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(c) Harald Hoffmann

Frank Peter Zimmermann

Feilen am perfekten Klang

Die ultimative Geige hat er längst gefunden. Nur er selbst, so glaubt der Violinist, müsse sich unbedingt weiter verbessern – wie für seinen neuen Mozart.

Viele Jahre hat er gebraucht, um sie wirklich zu verstehen, ihre Stärken zu entdecken und mit ihren Launen auszukommen. Jetzt will er sie nicht mehr missen, seine „Lady Inchiquin“, jene berühmte Stradivari von 1711 aus der sogenannten „goldenen Periode“ des Cremoneser Meisters. „Als ich dieses Instrument bekam, habe ich mein ganzes Repertoire noch einmal neu einstudieren müssen, jede einzelne Note wieder überdacht. Diese Geige verkehrt die Seiten: Sie zeigt mir, wie sie behandelt werden möchte. Sie verfeinert mein Spiel.“
Sicher, es gibt auch andere wunderbare Instrumente, und Zimmermann ist sich auch ziemlich sicher, dass er wieder eines bekäme. „Aber das wäre so, als würde man mir sagen: Mensch, da draußen sind noch so viele andere schöne Frauen. Warum verlässt du nicht deine?“
Frank Peter Zimmermann kann noch lachen, immerhin. Sonst schweigt er lieber zur aktuellen Causa, die das Zeugs zum Drama hat. Seit der Pleite von Zimmermanns Sponsor, der WestLB, die einst die „Lady Inchiquin“ kaufte, verscherbelt eine Nachfolgegesellschaft das Tafelsilber der Bank. Die beiden Warhols, die im Herbst für über 100 Millionen versteigert wurden, waren der Anfang. Da ist es tatsächlich einstweilen besser, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die letzten Chancen nicht noch zu versauen durch eine unvorsichtige Äußerung. Anderes Thema also.
Wie wär’s mit Mozart? Wunderbar. Man muss Frank Peter Zimmermann erst gar nicht fragen, warum er die Konzerte gerade noch einmal aufnimmt. So viel dynamischer, agiler, vitaler, jünger, so viel besser klingen sie jetzt. Das liegt natürlich nicht einfach an der besseren Stradivari. Zimmermann hat dazu gelernt. Wer die ganz frühen Aufnahmen kennt, die Capricen von Paganini oder die Solosonaten von Ysaÿe, der weiß, dass rein technisch im Grunde schon vor 30 Jahren der Höhepunkt erreicht war. Zimmermanns Paganini und Ysaÿe sind noch heute der Maßstab, an dem sich alle anderen messen müssen. Und doch hat sich so viel noch bewegt seitdem. „Ich bin mit Mozart aufgewachsen, wie ihn David Oistrach gespielt hat.“ So in etwa klingt denn auch die Gesamteinspielung von 1984-87: gut gegeigt, aber aus heutiger Sicht altmodisch und hüftsteif. „Ich hab später natürlich auch Harnoncourt gehört, die historische Aufführungspraxis kennen gelernt. Aber der eigentliche Knackpunkt war mein Trio.“ 2007 hat er es gegründet, mit Antoine Tamestit und Christian Poltéra, das Trio Zimmermann, als Wiederauflage der Hausmusik aus Duisburger Kindertagen, als der Vater Cello spielte, ein Kollege von den Duisburger Sinfonikern die Bratsche und der junge Frank Peter auf diesem Wege Beethovens op. 9 kennen lernte und die Divertimenti von Mozart. „Im Trio sollte man erst einmal ganz einfach die Fingersätze auswählen und sich die Phrasierung angucken. Bei Mozart kann man im Grunde alle Striche nehmen, die er in sein Manuskript eingezeichnet hat. Dann ist agogisch schon alles richtig. Ich achte heute viel genauer auf solche Sachen als früher. Und das hat dann auch die Konzerte verändert – die sind eigentlich ja Kammermusik.“

Bald Bach

Es ist am Ende mehr als bloß eine Frage von Lesart und Urtext: Zimmermann ist mit Anfang 50 hörbar freier und lockerer als mit Anfang 20. Und man hat den Eindruck, dass in dieser Hinsicht sogar noch Platz nach oben ist, dass sich noch mehr bewegen könnte in den nächsten Jahren, wenn endlich das Vorhaben umgesetzt werden soll, das Zimmermann schon seit einer Ewigkeit vor sich herschiebt: die Solosonaten von Bach. „Ich hatte vor Bach immer Berührungsängste. Das lag vielleicht auch an meinen Lehrern. Die hatten mir nie einen Zugang zu Bach eröffnet, wohl auch, weil sie diese Stücke selbst immer noch in einer Art 50er-Jahre-Stil interpretiert haben.“ Die Aufnahme der Violine-Cembalo-Sonaten mit Enrico Pace von 2009 war ein erster Schritt. Zimmermann hat den Weg seitdem fortgesetzt. „Ich habe mein Spiel weiter ausgedünnt und versuche immer mehr, meinen eigenen Stil mit der sogenannten authentischen Aufführungspraxis zu verbinden.“ Eigentlich bräuchte er sein ganzes Leben dafür, sagt Zimmermann, doch „bis zu einer gewissen Zeit muss man den Bach endlich gemacht haben. Sonst ist der Zug abgefahren.“

Demut statt Dekolleté

Frank Peter Zimmermann ist das glatte Gegenteil von einem Draufgänger, war er immer schon. Deswegen ist er auch nie der Star geworden, der die fast gleichaltrige Anne-Sophie Mutter geworden ist. Das liegt nicht nur am Marketing, an Karajan und am Dekolleté. Manchmal fehlt ihm einfach der Killerinstinkt, den es braucht, um zumindest die großen, sinfonischen Konzerte als Solist fest zu verklammern, ein Problem, mit dem – auf andere Weise – ja auch der dritte im Generationenbunde, Christian Tetzlaff, zu kämpfen hat. Andererseits gibt’s da halt diesen Paganini, den Ysaÿe und so vieles andere, weswegen man sich, vor die Wahl gestellt, doch gerne für Zimmermann entscheiden möchte, und jetzt auch den Mozart. Und vielleicht bald auch Bach?
Beethoven wird’s auf alle Fälle noch einmal geben. Auch dessen Konzert hat er sehr jung schon eingespielt, mit 22. Und ein zweiter Brahms kommt auch. Die beiden Konzerte von Schostakowitsch sind fest geplant, das erste mit dem NDR-Sinfonieorchester bereits aufgenommen, die beiden von Bartók stehen im Terminkalender. Nicht findet man darin nach wie vor: „unterrichten“ und „Quartett spielen“. Da ist er wieder, der alte Zauderer. Redet von Verantwortung und Hingabe und davon, dass man das nur ganz oder gar nicht machen könne. Ja, auch das Quartett spielen. „Die besten Ensembles betreiben über Jahre hinweg regelrecht Inzucht, um richtig zusammen zu kommen. Da kann ich nicht einfach mal an einem Wochenende mit Kollegen drauf los spielen. Das wäre nicht fair.“
Dann lieber weiter feilen am eigenen Spiel und dem perfekten Ton. So viele tolle junge Geiger es heute auch gäbe, die wenigsten, so klagt Zimmermann, haben einen charakteristischen Klang. „Hören Sie mal die gleichen Takte erst von Heifetz, dann von Francescati, dann von Milstein und Oistrach. Die klingen alle anders.“ Heute wirke so vieles geglättet und stereotyp. „Das ist schade. Gerade die Geige erlaubt es, eine eigene Stimme zu finden.“

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

Violinkonzerte Nr. 1, 3 und 4, Rondo KV 373, Adagio KV 261,

Frank Peter Zimmermann, Kammerorchester des Symphonieorchesters, Radoslaw Szulc des Bayerischen Rundfunks, Szulc,

hänssler CLASSIC/Naxos


Vier Strads zum Glück

Die Geschichte beginnt mit einem Kredit über 220.000 Mark. Damit finanziert der 16-jährige Frank Peter Zimmermann eine Geige von Pietro Guarneri. 1988 kauft die damalige WestLB für ihn die erste Stradivari, die 1684 gefertigte „ex-Croall“. Doch erst die „Maria Teresia“ bringt ihn auf den Geschmack: Sechs Wochen lässt ihn Nathan Milstein darauf spielen – dann muss sie Zimmermann wieder zurück geben. Die ab 1992 zur Verfügung gestellte „The Hilton“ kann ihn über den Entzug ebenso wenig hinweg trösten wie später die „Dragonetti“. Dafür braucht es 2002 den Kauf einer vierten Strad, der „Lady Inchiquin“ aus dem früheren Besitz Fritz Kreislers. Im Streit um die Verkäufe von Kulturgütern aus dem Besitz der WestLB durch Rechtsnachfolger „Portigon“ ist auch die „Lady Inchiquin“ in die Schlagzeilen geraten. Zimmermann musste sie schweren Herzens zurückgeben, nachdem seine Kaufofferte den Eigentümer als zu niedrig angesetzt erschien. Kultusministerin Ute Schäfer lässt derzeit die Einstufung etlicher Schätze der WestLB, darunter drei Stradivari-Streicher, als „national wertvolles Kulturgut“ prüfen, so lange gilt bereits Ausfuhrsperre. Ein Verkauf der Instrumente in’s Ausland ist demnach bereits abgewendet.


Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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