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Neue Gesichter

8. Internationaler Joseph Joachim Violinwettbewerb Hannover: Bewerbungsrekord beim violinistischen Hürdenlauf

Der Bewerber-Ansturm für den »Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb « war noch nie so groß wie in diesem Jahr. Knapp 200 junge Geiger und Geigerinnen aus aller Welt hatten sich beworben und damit rund 40 Prozent mehr als noch im Jahr 2009. Nach der Vorauswahl durch eine strenge Jury im Juni steht nun fest: 39 Talente aus 21 Ländern haben die große Chance, einen riesengroßen Karriere-Schritt zu machen. Mit dem Gewinn des seit 1991 alle drei Jahre in Hannover stattfindenden Wettbewerbs (29. 9.–13.10.). Doch bevor unter den Gewinnern der Preise die stolze Gesamtsumme von 140.000 Euro ausgeschüttet wird, haben die Juroren für diese weltweit höchstdotierten Ausscheidungskämpfe für Geiger entsprechende Hürden aufgestellt. Und gleich in der 1. Vorrunde muss man geistig und körperlich in absoluter Top-Form sein. Immerhin stammen die ersten Pflichtstücke aus den Solo-Manifesten von Bach und Ysaÿe. Und auch eine Romanze des legendären Namenspatrons und einstigen Hannoveraner Konzertmeisters Joseph Joachim sollte man nicht unterschätzen.
Bis zum Gala-Preisträgerkonzert, das wohl jeder der Anwärter gerne bestreiten würde mit der NDR Philharmonie unter Leitung des finnischen Dirigenten Hannu Lintu, bleibt der Weg für die Newcomer natürlich steinig. Mit einem Auftragswerk des Münchner Komponisten Peter Francesco Marino sowie im Semi-Finale, bei dem man erstmals selbstständig mit dem Münchner Kammerorchester ein Mozart-Konzert erarbeiten muss. Ob auch da die Nerven halten, lässt sich überprüfen. Denn sämtliche Wettbewerbsdurchgänge in der Musikhochschule und im NDR-Sendesaal sind öffentlich und werden zudem als Live- Stream im Internet übertragen (was gerade für internationale Talentscouts ein Segen ist). Wie es im Idealfall gehen sollte, zeigen außer Konkurrenz zwei Könner ihres Fachs. Beim Eröffnungskonzert ist mit Fumiaki Miura der Wettbewerbsgewinner 2009 zu hören. Und am 5. Oktober sorgt Viktoria Mullova zusammen mit der NDR Radiophilharmonie für höchstes Geigenglück ohne Wenn und Aber. Guido Fischer

16. Santander Klavierwettbewerb: Mehltau des Mittelmaßes

An Spaniens grüner Nordküste, im kantabrischen Santander, wartet alle vier Jahre eine der härtesten Prüfungen auf wettbewerbsgestählte Jungpianisten: Einem Solorecital folgte die Kammermusikrunde mit dem wunderbaren Cuarteto Casals und eine weitere mit einem Mozartschen Klavierkonzert. Am Ende dann ein Konzert freier Wahl. Ambitionierter geht es kaum. Dem Sieger winken 30.000 Euro und schier unfassliche 100 in Jahresfrist zu absolvierende Konzerte. Wer wissen möchte, warum man in Santander so anspruchsvoll denkt und organisiert, blicke auf die Patronin des Wettbewerbes, Paloma O’Shea, selbst studierte Pianistin. Sie mag in Deutschland ebenso wenig bekannt sein wie ihr Gatte Emilio Botín – doch dass letzterer Präsident der Santander group ist, laut Forbes sechstgrößtes Unternehmen der Welt (!), lässt die unbeschreibliche finanzielle und gesellschaftliche Macht ahnen, die hinter dieser prestigeträchtigen Veranstaltung steht. Aber auch diese Macht stieß an Grenzen. Mit keinem Geld der Welt erschafft man künstlerische Individualität. Unter den letzten sechs Pianisten waren anderthalb vage Versprechen an die Zukunft. Der gediegenste Spieler, Daniele Rinaldo, überlebte das Halbfinale nicht, die immerhin noch etwas Persönlichkeit ausstrahlende Georgierin Tamar Beraia landete nur auf dem dritten Platz, den sie sich auch noch mit einem hölzernen Ungarn auf Diplomandenniveau teilen musste – bei zwei Ungarn in der Jury keine Überraschung. Auf dem zweiten Rang die feinsinnige Koreanerin Ah Ruem Ahn, so kontrolliert wie temperamentlos. Dass der erste Platz zu recht vakant blieb, dürfte diese Fehlentscheidungen kaum kompensiert haben. Elisabeth Leonskaja, neben Gary Graffman prominenteste Jurorin, berichtete einer russischen Kollegin gegenüber auch deutlich von der Zerstrittenheit der Jury. Aber bei dem mediokren Halbfinale-Setting wären die Ärmsten wohl sonst sanft eingedämmert. Nein, es lief nicht glücklich für die Veranstalter, der Mehltau des Mittelmaßes legte sich über das musikalische Event des spanischen Sommers, und man wird bei aller hingebungsvollen Organisation und mäzenatischer Gediegenheit das Gefühl kaum los, dass solche Mega-Wettbewerbe doch immer nur nervenstarke Langweiler auswerfen, während die Individualisten, die Nervösen und die Suchenden dem Wettbewerbszirkus mehr und mehr fernbleiben. Matthias Kornemann

RONDO Ausgabe 4 / 2012



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