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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf CD

Vom Regler auf die Scheibe

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten werden subventioniert, weil sie einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen haben: die Vermittlung und Wahrung von Kultur. Rechtfertigt das im Fall von Radiosinfonieorchestern die Gründung eines eigenen Labels? Der Bayerische Rundfunk hat sich für diesen Weg entschlossen und dafür nicht nur Lob geerntet. Plattenfirmen warfen den Bayern Wettbewerbsverzerrung vor. Gerechtfertigter Weise, oder ermöglicht ein eigenes Label den Vertrieb von Produktionen, die aus unternehmerischer Sicht riskant sind? RONDO-Autor Tomasz Kurianowicz hat mit den Verantwortlichen gesprochen und über Vor- und Nachteile diskutiert.

Wenn öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten unternehmerisch tätig werden, werden sie oft von Marktteilnehmern kritisiert: Landen die Zuschüsse wirklich in Produktionen, die dem Kulturauftrag gerecht werden? Oder verschaffen sich die Sender durch die Subventionierung einen unerlaubten Wettbewerbsvorteil? Bei dem Erwerb von Champions-League-Rechten mag man noch leichtfertig die Nase rümpfen. Bei großen Rundfunkorchestern sieht die Sache schon sehr viel schwieriger aus – schließlich haben nicht nur die Anstalten Interesse daran, aufwendige Radioproduktionen weiter zu verwerten, manches Konzert könnte durchaus für die Öffentlichkeit von Gewinn sein. Denn bei der täglichen Arbeit der Rundfunkorchester entstehen zum Teil herausragende Aufnahmen, die auf kommerziellem Wege oft niemals erscheinen würden.
Für öffentliche Rundfunkanstalten führen viele Wege nach Rom: Man kann einen Sondervertrag mit einem fremden Label schließen und jedes Mal neu über die Produktionspartner entscheiden – nach bestem Wissen und Gewissen. Oder man macht es wie der Bayerische Rundfunk: Vor drei Jahren wurde dort das Label »BR Klassik« ins Leben gerufen, das die Aufnahmen aller drei Klangkörper – des Symphonieorchesters, des Münchener Rundfunkorchesters und des Chors des Bayerischen Rundfunks – in Eigenregie und selbstbestimmt vertreibt. Der Label-Manager Stefan Piendl begründet diesen Schritt: »Auf diesem Weg werden die Marken der Orchester, des Chors und auch die des Bayerischen Rundfunks gestärkt. Das kommt nicht nur den drei Klangkörpern, sondern auch dem Publikum zugute.« Denn so könne man auch leichter den enormen Fundus an Archivaufnahmen auswerten, fügt er hinzu. »Darunter befinden sich herausragende Produktionen, die so erst für die Öffentlichkeit verfügbar werden, nicht zuletzt rare Mitschnitte, die nicht nur für Musikkenner und -historiker interessant sind.« Als Wettbewerbsverzerrung sieht er das nicht. Immerhin werde man dem Kulturauftrag auch dahingehend gerecht, da manche Produktionen für konventionelle Labels schlicht uninteressant wären, so im Bereich Neue Musik oder Education. Doch auch hier gibt es angenehme Überraschungen: »Wir haben auf 4 CDs ein Hörbiografie herausgebracht, in der das Leben von Gustav Mahler geschildert wird. Dieses Produkt läuft weit über die Erwartungen erstaunlich gut.«
Doch nicht alle öffentlich-rechtlichen Sender gehen diesen Weg. Das Orchester des Hessischen Rundfunks etwa arbeitet vornehmlich mit BMG und EMI zusammen, der Südwestdeutsche Rundfunk hat für sein Radiosinfonieorchester eine enge Kooperation mit Hänssler gewählt. Der WDR wiederum arbeitet bewusst mit verschiedenen Labels zusammen, was dem Sender vor allem höhere Flexibilität ermöglicht. Der Label-Manager des WDR, Siegwald Bütow, sieht in allen Herangehensweisen Vor- und Nachteile und tritt dafür ein, die verschiedenen Strategien nüchtern zu bewerten. »Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk haben wir den Vorteil, dass wir Aufnahmen mit Künstlern realisieren können, die einen Exklusiv-Vertrag mit Major-Labels haben.« Außerdem könne man mehr Produktionen herausbringen, da der Produktionsablauf und die Pressearbeit beim Label verbleiben. »Im Prinzip bin ich mit sehr vielen Labels im Gespräch und lote aus, welches für die Pläne, die wir als nächstes haben, am besten passt.« In der Liste der Produktionspartner des WDR finden sich Labels wie Audite, Hänssler und Winter und Winter. Auch finanziell mache das Vorgehen Sinn. »Sobald wir unsere Aufnahmen abgeschlossen haben, liegen sämtliche Produktionskosten auf der anderen Seite. So kann man sicherer planen. Zugleich ist bei einem externen Label das Interesse größer, die CDs zu verkaufen, um die Kosten wieder reinzubekommen.« Der Nachteil sei, dass die Produktionslinien nicht die auffallende Geschlossenheit der Münchner CDs erreichen.
Ob die Gründung eines eigenen Labels Sinn macht oder nicht, lässt sich pauschal also nicht sagen, das zeigen erst die langfristigen Bilanzen. Ob diese gut ausfallen, liegt am Ende am Orchester, der Senderpolitik und vor allem an den Aufnahmen. Für Erfolg gibt es nirgendwo Garantie, weder bei privaten, noch bei öffentlich-rechtlichen Produktionen.

Tomasz Kurianowicz, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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