Startseite · Künstler · Blind gehört

Blind gehört

Roger Willemsen

Roger Willemsen ist zwar promovierter Literaturwissenschaftler, doch fast ebenso groß ist seine Liebe zur Musik. Mit ansteckendem Enthusiasmus führt er in Bühnenprogrammen und Radioreihen ein breites Publikum an Klassik und Jazz heran. So heißt es zum Beispiel jede Woche auf NDR Kultur: »Roger Willemsen legt auf«. Sein Wohnzimmer in Hamburg schmückt eine große CD-Wand, doch die sechs Stücke beim »Blind gehört« mit Arnt Cobbers kennt er alle nicht. Umso mehr freut er sich über die Neuentdeckungen.

Frühes 18. Jahrhundert? Doch schon vor Bach? Das war mein erster Impuls gewesen. In dieser Musik ist ja der klerikale Raum mitgedacht, und die Aktualisierung von Sakralkultur ist für einen Agnostiker, wie ich es bin, gar nicht so leicht. Ich suche das tertium comparationis in einer bestimmten inneren Verfassung – profan gesagt – der Einkehr, der Transzendenz, der Selbstüberschreitung. Ich merke aber, dass uns der Begriff von Erhabenheit verloren gegangen ist, und dies ist erhabene Musik, das ist Gottesdienst auf eine sehr direkte und wahrhaftige Weise. Insofern kommt mir da die Aktualisierung in Form einer modernen Produktion entgegen. In dieser Musik ist das Medium, das zwischen ihr und mir steht, besonders hörbar – während mich andere Musik direkter erreicht und ich nicht mehr nach ihrer historischen Einordnung frage. Ich höre diese Musik selten. Ich höre im Moment viel Mittelalterliches, und es fällt mir sehr schwer, die Stimmung zu finden, dass diese Musik sich überträgt. Aber wer war das hier? Pachelbel? Es war auf jeden Fall ein Deutscher.

Dieterich Buxtehude

»Ad ubera portabimini«, aus: Membra Jesu nostri

Bach Collegium Japan, Maasaki Suzuki

BIS

(nach drei Minuten) Mit dem Stück bereiten Sie mir Probleme. Ich vermute, das sind gute Musiker, aber es hat für mich, polemisch gesprochen, zu viel Kaffeehaus-Kultur. Und ist doch gleichzeitig ambitioniert durch die ungewöhnliche Duo-Konstellation. Damit schultert man einige Monotonie. Ich würde diese Musik gern stringenter angelegt finden. Nach drei Minuten frage ich mich: Was sagt Ihr jetzt gerade? Und wo wollt Ihr hin? Dieser Mittelteil wirkt zwar sehr frei, aber es könnte genauso gut durchkomponierte Musik sein. Free-Jazz hat das angenehme Nicht-Problem, dass er so radikal und ungemütlich ist, dass er entweder nur ganz konzentriert gehört werden kann oder gar nicht. Das Befruchtende des Free Jazz, dass ich ins Unerhörte eintrete, das erwarte ich hier nicht mehr. Dies hier ist Kammermusik, die sich irgendwann als Hintergrundmusik anbietet. Da wird mit vielen Tönen wenig gesagt. Manche Musik muss ich mit voller Konzentration hören, die ist nur dann ergiebig. Aber ich höre auch viel nebenher.

»Spin Cycle« aus: Tales From The Cryptic

Guy Klucevsek, Phillip Johnson

Winter & Winter

Hinreißend, grandios. Das ist Jazz! Hier wird improvisiert, hier weiß jemand ganz genau, wohin er will. Wer hat denn zur Bach-Zeit auf dem Niveau komponiert?! Man spürt so schön die Jugendbewegung des Barock, die innovatorische Kraft, die in der Musik steckt und die das Rezeptionsverhalten auf Neuland geführt hat. Was ich am Solisten mag, ist, dass er oder sie zwei Sachen vereinbart: Oft hört man beim Cello entweder das Rumpeln, das Holzige, oder es ist sehr elegant. Hier dagegen gibt es Passagen, in denen die Materialität des Klangs im Vordergrund steht, während die Pizzicati weltläufig-elegant gespielt sind. Diese CD werde ich mir anschaffen! Ich bin überhaupt begeistert, wie viele Entdeckungen man aus dieser Zeit noch machen kann. Man kann mir mit wenigen Dingen so viel Freude machen wie mit neuer Musik.

