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Zwei Jahreszeiten

Gabriela Montero

Ein größeres Talent als die venezolanische Pianistin Gabriela Montero, so Martha Argerich, sei ihr selten begegnet. Die 35-Jährige sorgt mit ihrem Improvisationstalent für Aufsehen. Sie kann aber weit mehr als das. Wie eine Bildhauerin meißelt sie ihre Klanggebilde gleichsam in die Welt hinein.

Meine Güte, was ist das für ein Leben. Gestern noch die Sonne von Caracas, das Lächeln von Natalia und Isabella, den beiden Töchtern, und heute, nur einen Tag später, die Kühlschrank-Atmosphäre des Wernicke-Saals in der Münchner Staatsoper und dazu die ernsten Mienen der Journalisten. Wie soll ein normaler Mensch das bloß aushalten, zumal wenn der Kameramann übereifrig um den Flügel herumstakst, auf der Suche nach der richtigen Einstellung, und wenn die Dame vom Fernsehen solche Fragen stellt. Nein, das hält wirklich kein Mensch aus. Auch nicht Gabriela Montero. Also gähnt sie. Gleichsam leise. Und verstohlen.
Eine Stunde später beim entspannten Mittagessen ist alles dann einfacher. Die Müdigkeit, gut, die lässt sich nun einmal nicht austreiben. Der lange Flug, durch die Zeiten hindurch, und dann gleich am Ankunftstag die Proben um Mitternacht, das steckt der 35-jährigen Pianistin noch spürbar in den Knochen. Doch hier ist keine Kamera, und außerdem freut sie sich auf das Konzert am Abend, bei dem sie wieder einmal mit jener Grande Dame der Tastenkunst zusammen auf die Bühne gehen darf, der sie vieles, wenn nicht alles verdankt. Gemeint ist die bedeutendste Pianistin aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die leider seit Jahren nicht mehr solistisch auftritt: Martha Argerich.
Martha Argerich hat Gabriela Montero entdeckt. Und sie hat mit der Äußerung, einem größeren Talent sei sie selten begegnet, den Weg für die Pianistin aus Venezuela geebnet. Aber das Spielen hat sie ihr nicht beigebracht. Das hat Gabriela Montero schon selbst getan. Vier Jahre alt war sie, als sie erstmalig am Klavier saß. Viele Kinder sitzen bereits mit vier Jahren am Klavier, das an sich wäre noch nicht unbedingt etwas Besonderes. Aber die kleine Gabriela spielte nicht nur nach Noten, ihre Finger wanderten auf abgelegenen, gewissermaßen notenfreien Pfaden. Kurz und gut: Diese Finger suchten die Freiheit. Es war die Freiheit der Improvisation.
„Um eines gleich mal klarzustellen“, sagt Gabriela Montero, „beides gehört für mich untrennbar zusammen. Die Welt besteht ja auch nicht nur aus einem Phänomen, oder?“ Recht hat sie, aber diese Welt ist, was die Rezeption von Erscheinungen angeht, mitunter schlichter, als man das gerne hätte. Und so wird sie, die Künstlerin, von einigen beeindruckten Beobachtern nicht selten auf eben dieses Improvisationstalent festgelegt. Dabei ist sie zunächst einmal eine verdammt gute Pianistin. Was, um die Fakten zu bemühen, schon die Juroren beim Chopin-Wettbewerb in Warschau anno 1995 erkannten. Dort nämlich gewann Gabriela Montero den dritten Preis. Seither spielt sie auf (fast) der ganzen Welt. Sie konzertierte in London, in Washington, natürlich in Caracas, in Montréal, Buenos Aires, in Tokio, in München.
Was an ihrem Spiel auffällt, ist, wen wundert’s, eine nachgerade Argerich’sche Wucht und Vehemenz (von der technischen Souveränität mal ganz zu schweigen). Das Moment musicaux op. 16,4 etwa von Sergej Rachmaninow rauscht unter den Händen von Gabriela Montero wie eine Riesenwelle über unsere Ohren hinweg. Kraftvoll, entschieden, nuancenreich, klanglich beinahe übervoll, man könnte auch sagen: temperamentgeladen (was die Einschätzung nahe legen könnte: typisch südamerikanisch, aber das wäre zu einfach). Auffällig ist die linke Pranke (siehe Argerich), auffällig die rhythmische Präzision (wer Argerichs Deutung der Schumann’schen „Toccata“ einmal gehört hat, weiß, wie beeindruckend das sein kann). Und da wären wir doch wieder bei den Improvisationen der Dame. Diese nämlich, fußend auf Themen wie dem „Ave Maria“, den „Goldberg- Variationen“, Stücken aus der späten Romantik und Volksliedern ihrer Heimat Venezuela, sind von einer erheblichen rhythmischen Energetik geprägt. Für Montero spielen sie über das rein Musikalische hinaus eine bestimmte Rolle: „Improvisieren bedeutet für mich eine Art Meditation, ein Geben ohne Formeln.“ Zuweilen führt das zu bemerkenswerten Ergebnissen. Bei einem Konzert, in dem sie die „Fantasie“ für Klavier und Orchester von Peter Tschaikowski spielte, entwichen ihr während der Kadenz zunächst die Gedanken und dann die Hände. Sie wollte es nicht, aber es geschah. Und also improvisierte sie. Und sie tat dies auch noch nach dem Konzert, dann aber mit Worten. Als zwei eifrige Studenten, die Partitur des Stücks unter dem Arm, sie fragten, welche Version sie denn da eben gespielt hätte, sagte Gabriela Montero in ihrer Not, es sei eine bulgarische. Herrlich.

Neu erschienen:

Chopin, Rachmaninow, Ginastera u.a.

Gabriela Montero

EMI

Tom Persich, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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