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Französische Tenöre

Zeit für Helden

Die Sparte schien schon fast ausgestorben – doch nun werfen Bryan Hymel und Piotr Beczała gleichzeitig neue, tolle Arien-CDs in den Klassikring.

Nehmen wir zum Beispiel Gioachino Rossinis „Wilhelm Tell“ als Indikator. Vor einigen Jahren war diese erste aller Grand Opéras im Repertoire nicht vorhanden. Vor allem, weil die Tenorrolle des Arnold nicht besetzt werden konnte. Ständig hängt der in der tenoralen Stratosphäre zwischen dem a und dem hohen c, das vom Sänger über die ganze Oper hinweg 19 Mal erwischt werden muss. Auf CD ist selbst Luciano Pavarotti nur ein Kompromiss, einzig Nicolai Gedda schien dieser Partie gewachsen.
Und heute? „Guillaume Tell“ ist kürzlich in Turin, Amsterdam, Pesaro, München, Bad Wildbad, Graz, Monte-Carlo und Cardiff mehr als nur anständig gespielt worden. Warschau, London und New York werden folgen. Denn allein mit Juan Diego Flórez, John Osborne, Michael Spyres und Bryan Hymel steht ein noch nie dagewesenes Kleeblatt von vier Spitzentenören für diese Wahnsinnspartie bereit.
Und nicht nur das. Flórez hat jüngst mit „L’amour“ bei der Decca eine hinreißende Sammlung französischer Tenorarien vorgelegt, und jetzt ziehen gleichzeitig sein polnischer Kollege Piotr Beczała sowie eben der Amerikaner Bryan Hymel mit zwei Soloalben nach.
Bryan Hymel, dessen Karriere eben durch die Sängerdecke geht, studierte in Philadelphia und begann seine Karriere im Alter von 19 Jahren als Preisträger der Verdi Aria Competition 1998 in Aspen. In Folge sang er fleißig Puccini an kleineren Häusern. Doch bald schon folgten Engagements in Mailand, Glyndebourne, New York, München und Amsterdam. Der 35-Jährige, der vor allem in London bekannt wurde als Einspringer für Flórez (die Titelrolle in Meyerbeers „Robert le diable“) und Kaufmann (Énée in „Les troyens“ von Berlioz) und damit auch gleich zweimal zu DVD-Ehren kam (gerade erscheint zudem Verdis „Les vêpres siciliennes“), startet selbstbewusst seine erste Solo-CDs „Héroïque“ mit dem Arnold. Der Name ist wirklich und zu Recht Programm. Denn Hymel ist tatsächlich die seltene, prächtig entwickelte Spezies eines französischen Heldentenors.

Nicht bloß gefällige Häppchen

Er singt Arnolds große, fast 13 Minuten dauernde Soloszene „Asile héréditaire“ nicht nur mit 10 Sekunden langem Final-c, sondern mit Kraft, Geschmeidigkeit, furchtloser Höhenattacke und ziemlich einzigartiger Schwere. Hier klingt ein richtiger Stimmkerl, kein Tenorino, sondern einer, der seine Waffen stolz vorzeigen kann. Die Stimme ist aber dennoch flexibel genug, weiß genau Kopf- und Brustresonanzen zu mischen. Hymel kann laut werden, aber immer mit angenehmem Bauchkribbeln.
Sein Forte hat bisweilen einen metallischen, minimal grellen Beigeschmack, doch trägt diese Farbe wiederum zur Unverwechselbarkeit seines eher dunklen, aber schön fokussiert strahlenden Timbres bei. Sein Französisch ist nicht makellos, doch im Toleranzbereich. Zudem hat ihm Warner für diese erste, mit elf, teilweise sehr langen Arien gefüllte Silberscheibe die allerbeste Behandlung spendiert. Mit der Prager Philharmonie und dem Chor der Brünner Philharmonie hat er ein sehr gutes orchestrales und Vokalkollektiv-Fundament zur Verfügung. Am Pult agiert kenntnisreich Emmanuel Villaume.
Denn gerade im französischen Repertoire ist es wichtig, dass die Psychologie der Opernhelden in ausführlicheren Ausschnitten erfahrbar wird, man sich nicht nur auf Wunschkonzert- Melodien beschränkt. Hymel betätigt sich als Raritätensammler und deckt mehr als hundert kreative Jahre französischer Oper ab. Neben Rossini sind Berlioz („La damnation de Faust“, „Les troyens“), Verdi („Jérusalem“ und „Vêpres“), Gounod (mit dem hinreißend heldischen „Inspirez-moi, race divine!“ aus „La Reine de Saba“), Meyerbeer („L’Africaine“), Massenet („Hérodiade“) vertreten, aber auch halb vergessene Namen wie Ernest Reyer mit seinem post-wagnerischen „Sigurd“, Alfred Bruneau mit „L’attaque du moulin“ und Henri Rabaud mit einem Ausschnitt aus dem 1934 uraufgeführten „Rolande et le mauvais garçon“.