Joseph-Marie Clement dall’Abaco

Caprice Nr. 5 B-Dur, aus: Elf Capricen für Violoncello

Kristin von der Goltz

Raumklang

Da kann aber jemand trommeln! Das ist ein junger Schlagzeuger, oder? … (nach vier Minuten) Am Anfang dachte ich: zu viel Handwerk, aber beeindruckend. Dann kam das Gefühl: Das ist gute Musik, das ist eine richtig gute Band. Und dabei bleibe ich! Es klingt jung! Das ist eine Musik, die immer noch eine gewisse Radikalität besitzt. Allein dass das Schlagzeug während des ganzen Stücks im Grunde ein Solo spielt und so eine ansteckende, nervenbelastende Textur ausbreitet ... Es gibt im Jazz eine große Strömung, die latent kommerziell ist, und solche Ausbrüche wie diesen hier vermute ich in den USA. Neulich hat jemand moniert, dass ich kaum Gegenwarts-Jazz auflege. Aber es fällt mir schwer, etwas zu finden, das diesen Geist der 60er Jahre hat. Wir leben in einer restaurativen Zeit, damit habe ich mich abgefunden, und das betrifft auch den Jazz. Was mich ansteckt im Jazz, ist das Überspringen der produktiven Energie – zu denken: Es passiert jetzt. Ich mag aber auch diese Art Schwelgen in einem intelligenten Gefühl – ich bilde mir ein, dass es intelligente Gefühle sind, die der Jazz evoziert, und ich finde alles Fühlen besser, wenn es differenziert ist. Deshalb kann ich mit allem Repetitiven wenig anfangen, mit Minimal Music, mit Rockmusik, da ist mir die Energie zu sehr kanalisiert.

»KKPD (Ku Klux Police Department)«, aus: Yesterday You Said Tomorrow

Christian Scott Quintet (m. Jamire Williams, dr.)

Concord/Universal

Das ist wahrscheinlich schon 20. Jahrhundert. Doch noch 19. Jahrhundert? 21. Jahrhundert!? Nein! Darf man das? Das ist präraffaelitisch, als würde jemand wieder Engel malen. Das hat eine hohe musikalische Perfektion, und trotzdem watet man durch Zitate, auch wenn man sie nicht dingfest machen kann. Ich bin solcher Musik gegenüber ungerecht. Ich glaube ihr nicht richtig, weil die formalen Voraussetzungen der Musik im 19. Jahrhundert andere waren. Und ich kann Musik nicht ahistorisch hören. Hier will mich jemand hinter Ergebnisse zurückbringen, die wir schon erreicht haben. Von Gegenwartsmusik erwarte ich, dass sie das, was ich wahrnehme um mich herum, mit dem musikalischen Ausdruck synchronisiert. Ich möchte auf den neuesten Stand gebracht werden. Diese Musik hier trifft auf kein genuines Bedürfnis von mir.

Pēteris Vasks

Sinfonie Nr. 3

Tampere Filharmonia, John Storgaards

Ondine

Ist der Bassist Greg Cohen? Am Klavier Keith Jarrett? Nein, solch einen Lauf hätte er nie gespielt. Ein großer Melodiker. Das ist wunderschön! (nach sechs Minuten) Grandios! Der Pianist hat eine große Meinung von Keith Jarrett, dabei bleibe ich. Aber der Ton ist leichter. Und er würde einem Bassisten nie so viel Scheinwerferlicht zugestehen. Ich komme nicht drauf. Ørsted Pedersen? Diese Form der Virtuosität hätte ich ihm nicht zugetraut! Aber wer ist der Pianist? Das gibt es doch nicht! Ich kenne alles von Michel! Seine Diskografie steht komplett da oben im Regal. Deshalb habe ich ihn sofort aussortiert. Ich habe gerade einen Film über ihn koproduziert. Ich habe 60 Stunden Material mit Michel. Da bekomme ich noch einmal Gänsehaut! Die CD besorge ich mir.

»A Ninghtingale Sang In Berkeley Square«, aus: NHØP, Uncharted Land

Niels-Henning Ørsted Pedersen, Michel Petrucciani

Pladecompagniet

Momentum

Roger Willemsen

S. Fischer Verlag

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 4 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Altmeister im Jungbrunnen - Zum 90. von György Kurtág

Man kann sie vorher lesen, die aus den Tagebüchern und den Briefen Kafkas destillierten Passagen. […]
zum Artikel »

Café Imperial

Mussorgskis „Chowanschtschina“, das war 1988 eine der Großtaten der Ära von Claudio Abbado an […]
zum Artikel »




Top