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Das Tafelklavier

Gehasst, verdammt, vergöttert

Im Jahre 1904 fasste die nationale Klavierhändlervereinigung der USA einen finsteren Plan: Sie rief ihre Mitglieder dazu auf, bei der nächsten Jahresversammlung einen riesigen Scheiterhaufen von alten Klavieren zu entzünden. Auf dem Scheiterhaufen sollte dabei nur ein ganz bestimmter Typ von Klavier landen: das Tafelklavier. Carsten Niemann besuchte für RONDO das diesjährige Jahrestreffen der »Friends of Square Pianos« in Kent und stellte fest: Totgesagte leben länger.

Ursprünglich handelte es sich bei Tafelklavieren um recht handliche kleine rechteckige Konstruktionen, bei denen die Saiten nicht senkrecht, sondern waagerecht angebracht waren. Ihre Popularität als das typische häusliche Tasteninstrument entwickelten sie in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts in London – nicht zuletzt dank einer Reihe von eingewanderten Schweizer und deutschen Klavierbauern. Ihre Popularität als Masseninstrumente verdanken sie jedoch dem vor genau 200 Jahren verstorbenen Schotten John Broadwood: Er verhalf ihnen durch Verbesserungen an der Mechanik und vor allem durch eine fabrikmäßige Organisation in der Herstellung zum entscheidenden Durchbruch. Nicht nur höhere Töchter musizierten seitdem auf Tafelklavieren, sondern auch die meisten professionellen Komponisten wie Johann Christian Bach, Gluck, Haydn, Schumann, Mendelssohn – ja selbst noch der junge Wagner, Liszt und Edward Elgar besaßen Tafelklaviere und komponierten auf ihnen.
Dem Trend zu immer größerem Volumen und Tonumfang im späten 19. Jahrhundert konnten die Tafelklaviere nicht mehr standhalten: Ihre Dimensionen wuchsen an, sie wurden immer schwerer beweglich und für den Klavierstimmer mit immer größeren Verrenkungen des Rückens zu stimmen. So konnten sie zuletzt weder gegen die Flügel noch gegen das in den 1820er Jahren erfundene aufrechte Klavier ankommen. Allein in den USA widersetzten sich die Kunden lange dem Trend – bis die rückengeschädigten Klavierhändler dem Tafelklavier ein schauerliches Fanal setzten.
Inzwischen scheint jedoch eine späte Renaissance des Instruments eingesetzt zu haben. Der Brite David Hackett, der einst Schüler des Alte-Musik-Pioniers Arnold Dolmetsch war und sich heute sowohl der Rettung verwahrloster Katzen wie gefährdeter Tafelklaviere widmet, hat sogar eine Gesellschaft der Freunde der Tafelklaviere, ins Leben gerufen: Die »Friends of Square Pianos «. Höhepunkte sind die Treffen in dem Musikinstrumentenmuseum von Finchcocks in der Grafschaft Kent, einer einmaligen Sammlung von spielfertig gehaltenen historischen Tasteninstrumenten.
Zu der kleinen aber vielfältige Szene aus Sammlern, Materialforschern, Musikern, semi- und vollprofessionellen Restauratoren zählen inzwischen auch die Gewinner des weltweit ersten Tafelklavier-Wettbewerbs. Dieser geht vom 5. bis 7. Oktober 2012 im Geelvinck Hinlopen Huis in Amsterdam in seine zweite Runde. Ziel ist es, den delikaten Zauber jener Instrumente wiedererlebbar zu machen, auf denen die Klavierwerke Haydns, Mozarts, Mendelssohns und ihrer Zeitgenossen vorwiegend erklangen. Auf dass keines jener vernachlässigten Tafelklaviere, die noch in öffentlichen wie privaten Sammlungen schlummern, den Weg zum Schafott antreten muss.

Diverse

Flauto brillante

Magdalena Pilch, Marek Pilch (Tafelklavier, Stockholm 1840), Bartosz Kokosza

RecArt/Heinzelmann

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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