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Im Internet des Altertums

Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma legt einen neuen Forschungsklangbericht seines Seidenstraßen- Projekts vor – ein klingender Gedankenaustausch, der den amerikanischen Cellisten mit ganz unterschiedlichen Musikern entlang der alten Handelsstraße zusammenführte.

Als Claude Debussy und Maurice Ravel 1889 auf der Pariser Weltausstellung herumschlenderten, war es plötzlich um sie geschehen. In der erstmaligen Begegnung mit den exotischen Tänzern aus Bali und der Gamelan- Musik begriffen sie, dass der eurozentristische Blick auf die abendländische Hochkultur sie lange genug eingeengt hatte. Zwar warfen Debussy und Ravel die Celli, Klaviere und Blasinstrumente deshalb nicht gleich in die Ecke. Aber die von weiter Ferne hineingewehten Klang- und Formsprachen hoben ihr musikalisches Weltbild schon nachhaltig aus den Angeln. Heute sind solche erdbebengleichen Erlebnisse eher eine Seltenheit. Seit der Geburt der Schallaufzeichnung und dem Ausbau des Fernverkehrsnetzes ist die Begegnung mit fremden Kulturen längst zur Selbstverständlichkeit geworden, lassen solche Etiketten wie „Crossover“ die Koordinaten und Himmelsrichtungen immer mehr zusammenrücken.
Eine solche populäre Multikulti-Gleichmacherei hatte der amerikanische Meistercellist Yo-Yo Ma aber nicht im Hinterkopf, als er 1998 mit seiner Hommage an die sagenumwobene Seidenstraße eine der außergewöhnlichsten Expeditionen anschob: „Mit dem ‚Silk Road Project‘ will ich die Tiefe, die Substanz der verschiedenen Klänge entdecken. Ich möchte ihre Mechanismen, Techniken und Traditionen verstehen.“ Um sich ganz auf die Spuren dieser legendären Route zu begeben, müsste er insgesamt 10.000 Kilometer abfahren. Genau die Strecke vom östlichen Mittelmeer der Türkei bis ans andere Ende Chinas also, die vom ersten Jahrtausend v. Chr. bis ins 14. Jahrhundert vitales Drehkreuz für Handelswaren, philosophischreligiöse Geistesblitze und künstlerische Strömungen war. In diesem „Internet des Altertums“, wie Yo-Yo Ma die Seidenstraße bezeichnet, war alles in Bewegung. „Sie ist als kulturübergreifende Verbindungslinie für mich faszinierendes Symbol für die Vielseitigkeit von Kommunikation, die sich auch in der Musik festmacht.“
Seit sieben Jahren bereist Yo-Yo Ma nun die Seidenstraße mit einem Kompetenzteam aus Musikern und Klangethnografen – um „ungewöhnliche Ideen, Talente und Energien in die Welt der Klassik zu bringen“. Und so ist denn Yo-Yo Ma auch mit der gerade beendeten zweiten Tour „Beyond The Horizon“, die ihn und sein „Silk Road“-Ensemble in die Mongolei und in den Iran, nach Aserbaidschan, Armenien und natürlich nach China führt ein ohrenöffnender Gedankenaustausch gelungen. Mit reichlich authentischer Würze, wenn beispielsweise Ma sein samtenes Cellospiel mit den kontemplativ-schwebenden Vokal- Künsten des Chinesen Wu Tong verknüpft. Oder wenn der persische Virtuose Kayhan Kalhor seine Stachelfiedel in Stellung bringt, dann beginnt ein rasanter Wettlauf von tausendundeinem galoppierenden Pferd durch den wilden Orient. Die einzelnen folkloristischen Dialekte verkümmern so nicht im populistischen „Worldmusic“- Kauderwelsch, sondern zeigen sich so weltoffen wie bodenständig verwurzelt. Und einmal mehr unterstreicht Yo-Yo Ma mit seiner Leidenschaft für musikalische Reisen seinen Spitznamen, den er sich seit spätestens 1998 mehr als verdient hat: Marco Polo auf vier Saiten.

Neu erschienen:

Silk Road Journeys – Beyond The Horizon

Sony

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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