999 übernahm der aus Ungarn stammende Wiener Stefan Soltesz als Opernintendant und Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker die Verantwortung für Oper und Konzerte. Das Modell des dirigierenden Opernintendanten mag sich andernorts weniger bewährt haben, in Essen kann man es nur glückhaft nennen. Soltesz selbst sieht die Sache ganz pragmatisch: „Der Opernintendant Soltesz kommt mit dem Chefdirigenten Soltesz bestens aus“. Bestens kommen auch die Essener mit ihrem derzeitigen „General” aus: Erst vor wenigen Wochen verlängerte man dem 56-jährigen Soltesz erneut seinen Vertrag. Nun bleibt er auf jeden Fall bis 2010, dem Kulturhauptstadt-Jahr, ja, man räumte dem international gefragten Dirigenten sogar eine Option auf weitere drei Jahre ein. Die Essener zeigen sich dankbar: Unter Stefan Soltesz hat sich das Aalto-Theater nämlich endgültig in der Spitzengruppe der ersten Opernhaus-Liga etabliert. Es ist gewissermaßen zum Symbol des kulturellen Aufschwungs der Stadt geworden und erfüllt auch frühere Skeptiker mit Stolz. Hinter Stuttgart erreichte das Aalto-Theater vor zwei Jahren Platz 2 auf der Kritiker-Bestenliste „Opernhaus des Jahres”. Die Philharmoniker schmücken sich mit dem Titel des besten Opernorchesters der Saison 2003/2004, Soltesz rangiert unter den Dirigenten in der Spitzengruppe. Und in der Tat: Weder szenisch noch musikalisch muss man Vergleiche mit den vermeintlich „Großen“ wie Berlin, München oder Hamburg scheuen. Wer erlebt hat, wie Stefan Soltesz mit traumwandlerischer Souveränität seine Sängerinnen und Sänger – darunter Gäste ersten Ranges – durch die schwersten Partien führt, wie er um die Balance der Stimmen weiß und dazu die fulminant spielenden Philharmoniker packend einzusetzen versteht, der kann nur den Hut ziehen vor so einer Ensembleleistung. Sie ist in der Tat hauptstadtwürdig. Dabei nimmt das Aalto-Programm nicht einmal durch Originalität gefangen. Soltesz konzentriert sich auf das gängige Repertoire zwischen Mozart und dem gemäßigten 20. Jahrhundert. Ausflüge in die Moderne unternimmt er nur zögerlich. Benjamin Britten liegt ihm am Herzen, Bergs „Wozzeck“ hörte man unter ihm mit Genuss, ebenso wie Aribert Reimanns „Lear”. Allerdings: Soltesz reagiert geradezu allergisch auf leere Zuschauerränge. Deshalb verschwinden schlecht laufende Produktionen schnell vom Spielplan. Verdi, Wagner und Strauss – das ist Stefan Soltesz' Domäne. Allein acht Opern von Richard Strauss hat das Aalto-Theater im Repertoire – vom „Rosenkavalier“ über „Elektra“ und „Salome“ bis hin zu Raritäten wie „Daphne“ (in der viel beachteten Inszenierung Peter Konwitschnys) und „Die Ägyptische Helena”. Als einsamer Gipfel gilt immer noch „Die Frau ohne Schatten“ in der Inszenierung von Fred Bernd mit Luana DeVol als Färberin. Unlängst stellte Soltesz die Premieren der Spielzeit 2005/2006 vor. In der nächsten Saison gibt es ausnahmsweise keinen neuen Strauss, dafür aber mit einem konzertanten „Rienzi“ und dem „Holländer“ gleich zweimal frühen Wagner. Und Johannes Schaaf, fast schon Haus-Regisseur in Essen, inszeniert Schostakowitschs „Nase”.
Auch in den Konzerten haben die Philharmoniker unter Soltesz ein erstaunliches Niveau erreicht. Die Programme allerdings sind hausbacken. Der amerikanische Dirigent Steven Sloane zeigt da in der Nachbarstadt Bochum konzeptionell mehr Wagemut (aber Bochum ist ja nur zehn S-Bahn-Minuten von Essen entfernt und macht natürlich mit beim Kulturhauptstadt-Programm). Doch auch in den Konzerten stehen die Essener fest hinter ihrem Chefdirigenten. Abo-Plätze wechseln höchstens durch Vererbung den Besitzer, die meisten der zwölf Doppelabende pro Saison sind ausverkauft. Vielleicht liegt diese unverbrüchliche Treue daran, dass Stefan Soltesz und sein Orchester über geraume Zeit hinweg als einzige die sinfonische Tradition der Ruhrstadt aufrechterhielten. Denn nach dem Niedergang des in die Jahre gekommenen Saalbaus machten große Orchester einen weiten Bogen um Essen. 1999 zog sich der letzte Konzertveranstalter zurück. Der mit knapp 590.000 Einwohnern achtgrößten deutschen Stadt fehlte schlicht ein vernünftiger Konzertsaal. Nach langem Hin und Her, verworfenen Neubauplänen und einem spektakulären Bürgerbegehren mit 90.000 Unterschriften für den Erhalt des Saalbaus entschloss sich die Stadtspitze, diese „gute Stube“ der Stadt komplett zu entkernen und zur Philharmonie aufzurüsten. 50 Millionen Euro sollte der Umbau zunächst kosten, schließlich wurden es 70 Millionen, eine gewaltige Summe für eine Stadt, deren strukturelles Haushaltsdefizit sich jährlich auf einen dreistelligen Millionenbetrag beläuft. Doch viele Essener wollten sich von ihrem Saalbau nicht trennen – gleichzeitig aber auch auf einen repräsentativen Konzertsaal nicht verzichten. Als dann die in der Stadt beheimatete Krupp-Stiftung sagenhafte 13 Millionen in Aussicht stellte und der Stromriese RWE weitere 1,5 Millionen, brachte das den Stein ins Rollen.

