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(c) Roger Mastroianni/DG

Pierre Boulez

Der Maître der Moderne

Vor genau 90 Jahren wurde der Komponist, Dirigent und Kulturpolitiker Pierre Boulez geboren. Ein Grund, Bewunderer und Kollegen dieses Jahrhundertmusikers zu bitten, ihn hochleben zu lassen.

Wolfgang Rihm

„Das Phänomen Boulez macht seine Präsenz in der Dreiheit Komponist- Dirigent-Schriftsteller aus. Darüber hinaus seine Fähigkeit, Institutionen zu schaffen und durch lange Zeit zu motivieren. Was hingegen die Frage nach dem Boulez- Werk betrifft: Wirkliche Kunstwerke sind naturgemäß unerschöpflich und zeigen immer wieder neue Aspekte. Ebenso können sie sich unvermittelt verschließen. So geht es mir mit allen Boulez-Werken. Wobei zu dem ‚Phänomen‘ Boulez gehört, dass es eigentlich ein einziges labyrinthisches Werk-Ganzes gibt, dem er selbst immer wieder neue Aspekte und Verschlossenheiten abgewonnen hat. Und was möchte ich ihm wünschen? Den ungeschmälerten Genuss der Würde seines Alters. Das Menschen-Mögliche also.“

(Wolfgang Rihm, Komponist)

Carolin Widmann

„Was mein Lieblingsstück von Boulez angeht, bin ich als Geigerin natürlich sehr subjektiv. Aber ‚Anthèmes 2‘ ist eines meiner Lieblingsstücke der Moderne. Es ist wirklich wunderschöne Musik, mit ständig wechselnden Charakteren und der Elektronik als gleichwertigem Kammermusikpartner mit der Violine.“

(Für die Violinistin Carolin Widmann haben u. a. Wolfgang Rihm und ihr Bruder Jörg Widmann komponiert)

Irvine Arditti

„Boulez ist einmalig, als Dirigent und als Komponist. Ich erinnere mich an eine Probe mit ihm in London. Der zweite Satz seines „Livre pour quatuor“ war wegen des Tempos und musikalischen Atems schwierig zu spielen, weil er nicht zum Metrum zu passen schien. Ich bat Boulez, ob er nicht dazu dirigieren könne, damit ich mich auf mein Spiel konzentrieren kann. Er antwortete zwar, dass er darauf eigentlich nicht vorbereitet sei. Aber zwei Minuten später spielten wir – mit Maestro Boulez, der uns perfekt durch alles navigierte.“

(Irvine Arditti, Gründer des englischen Arditti Quartet)

York Höller

„In seinem Roman über den französischen König Henri IV. bezeichnet Heinrich Mann diesen als einen ‚Mächtigen des Guten‘. Das könnte man auch über Pierre Boulez sagen. Die bedeutende Wirkungsmacht von Pierre Boulez ist evident und unstrittig. Sie scheint sich mir nicht nur aus der Vielfalt seiner stets mit höchster Kompetenz ausgeübten Tätigkeit als Komponist, Dirigent, Organisator und Kunstdenker zu ergeben, sondern auch aus der – recht kontinuierlich medial vermittelten – Unverwechselbarkeit seiner Persönlichkeit, die in ihrer spezifischen Ausstrahlung letztlich unerklärlich bleibt. Diese Wirkungsmacht hat Pierre Boulez aber nie ausschließlich für sich selbst genutzt. Während meiner Jahrzehnte langen persönlichen und künstlerischen Bekanntschaft habe ich – aber natürlich nicht nur ich – beobachten können, wie sehr er sich immer wieder für von ihm geschätzte Komponistenkollegen und Interpreten eingesetzt hat und einsetzt. Ohne seine Förderung wären einige meiner bekannteren Werke nicht nur nicht entstanden, sondern auch nicht so kompetent (mehrfach durch ihn selbst) zur Aufführung gebracht worden.“

(Der Komponist York Höller arbeitete u. a. an dem von Boulez gegründeten Pariser IRCAM-Institut)

Philippe Manoury

„Boulez ist, wie Debussy, eine komplexe Mischung aus Freiheit und Unbedingtheit.“

(Die Werke des Franzosen Philippe Manoury wurden von Boulez u. a. in der New Yorker Carnegie Hall dirigiert)

Pablo Heras-Casado

„Es war für mich eine unschätzbare Erfahrung, 2007 Pierre Boulez im Rahmen der Lucerne Academy kennenzulernen. Er überschüttete mich geradezu mit seinem Vertrauen. Boulez ist sehr ernsthaft und geht keine Kompromisse ein. Zugleich geht er mit einem stets sehr respektvoll um. Seitdem ist Boulez für mich ein wichtiger Referenzpunkt in meinem musikalischen Leben. Und was seine Kompositionen angeht: Seine ‚Notations‘ für Orchester gehören zusammen mit Strawinskis ‚Le sacre‘, Varèses ‚Amériques‘und Stockhausens ‚Gruppen‘ zu den zentralen Werken des 20. Jahrhunderts.“

(Pablo Heras-Casado gewann 2007 den Dirigentenwettbewerb des Luzern-Festivals)

Jörg Widmann

„Ich kann mich natürlich noch lebhaft an meine erste Begegnung mit ihm bzw. seiner Musik erinnern, da sie wirklich mein Leben verändert hat. Noch als Schüler bin ich nach Straßburg zum Musica- Festival gefahren, wo Boulez sein Ensemble intercontemporain dirigierte. Und tatsächlich hatte ich nie zuvor solch einen Rausch an Klangfarben gehört, ja erlebt. Aufgeführt wurde auch sein Klarinettenstück ‚Dialogue de l’ombre double‘, das ich später selber sehr viel gespielt und mit Boulez erarbeitet habe, und vor allem sein Werk ‚Répons‘. Ein Raumstück, in dem Marimbafone und Vibrafone im Raum herumzuschwirren schienen und mit der Elektronik auf wunderbare Weise verbunden waren. Damals hing übrigens gleichberechtigt über meinem Bett ein Poster von Miles Davis und von Boulez! Und die Faszination an seiner Musik hat nie nachgelassen. Man nehme allein das Werk ‚Rituel‘. Wenn man einmal in seiner Gong-Welt gefangen ist, wird man alle Vorurteile von Dogmatismus vergessen. Es ist ein Klangstück par excellence. Und hätte Boulez nur dieses eine Stück geschrieben, er hätte damit bereits seinen Platz auf dem Musikolymp sicher.“

(Vom Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann hob Boulez 2007 mit den Wiener Philharmonikern das Orchesterwerk „Armonica“ aus der Taufe)

Louwrens Langevoort

Was macht für Sie das Phänomen „Boulez“ aus? „Die Kombination aus einem Komponisten, einem Dirigenten und einem Kulturpolitiker, der ganz andere Denk- und Sichtweisen über Musik, gerade der zeitgenössischen, etabliert hat. Und das sowohl bei seiner Generation als auch bei den nachkommenden. Seine pointierten Aussagen von oftmals politischer Relevanz treffen ins Schwarze und dürfen sich so der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein.“
Welches Boulez-Werk packt Sie weiterhin?: „‚Pli selon pli‘, ‚Dérive 2‘, ‚Sur incises‘ – um mal drei Werke zu nennen – sind Kompositionen, die mich jedes Mal aufs Neue faszinieren. Boulez fordert irres technisches Können und Perfektion von seinen Musikern und gibt ihnen dafür spannungsvolle Partituren, die eine enorme Sensualität haben, wenn man sie richtig interpretiert.“
Was wünschen Sie Pierre Boulez? „Mit 90 Jahren hat ein Mensch schon ein langes Leben hinter sich. Ich wünsche ihm und uns, dass seine Werke noch ein langes Leben vor sich haben und unverzichtbar im Repertoire vieler Konzerthäuser werden.“

(Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie)

Herr der 1000 Klangfarben

Schon im Vorfeld des Neunzigsten von Boulez wurde sein diskografischer Output von zwei schwergewichtigen Top-Boxen dokumentiert. „The Complete Columbia Album Collection” spiegelt seine Arbeit mit Spitzenorchestern aus New York, Cleveland und London aus dem Zeitraum 1966–1995 wider. „20th Century” bündelt dagegen Aufnahmen von Werken u. a. Weberns, Debussys, Strawinskis, Bartóks und Birtwistles, die Boulez für die Deutsche Grammophon bis 2010 eingespielt hat. Brandneu hinzugekommen sind nun „The Complete Erato Recordings”, auf denen Boulez auch beeindruckende Plädoyers für Komponistenkollegen wie Kurtág, Grisey, Ferneyhough und Höller hält. Leider hat es die großartige, von Daniel Barenboim dirigierte Erato-Aufnahme u. a. von „Rituel“ nicht in die Box geschafft. Dagegen ist die Dokumentation der von Boulez initiierten Pariser Konzertreihe „Domaine Musical“ endlich auch hier erhältlich. Neben Originalaufnahmen aus den Jahren 1956– 1967, in denen Boulez u. a. Werke von Stockhausen, der Zweiten Wiener Schule und Kagel dirigiert, findet sich auf einer der beiden Bonus-CDs ein Gespräch mit Boulez über „Domaine Musical“ – sowie die überhaupt allererste Aufnahme seines Neue Musik-Klassikers „Le marteau sans maître“. Wer zudem den Dirigenten, Pädagogen und Menschenfreund Pierre Boulez ausführlich live und in Farbe kennenlernen bzw. immer wieder bestaunen will, der hat dazu dank der DVD-Box „Emotion & Analysis“ ausreichend Gelegenheit. Bon Anniversaire!

The Complete Columbia Album Collection (67 CDs)

Sony Classical

The Complete Erato Recordings (14 CDs)

Erato/Warner

Le Domaine Musical (1958 - 1967, 10 CDs)

Accord/Universal

Analysis (10 DVDs)

EuroArts/Naxos

20th Century (44 CDs)

Universal


Ein Leben für die Musik

Geboren wurde Pierre Boulez am 26. März 1925 in Montbrison (Loire). Nach seinen Studien bei Olivier Messiaen und René Leibowitz wurde er zusammen mit Stockhausen und Nono zu den Wortführern der Nachkriegsavantgarde. In den 1960er Jahren begann er zudem seine Dirigententätigkeit. So wurde er 1970 Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker und hat seitdem alle großen Spitzenorchester geleitet. Außerdem brachte er 1976 in Bayreuth mit Patrice Chéreau den „Jahrhundert-Ring“ heraus. Zu seinen kulturpolitischen Meriten zählen die Gründung des Pariser Musikinstituts IRCAM, des Ensemble intercontemporain sowie der Lucerne Festival Academy. 2015 wurde Boulez zum Ehrenbürger von Baden-Baden ernannt, wo er seit 50 Jahren lebt, und mit einem „Grammy“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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