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Die Samtpeitsche

Renée Fleming

Die „Diva“! Letztes lebendes Mysterium der Opernwelt. Eine Aura, die zu tragen vielen Sängerinnen heute beinahe schon peinlich ist. Renée Fleming ist eine Diva mit Haut und Haaren. Über die großen Frauenfiguren bei Strauss, über den Glanz und die Schattenseiten des Sängerlebens, über Liebe und Lampenfieber sprach „The beautiful voice“ mit Jochen Breiholz.

RONDO: „Daphne“ zählt zu den unpopulärsten und am seltensten gespielten Strauss-Opern. Warum haben Sie ausgerechnet die aufgenommen?

Renée Fleming: Arabella, die Marschallin im „Rosenkavalier“ und die Gräfin in „Capriccio“ hab ich im Repertoire. Zu meinen Strauss- Partien zähle ich auch die „Vier letzten Lieder“, die sind fast wie eine Oper. Daphne war die einzige weitere Strauss-Rolle, die für mich in Frage kam. Außerdem gab es bisher von diesem Stück keine moderne Einspielung. Als ich Dvořáks „Rusalka“ und Massenets „Thaïs“ aufgenommen habe, hat meine Plattenfirma bereits festgestellt, dass diese Raritäten eigentlich gefragter sind als das Standardrepertoire.

RONDO: „Daphne“ ist im Grunde eine ziemlich bizarre Geschichte ...

Fleming: Auf den ersten Blick erscheint die ganze Geschichte albern. Seien wir ehrlich, das Libretto ist kein Geniestreich, die Figuren sind nicht immer nachvollziehbar, vieles in der Sprache wirkt gekünstelt. Daphne ist als Figur schwer zu fassen. Wer ist dieses Mädchen, warum verhält sie sich so seltsam? Sie weigert sich, eine Frau zu werden, und will lieber bei ihren Bäumen sein. Jeder moderne Mensch sagt da doch: „Oh, come on, girl!“ Und doch ist sie die einzige Figur im Stück, die eine Entwicklung durchmacht. Der Wendepunkt ist der Moment, als Leukippos getötet wird und sie erkennt, dass er sie selbstlos, bedingungslos liebte, während der „Kick“, den Apollo ihr zu bieten hatte, nur vorübergehend und letztlich oberflächlich war. Sie begreift ihren Fehler und wird zum bewusst reflektierenden Menschen. Ich liebe diese Szene! Die Musik besitzt hier eine unglaubliche emotionale Tiefe und Fülle! Die Gefühle sind wahrhaftig, existenziell. Sie verwandelt sich, lange bevor Apollo sie in einen Baum verwandelt. Mich fasziniert Daphne. Dennoch werde ich diese Partie nie auf der Bühne singen. Sie liegt extrem hoch, ist extrem schwierig und führt mich an meine Grenzen. Ich muss beten, dass ich da durchkomme. Das Stück ist fast unmöglich zu besetzen.

RONDO: In Ihrer gerade erschienenen Autobiografie bekennen Sie, dass Sie von Ihren Assistentinnen manchmal „Die Samtpeitsche“ genannt werden ...

Fleming: Ja, oder den Hurrikan. Ich habe ein sehr hohes Arbeitsethos und stelle sehr hohe Ansprüche an mich selbst, die ich dann auch von anderen und besonders von meinen Mitarbeitern erwarte. Ich arbeite viel und hart, ich bin auf Proben, habe meine Vorstellungen, meine Konzerte, meine CD-Aufnahmen, ich studiere neue Rollen, recherchiere Partien, die ich vielleicht irgendwann singen möchte, bin ständig unterwegs, gebe Interviews, habe Fototermine, außerdem versuche ich, so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern zu verbringen. Das ist nicht immer leicht zu vereinbaren. Und ich möchte, dass meine Mitarbeiter mich dabei so weit wie möglich unterstützen. Das ist der Samtteil der Peitsche. Ich vermeide Konfrontationen, damit kann ich nur sehr schlecht umgehen. Doch wenn ich im Stress bin und denke, das wird alles zu viel, aber ich muss alles schaffen, dann werde ich vielleicht manchmal etwas reizbar. Das ist der Peitschenteil.

"Ein klar definiertes Image zu besitzen, ist heute von einer nicht zu unterschätzenden, ungeheuren Bedeutung."

RONDO: Sie reden viel vom „Image“ in Ihrem Buch. Auf Fotos aus den späten 80er Jahren, als Sie noch kein Superstar waren, haben Sie eine andere Haarfarbe, einen völlig anderen Kleidungsstil und wirken eigentlich eher zurückhaltend bis schüchtern. Jetzt gelten Sie als die vielleicht glamouröseste Diva der Welt. Ihr Image ist eine Rolle, die Sie im wirklichen Leben spielen. Ist das manchmal verwirrend? Vergessen Sie manchmal, wer Sie wirklich sind?