Das Bonmot, Düsseldorfs Philharmonie stehe nun in Essen, zeugt von der Gemütslage einer Region, in der längst noch nicht alle Philharmonie-Träume ausgeträumt sind.

Im Juni 2004 eröffnete die neue Philharmonie mit einem siebenwöchigen Konzertreigen. Der Konzertsaal liegt am Rande des Essener Stadtgartens in unmittelbarer Nachbarschaft zum Aalto-Theater. Nur fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, tut sich hier ein überaus repräsentables Musikforum auf, vor dem selbst die regelmäßig aus der Landeshauptstadt Düsseldorf heranreisende Politprominenz respektvoll den Hut zieht. Das Bonmot, Düsseldorfs Philharmonie stehe nun in Essen, zeugt von der Gemütslage einer Region, in der längst noch nicht alle Philharmonie-Träume ausgeträumt sind. Bochum plant ein kleineres Haus, auch Duisburg hofft auf einen Neubau für sein ebenfalls exzellentes Orchester. Und Dortmund war Essen zwei Jahre zuvor gekommen mit dem bundesweit viel beachteten Bau des ersten Konzerthauses im Ruhrgebiet. Natürlich gibt es warnende Stimmen angesichts dieses ungebremsten Konzerthaus-Booms. Schließlich gilt es, in der vom Bevölkerungsrückgang bedrohten Region die mit viel Steuergeldern subventionierten Säle zu füllen. Doch derzeit baden sich Essens Musikenthusiasten erst einmal in dem Gefühl, endlich nicht mehr ein weißer Fleck auf der Landkarte des Konzertwesens zu sein. Große Künstler geben sich in der neuen Philharmonie die Klinke in die Hand. Philharmonie-Intendant Michael Kaufmann fuhr gleich in der ersten Saison schwere Geschütze auf, holte Ensembles vom Schlage der Berliner Philharmoniker und des Chicago Symphony Orchestra. Nach der Sommerpause haben sich u. a. New Yorks Philharmoniker unter Lorin Maazel angesagt. Alle „Big Five“ aus Amerika nach Essen zu holen, ist Kaufmanns erklärtes Ziel. Durch spezielle Reihen – etwa den ambitionierten Schönberg- Zyklus und herausragenden Produktionen mit Alter Musik – versucht er, dem Haus überdies ein unverwechselbares Profil jenseits der Highlights zu geben. Von Anfang an verstand Kaufmann die Philharmonie als Forum auch des örtlichen Musiklebens. So ist der 1900 Zuschauer fassende Saal Bühne geworden für die ambitionierten Ensembles der Stadt. Es gibt enge Kooperationen mit der kleinen, aber feinen Konzertreihe des Weltkulturerbes „Zeche Zollverein“ im Norden und mit der berühmten Folkwang Hochschule im Süden. Die 1927 gegründete Hochschule für Musik, Tanz und darstellende Künste verfügt übrigens über einen eigenen attraktiven Saal. Mit ihren 1300 Studierenden und rund 100 hauptberuflichen Lehrkräften führt sie im Nobelvorort Werden ein gelegentlich abgeschirmt wirkendes Eigenleben, ist aber fraglos von elementarer Bedeutung für die Entwicklung Essens als Musikstadt. Die Zahl der renommierten Künstler, die an Folkwang wirkten und wirken ist immens. Um nur einige Namen zu nennen: der Pianist Paul Badura- Skoda, die Cellisten Maria Kliegel und Janos Starker, die Sängerin Rita Streich, die Komponisten Nikolaus A. Huber, Wolfgang Hufschmidt und Gerd Zacher. Auch Krzysztof Penderecki unterrichtete hier einige Jahre. Wer sich also vom Niveau der kommenden Musiker-Generation ein umfassendes Bild machen will, der ist hier ebenso gut bedient wie der Freund der Avantgarde.
Musik wird in Essen in vielfacher Ausprägung praktiziert. Mit dem von der Hochschule unabhängigen Folkwang Kammerorchester gibt es ein zweites Profiorchester neben den Philharmonikern. Es gibt eine kleine Jazz-Gemeinde und ein großes Musical-Theater. Das Spektrum des regen Chorwesens reicht vom Knappenchor (ja, die gibt es immer noch) bis zum hoch spezialisierten A-cappella- Ensemble. Besonders die Kirchen pflegen das gemeinsame Singen. Am Dom kümmert man sich nicht nur um die Liturgie, sondern mit Mädchen- und Knabenchor auch intensiv um Nachwuchspflege. Auf evangelischer Seite macht vor allem die Kreuzeskirche als außergewöhnliche Musikstätte von sich Reden. Kantor Eckhard Manz widmet sich hier in spartenübergreifenden Projekten ganz unterschiedlichen Aspekten der Musik. 2002 ehrte man Olivier Messiaen mit einer ambitionierten Reihe. Derzeit beschäftigt sich das Projekt „KlangRaum“ auch mit elektroakustischer Musik.
Ein anderes Dauerthema in Essen ist die „Kohle“. Der mit 90 Millionen Euro knapp gehaltene Kulturetat lässt wenig Spielraum. Ohne Sponsoren liefe in vielen Bereichen nichts mehr. Wie gut, dass man die mächtigen Essener Wirtschaftsbosse für die Kulturhauptstadt-Idee begeistern konnte.

Michael Kohlstadt

Rondo Redaktion, RONDO Ausgabe 3 / 2005



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