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(c) Marco Borggreve

Blind gehört

Vadim Gluzman: „Was ich spiele, entscheidet mein Bauch“

Seit einigen Jahren bereits genießt Vadim Gluzman ein selten gewordenes Privileg: Carte blanche bei einem renommierten Plattenlabel, dem schwedischen BIS. Und auch im Konzertleben ist der Geiger mit Anfang 40 endlich dort angekommen, wo er hingehört: in der WeltVariationsspitze. Am Morgen nach seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern nahm er sich Zeit für eine Stunde CD-Hören. Und erwies sich dabei als angenehmer, sich selbst nicht zu ernst nehmender Gesprächspartner. Von Arnt Cobbers

Diesem Geiger könnte ich stundenlang zuhören. Ich vermute, es ist ein Mann und er lebt nicht mehr. Wenn doch, wäre ich umso glücklicher! Ah, fantastisch! Ich glaube, es ist kein Russe, so wie er das zweite Thema spielt. Zukerman? Dann muss es eine sehr frühe Aufnahme sein! So wie er hier spielt, gehört er noch in die alte Generation … Entschuldigung, hier muss ich zuhören ... wunderbar! Er ist technisch sehr modern, aber diese Leidenschaft, die Klangwelt, in der er lebt, das wurzelt noch in den alten Zeiten. Eine erstaunliche Aufnahme, danke dafür! Ich hatte in jungen Jahren einige Stunden bei ihm. Er ist von seiner Physis der intuitivste, perfekteste Spieler, alle Bewegungen wirken so natürlich. Und er kann wunderbar verbalisieren, was er tut, er kann erklären, wann und warum welcher einzelne Muskel was tut, das ist unglaublich. Er hat wirklich meine Auffassung vom Geigenspiel verändert. Und er ist nicht nur ein großer Geiger, ich würde sogar sagen, er ist der beste Bratscher aller Zeiten – bei allem Respekt vor den vielen anderen wunderbaren Bratschern. Diese Art, den Klang aus dem Instrument herauszuholen, ist unvergleichlich. Er ist dafür geboren. ... Das ist das Konzert, das ich am häufigsten spiele. Aber ich werde nie müde davon. Nicht von Stücken, die ich mag.

Tschaikowski

Violinkonzert

Pinchas Zukerman, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Rafael Kubelik

audite/Edel

Das ist ein fantastischer Geiger, aber ich müsste die Noten sehen. Es fühlt sich etwas in Eile an, ich würde mir mehr Ruhe wünschen. Ich bin mir sicher, es ist ein russischer Geiger – oder eine Geigerin. Schon dieses Vibrato. Schtschedrin mit Maxim? