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Miljenko Turk als Don Giovanni (c) Dorit Gätjen

Fanfare

Das mag man gar nicht. Sewan Latchinian, Schauspieler, Regisseur, Intendant, der 2005, ein Jahr nach Amtsantritt, die daniederliegende Neue Bühne Senftenberg zum Theater des Jahres optimiert hat, ist Anfang der Spielzeit nach ROSTOCK gewechselt. Das dortige Volkstheater, eine der am übelsten beleumundeten Bühnen der Republik im sowieso schon theaterleeren Nordosten, hatte so einen bitter nötig. Doch dem neuen Intendanten, der sich für eine mit geringen Mitteln ausgestattete Vierspartenbühne beworben hatte, will der Oberbürgermeister, sekundiert von seinem Kulturminister, kaum war er angetreten, zwei Sparten abschaffen , das Musik- und das Tanztheater.
Wir haben mal beim „Don Giovanni“ vorbei geschaut, seit November gespielt, ausverkauft, Kartensuchende müssen mit Bedauern abgewiesen werden.
Da wurde zwar auf die Inszenierung nicht allzu viel Ambition verwandt, der Regisseur Lars Franke erzählt aber die Geschichte verständlich, modern, ohne die schlecht kopierten Mätzchen seiner Lehrer Götz Friedrich, Peter Konwitschny und Harry Kupfer. Der Steinerne Gast, der in seiner Auszeit Zeitung liest, ist eindeutig ein Theatertrick, hinter den beweglichen Fachwerkwänden scheint zeichenhaft die Rostocker Hafensilhouette auf. Dieser Giovanni, der risikobereite Verführer, er kann uns allen begegnen, so die vage, fast schon beglückend konzeptfreie Botschaft, der das Publikum gefesselt folgt.
Das Opernglück, es ist hier ein akustisches. Ein junges, ausgeglichenes Ensemble macht wirkliches Vokaltheater und, ja, Volkstheater mit schönen, sicher geführten Stimmen. Keiner ist überfordert, jeder in seiner Rolle zu Hause, im 550-Plätze-Auditorium muss keiner forcieren. Das klingt besser, stimmiger, gerundeter, Mozart-mäßiger als beispielsweise bei den letzten beiden bedeutsamen „Don Giovanni“- Premieren in BRÜSSEL und an der Komischen Oper Berlin.
Szenenwechsel PARIS. Das Theater Rostock muss mit 19 Millionen Euro Budget auskommen, die neue Philharmonie an der Seine hat 36 Millionen im Jahr. Seit Jahrzenten wurde um sie gerungen, jetzt steht sie da, an der Peripherie-Autobahn, 35 Metro-Minuten von der Stadtmitte. Die Konzerte fangen extra eine halbe Stunde später an. Von außen ähnelt Jean Nouvels 360 Millionen Euro teure Konstruktion, die sich hinter dem schon 1996 eröffneten Kammermusiksaal der Cité de la musique duckt, einem silbergrauen Haufen Elefantenkot mit ein paar Monsterplatten drauf. Aber innen ist sie schön. Das Wichtigste: die Akustik. Die ist grandios.
Steht man mal im kurzen Parkett mit seinen schwarzglänzenden Sitzen, mal in einem der beiden schwarz und weiß oder mit naturlackiertem Holz verkleideten Ränge hinter und über dem Orchester, schließlich in den scheinbar fliegenden, asymmetrisch gebogenen Logen, über denen indirekt beleuchtet die Akustiksegel hängen, muss man eingestehen: Es ist ein fantastischer Saal geworden. 2400 Besucher fassend und doch intim. Als formvollendet organische, fast eckenlos weich gerundete Mischung aus Schuhkarton- und Weinberg- Prinzip, den beiden von den Akustikern präferierten Formen.
Jetzt soll die große, edle und ernste Musik vor allem im 19. Arrondissement spielen. Für ein anderes, neues Publikum. Fast rund um die Uhr soll die neue Philharmonie offen sein, genauso wie hier jede Art von Klangerzeugung möglich sein muss. Eine schöne Utopie? So will es jedenfalls der Staat. Und der, wir sind schließlich in Frankreich, schafft nicht nur an – sondern bezahlt auch.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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