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Jonathan Lemalu

Frisch und unverbildet

Die Zauberflöte hörte er zum ersten Mal, als er selbst den Papageno sang: Jonathan Lemalu wundert sich immer noch über seinen durchschlagenden Erfolg auf den Bühnen der Welt. Michael Wersin traf ihn im Hard Rock Café in München zwischen zwei Proben für Händels „Saul“.

„An die Musik“ von Schubert und „Die beiden Grenadiere“ von Schumann waren Jonathans erste Kunstlieder; seine Gesangslehrerin gab sie ihm, als er 19 war und nur Popmusik hörte. Augenblicklich weckten sie sein Interesse: Er war fasziniert von den erzählerischen Möglichkeiten, die diese Musik bot. Zur Gesangsausbildung hatten ihm Mom und Dad geraten; er begann sie gleichzeitig mit einem Jurastudium an der Universität seiner Heimatstadt. Nach einigen Semestern nahm er an einem Wettbewerb teil, zu dessen Jury die englische Mezzosopranistin Sarah Walker gehörte. Sie empfahl ihm, der Neuseeland bis dahin niemals verlassen hatte, die Ausbildung am Royal College of Music in London weiterzuführen; per Stipendium ließ sich die Reise um den halben Erdball und der Aufenthalt in der englischen Metropole finanzieren.
Jonathan Lemalu wurde 1976 im neuseeländischen Dunedin geboren. Seine Eltern hatten erst in den 60er Jahren den Inselstaat Samoa verlassen. Der Vater begann als Arbeiter mit der Schaufel in der Hand und machte im Metallgewerbe Karriere; die Mutter ist Dozentin an der Universität von Dunedin und kümmert sich um Einwanderer von den pazifischen Inselgruppen. Singen war für Jonathan zunächst nur ein Hobby. Als Knabensopran – kein besonders guter, wie er sagt – im Chor seiner presbyterianischen Heimatgemeinde lernte er erstmals europäische Klassik kennen, die im neuseeländischen Alltag ansonsten eine marginale Rolle spielt: Es gibt nur zwei Opernhäuser im ganzen Land, und Klassik wird vor allem von der obersten Bevölkerungsschicht gehört, der die Lemalus nicht angehörten.
Frisch und unverbildet war seine Stimme, erzählt er; dass er außerdem ein bisschen anders aussah und ein bisschen anders klang als die über dreißig Sänger, die am Royal College gleichzeitig mit ihm begannen, hat ihm, so meint er, vielleicht einen kleinen Vorteil verschafft. Bis heute lässt er sich regelmäßig von seiner verehrten Gesangslehrerin Vera Rosza kontrollieren und beraten.
Die Karriere ließ nicht lang auf sich warten. Im Januar 2002 nahm er sein Debüt-Album auf, das von der Kritik gefeiert wurde: Ein ambitioniertes Programm deutscher, französischer und englischer Kunstlieder, an dessen Anfang eine brillante Interpretation von Brahms’ „Vier ernsten Gesängen“ steht. Durch kernige, dunkle Fülle zeichnet sich schon hier Lemalus edler Bassbariton aus; perfekt ist die Skala durchgebildet bis in die mühelos und offen ansprechende obere Lage, mit der Jonathan, der entwaffnend ehrliche Gesprächspartner, selbst noch nicht ganz zufrieden ist; makellose Diktion zeugt von gründlicher Beschäftigung mit dem deutschen Idiom, das ihm, wie er sagt, unter den europäischen Sprachen das liebste ist. Symptomatisch für Lemalus „Durchstarten“ ist u. a. auch der „Saul“ an der Bayerischen Staatsoper: Hier begann er 2003 mit der kleinen Rolle der Erscheinung des Samuel, nun singt er die Titelpartie. „Yeah, ist das nicht immer noch wie ein Traum?“ Wenn er mit Simon Keenlyside oder Gerald Finley, für ihn Abgötter des Gesangs, gemeinsam auf der Bühne steht, möchte er sich immer noch in den Arm kneifen oder seinen Fotoapparat zücken und ein Bild machen.
„Spaß haben an der klassischen Musik“ und „Geschichten erzählen“ sind Jonathans etwas hemdsärmelig formulierten Ziele im Sängerberuf; besonders der zweite Aspekt birgt allerdings ein durchaus ehrgeiziges künstlerisches Ethos: „Ich möchte vor dem Hintergrund meiner Lebenserfahrung die Musik, mit der ich mich intensiv auseinandersetze, dem Publikum vermitteln“, sagt er, „und ich möchte dabei niemanden imitieren, nicht klingen wie irgendjemand anders, sondern einfach ich selbst sein.”

Neu erschienen:

Opera Arias

Jonathan Lemalu

EMI

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 3 / 2005



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