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Agneta Eichenholz als Daphne (c) Monika Rittershaus

Fanfare

In Basel liegt Arkadien in Garmisch-Partenkirchen, denn Richard Strauss’ „Daphne“ ist in jener Zeit angesiedelt, in der sie geschrieben wurde: 1938. So will es Frauenregisseur Christof Loy, dem es glückt, jener „bukolischen Tragödie“ Leben einzuhauchen.
Während es in Erwartung des dionysischen „Fests der Paarung“ zwischen den halbnackten Arbeitern sinnlich dampft, zieht sich die von ihrem Vater wohl missbrauchte, von der Mutter (grandiose Schlampe: Hanna Schwarz) verführte Daphne in Gestalt der irisierende Sopranhöhen durchmessenden Agneta Eichenholz in sich zurück.
Loy gelingt es spielend, Opernpappkameraden zu szenisch griffigem Leben zu erwecken. Das gilt auch für das ambivalente Verhältnis zu Leukippos, den der intensive Rolf Romei als langmähnigen Dorf-Softie charakterisiert. Nur zum strahlenden, auch grausamen Apoll (mit mancher gefälschten Höhe: Marco Jentzsch) fällt Christof nichts ein. Er motiviert den Übertritt der Daphne in eine andere Welt mit Lorbeerblättern im Haar. So wird sie nicht zum Baum, sondern zur mordenden Wahnsinnigen, eine griechische Lucia aus Lammermoor. Dazu lässt es Hans Drewanz noch einmal in den Streichern grünen, blühen, aufrauschen.
In ZÜRICH stand ebenfalls ein Stück von 1938 auf dem Programm: Bohuslav Martinůs „Juliette“. Der polyglotte Martinů stand bis jetzt zwischen den Stilen und Stühlen. Plötzlich beginnt man, sich nachhaltiger für diesen eleganten Träumer zu interessieren. Martinůs Originalität ist besonders in seinem surrealpoetischen Musiktheaterhauptwerk „Juliette oder der Schlüssel der Träume“ zu erleben.
Erzählt wird da von der Fixierung eines Mannes auf das Bild einer Frau, die er vor drei Jahren gesehen hat. Als er in die Stadt zurückkehrt, die so namenlos ist wie ihre Bewohner, um Juliette wiederzufinden, stellt er fest, dass hier alle ihre Erinnerung verloren haben. Auch er, der glaubt, seine Juliette neuerlich zu haben, verschwindet immer mehr im Strudel von Sein und Schein.
Martinůs Musik packt sofort. Fabio Luisi am Pult der Zürcher Philharmonia setzt das feinsinnig, dynamisch souverän um. Dem Bühnengeschehen aber geht schnell die Luft aus. Christian Schmidt stellt zum wiederholten Mal einen sich spiegelnden Bibliothekseinheitsraum auf die Drehbühne. Durch den rauschen – angefangen mit einer Lokomotive – René-Magritte-Reminiszenzen, doch Andreas Homokis realismusnahe Regie passt nicht. Sie banalisiert mit Wiederholungen ein Stück, das (alb-)traumhafte Winkelzüge schlagen müsste. Immerhin fasziniert Joseph Kaiser in der gewaltigen Tenorhauptrolle. Annette Dasch gibt Juliettes kühl brennender Sopran-Emotionalität Stimme und Statur.
In STUTTGART ist man erleichtert, den in „Berenike“ umgetauften „Vologeso“ wieder ins Kellerregal legen zu können. Der als bedeutendster Komponist seiner Zeit engagierte Niccolò Jommelli schrieb hier von 1754 bis 1769 Musikgeschichte. Mögen bei dieser unvermeidlichen Ausgrabung zum 300. Geburtstag Philologen Glückstränen in den Augen haben, was hilft es, wenn diese klanglich kein theatralisches Leben mehr atmet, die Intrigen- und Liebesgeschichte auf der Stelle tritt? Jommellis Musik wirkt bei aller Sturm-und-Drang-Innovation im Detail steif und unpersönlich.
Dem hat selbst ein Regieteam wie Jossi Wieler und Sergio Morabito nichts entgegenzusetzen. Der koloraturgewandte Tenor Sebastian Kohlhepp singt mit viel Druck den weichlichen Kaiser Lucio Vero. Ana Durlovski als hochvirtuose armenische Königin ermüdet mit Sopranlarmoyanz. Aber die grandiose Helene Schneiderman trotzt als Lucilla wundervoll Alter und Bestimmung.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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