Fleming: Nein. Ich bin brutal ehrlich mit mir selbst. Ich denke, wenn ich mir dieses Image eher zugelegt hätte, wäre meine Karriere vielleicht schneller und steiler verlaufen. Ein klar definiertes Image zu besitzen, ist heute von einer nicht zu unterschätzenden, ungeheuren Bedeutung. Natürlich im Popbereich noch stärker als in der Klassik, aber dennoch: Es ist viel wichtiger, als ich das jemals gedacht hätte. Es kommt ganz entscheidend auf den „Look“ an. Wie jemand präsentiert, wie er „verkauft“ wird. Das Publikum erwartet heute ein Image. Wir sind in unserer Wahrnehmung alle von den Massenmedien, vom Fernsehen und auch von Hollywood beeinflusst. Die Models, die Filmstars, die Popikonen! Für die Klassik gelten längst dieselben Gesetze. Wobei ich froh darüber bin, dass es bei uns noch nicht so extrem wie im Popbereich ist, wo, denke ich, fast überhaupt kein „normales Leben“ mehr möglich ist. Außerdem sind Popkarrieren oft sehr kurzlebig. Als Opernsängerin habe ich die Chance auf eine sehr lange Karriere, wenn ich meine Mittel klug einsetze und nicht über meine Möglichkeiten singe.

RONDO: Aber es gibt doch genug Beispiele für lange Pop- und kurze Klassikkarrieren. Sorgt nicht gerade der wachsende Einfluss der Massenmedien dafür, dass Opernkarrieren ein schnelleres Verfallsdatum bekommen, weil sie von den Plattenfirmen und den Medien „gemacht“ werden und sich nicht mehr natürlich entwickeln?

Fleming: Stimmt. Darüber hab ich noch nie wirklich nachgedacht, weil sich meine Karriere sehr langsam und kontinuierlich entwickelt hat. Diesen ganzen Hype, dieses schnelle „heute ein Niemand und morgen ein Star“ kenne ich nicht. Damals hab ich das vielleicht bedauert, heute bin ich sehr glücklich darüber. Für jeden Sänger gilt das Gleiche: Das Schwierige ist nicht, nach oben zu kommen, sondern oben zu bleiben. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Marilyn Horne, als ich gerade an der Met engagiert worden war und dachte, jetzt hab ich’s geschafft, jetzt kann ich mich entspannen und genießen, und Marilyn sagte: „Dream on! Jetzt geht’s erst los, jetzt wird es erst schwierig!“ Und natürlich hatte sie Recht. Der Druck ist enorm. Es gab Krisen, Momente, wo ich alles in Frage gestellt habe und alles hinschmeißen wollte. Ende der 90er Jahre hatte ich so sehr mit Lampenfieber zu kämpfen, dass ich dachte, ich ertrag das nicht mehr, ich hör auf. Aber ich hab es geschafft, mich daraus zu befreien. Jetzt geht es mir so gut wie noch nie. Im letzten Herbst, bei der Gala zur 50-Jahr-Feier der Chicago Lyric Opera, stand ich mit Susan Graham hinter der Bühne, und plötzlich guckten wir uns an und sagten: „Oh my God! Wir sind ganz oben angekommen. Jetzt sind wir die Stars. Jetzt sind die anderen der aufstrebende Nachwuchs.“ Und irgendwie stand da auch der Gedanke im Raum: Von jetzt an kann es eigentlich nur noch bergab gehen. Wie viel Zeit haben wir noch? Wann geht die Stimme? Das war beängstigend.

RONDO: Als Studentin haben Sie sich vermutlich auch selbst mit Männern verabredet. Jetzt machen Ihre Assistentinnen Ihre Dates. Wie muss ich mir das vorstellen? Sie lernen einen Mann kennen, und wann und wo Sie ihn dann wieder sehen, koordinieren Ihre Mitarbeiter?

Fleming: Sicher. Die haben den besten Überblick über meinen Terminplan.

RONDO: Sie sind geschieden, allein erziehende Mutter und eine viel beschäftigte Künstlerin. Bleibt da noch Zeit für eine Beziehung?

Fleming: Ich gehöre nicht zu den Frauen, denen die Liebe ihres Publikums genügt. Nur so viel: In Sachen Mr. Right laufen die Dinge gerade sehr gut. Aber mehr verrate ich nicht.

Strauss

Daphne

Renée Fleming, Johan Botha, Michael Schade, Chor & Orchester des WDR, Semyon Bychkov

Decca/Universal

Neu erschienen:

Strauss

Sacred Songs

Renée Fleming, Royal Philharmonic Orchestra, Andreas Delfs

Decca/Universal

Neu erschienen:

Mahler, Berg

4. Sinfonie, Sieben frühe Lieder

Renée Fleming, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

DG/Universal

Neu erschienen:

Renée Fleming: Die Biografie meiner Stimme

Henschel Verlag

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 5 / 2005



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