Lyriker contra Heldentenor

Während Hymel auf seiner CD sein Unverwechselbarstes, Bestes und auch Einzigartigstes präsentiert, legt der schon weit erfahrenere, im Betrieb abgeklärtere Kollege Beczała mit seiner jüngste CD einfach nur einen bestimmten Ausschnitt seiner Repertoirepalette vor.
Der 1966 geborene Beczała startete seine Weltkarriere von Kattowitz mit festen Engagements in Linz (1992–1997) und Zürich (ab 1997) und seinen ersten internationalen Auftritten als Tamino bei den Salzburger Festspielen (1997). Heute gehört er zu den führenden Vertretern des lyrischen Tenorfachs, gefragt an allen bedeutenden Opernorten. Gleichwohl hat er eben seinen ersten Lohengrin unter Christian Thielemann für 2016 in Dresden angekündigt.
Auf dem Medienmarkt ist Beczała mit vielen Opern-DVDs bestens vertreten, zwei Soloalben für Orfeo mit slawischem sowie italienisch- französischem Standardrepertoire fanden großen Beifall. Als Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon begann er als Quereinsteiger mit einer hübsch operettigen, freilich ein wenig verhaltenen Richard- Tauber-Hommage. Und jetzt folgt Französisches – in möglichst breiter Fächerung. „The French Collection“ wird auch sehr luxuriös wie idiomatisch gekonnt instrumental begleitet vom Orchestre de l´Opéra national de Lyon unter Alain Altinoglou. Da gibt es Bekanntes von Massenet („Werther“, „Le cid“, „Manon“), Berlioz („La damnation de Faust“), Gounod („Roméo et Juliette“, „Faust“), Bizet und Rares wie Verdis französischen Don Carlos, Aubers „La dame blanche“, Berlioz’ „Béatrice et Bénédict“ oder Donizettis „Dom Sébastien, roi de Portugal“.
Dass Beczałas CD keinerlei Repertoire- Überschneidungen mit der von Hymel hat (wenn sie auch beide „Damnation de Faust“-Ausschnitte singen), zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Stimmen gelagert sind. Beczała ist ein Lyriker, der inzwischen im Zwischenfach angekommen, ist mit Auber und Roméo seine jugendliche Höhenleuchtkraft beweisen will; manchmal aber wirkt die inzwischen ein wenig erkämpft. Doch ist er ein feiner Stilist, der das souverän mit feinen Pianolinien überspielt. Nicht nur im schmelzenden „Manon“-Duett mit Diana Damrau macht er gezielt die Gefühlsschleusen auf und hat sich doch stets geschmacklich im Griff.
Eine gute Zeit für die französische Oper also. Hoffentlich reagieren Markt und Betrieb entsprechend darauf.

Neu erschienen:

The French Collection

Piotr Beczała, Diana Damrau, Orchestre de l'Opera de Lyon, Alain Altinoglu

DG/Universal

Neu erschienen:

Héroïque

Bryan Hymel, Prager Philharmonie, Emmanuel Villaume

Warner


Frankreichs hohe Männer

Die Franzosen sind auch vokal immer einen Sonderweg gegangen. Kastraten beispielsweise mochten sie gar nicht, so entwickelte sich in der Barockzeit am Hofe Ludwigs XIV. der Haute-Contre-Tenor, der mit sehr viel Kopfstimme sang. Als die Oper dramatischer wurde und der italienische Einfluss nicht mehr zu stoppen war, triumphierte etwa der durch die französische Rossini-Schule gegangene erste „Tell“-Arnold Adolphe Nourrit. Er wurde verdrängt durch Gilbert Duprez, der als erster das hohe c mit Bruststimme sang. Auf ihn, wie auf den polnischen Metropolitan- Opera-Liebling, Jean de Reszke, den baritonal grundierten George Thill und schließlich Nicolai Gedda beruft sich Bryn Hymel. Jean de Reszke ist natürlich auch für den Polen Piotr Beczała ein Vorbild, desgleichen Jussi Björling und wiederum Nicolai Gedda als moderne Stilbeispiele.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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