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Fülle des Wohllauts

Daniel Hope

Daniel Hope ist nicht nur einer der besten Geiger seiner Generation, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler alter und neuer Aufnahmen. Jörg Königsdorf besuchte ihn in seiner Amsterdamer Wohnung und warf mit ihm einen Blick in seinen CD-Schrank.

RONDO: Mister Hope, können Sie sich noch an Ihre erste CD erinnern?

Daniel Hope: Ja natürlich, und ich habe sie sogar noch. Das war eine Live-Aufnahme des Schumann-Klavierquintetts mit Philippe Entremont und dem Alban Berg Quartett. Eine tolle Aufnahme, unglaublich spannungsgeladen: Schon nach dem dritten Satz explodiert das Publikum förmlich. Da vergisst man auch die Live-Huster.

RONDO: Verstellen solche Hörerlebnisse nicht den Zugang zu einem Werk?

Hope: Natürlich ist der Einfluss immens. Bei meiner Lieblings-CD, den Brahms-Klavierquartetten mit Rubinstein und dem jungen Guarneri-Quartett ist das so, auch weil ich das c-Moll-Quartett erst durch diese Aufnahme kennen gelernt habe. Immer wenn ich das Stück höre, denke ich sofort an diese Aufnahme, und sogar an das deutlich hörbare Grummeln des Cellisten. Und der langsame Satz rührt mich noch immer zu Tränen – auch beim 2000. Mal!

RONDO: Schüchtert das nicht ein? Traut man sich dann überhaupt noch, dieses Stück selbst zu spielen?

Hope: Nun, das Brahms-Quartett spiele ich nächstes Jahr auf meinem Kammermusik-Festival in Amerika sogar zusammen mit dem Guarneri- Bratscher Michael Tree – und freue mich jetzt schon darauf. Aber für mich sind die Aufnahmen von Oistrach, Heifetz und Kreisler eher wie eine riesige Schatzkiste. Die öffnen die Ohren, und oft bekomme ich dadurch Anregungen, etwas auszuprobieren. Das Elgar-Violinkonzert zum Beispiel wird fast immer mit breitem, sattem Ton und viel Vibrato gespielt. Als ich es mit Roger Norrington erarbeitet habe, hat der mir Aufnahmen von Joseph Joachim vorgespielt – und der benutzte, genau wie Ysaÿe und Sarasate, auch für das romantische Repertoire einen ganz klaren, schlanken Ton. Und wenn man dann in Elgars Manuskript schaut, sieht man, dass er den Gebrauch des Vibratos auf ganz bestimmte Stellen beschränkt.

RONDO: Können Sie überhaupt beim Hören abschalten? Oder setzt da immer sofort die Informationsverarbeitung im Kopf ein?

Hope: Hundertprozentig abschalten kann ich natürlich nicht – am ehesten bei den Aufnahmen, die am wenigsten mit mir und meiner Art, Musik zu machen, zu tun haben: Bei den irrwitzigen Tempi, die Heifetz manchmal vorlegt, oder bei der Aufnahme, die Menuhin mit 16 vom ersten Paganini-Konzert gemacht hat. Die Kadenz ist wohl das schwerste, was es für Geige überhaupt gibt – und Menuhin hat das damals ja in einem Take durchgespielt. Das ist so verrückt, da muss ich immer lauthals loslachen.

RONDO: Interessieren Sie sich eigentlich auch für Ihre direkten Konkurrenten? Oder ist Ihre Sammlung nur ein historisches Archiv?

Hope: Keine Sorge. Ich habe auch Vadim Repin und Maxim Vengerov im Schrank – und das nicht nur, weil ich mit ihnen studiert habe. Vengerovs allererste CD zum Beispiel, noch bei einem kleinen Label, mit der C-Dur-Fantasie von Schubert. Das ist, glaube ich, eine echte Rarität. Oder Pinchas Zukerman – der wird meiner Ansicht nach oft zu Unrecht abgeschrieben. Dabei hat er den schönsten Geigenton, den ich kenne. Und was Mozart angeht, hat mich zum Beispiel Frank Peter Zimmermann sehr beeindruckt. Das ist eine sehr elegante, moderne Art des Mozart-Spiels, die ich vorbildlich finde.

RONDO: Bei Ihrer ersten eigenen Mozart-Aufnahme haben Sie sich allerdings mit dem Doppelkonzert eine Rarität ausgesucht. Wollten Sie dem Vergleich mit der Konkurrenz ausweichen?

Hope: Nein, das liegt eher daran, dass dieses Projekt von meinem Duo-Partner Sebastian Knauer angestoßen wurde. Am Anfang stand die Idee einer CD mit Mozart-Klavierkonzerten unter Roger Norrington. Aber Sebastian wollte nicht bloß die x-te Klavierkonzert-Aufnahme machen, und so haben wir noch die wunderbare G-Dur-Sonate und das vervollständigte Fragment des Doppelkonzerts aufgenommen – übrigens ein sehr groß dimensioniertes Stück, bei dem das Orchester schon fast Beethoven-Größe hat.

RONDO: Haben Sie als Musiker überhaupt noch Lust, Musik einfach nur zum Spaß zu hören?

Hope: Na klar. Ich habe ja nicht nur Violin-CDs, sondern auch genug Opern und Sinfonien im Schrank. Und meine Frau hat einen ganzen Haufen Pop-CDs. Bei uns zu Hause läuft den ganzen Tag Musik. Nur meine eigenen Aufnahmen nicht. Die verschenke ich lieber.

Neu erschienen:

Mozart

Konzert Violine und Klavier u.a.

Daniel Hope, Camerata Salzburg, Sir Roger Norrington

Warner Classics

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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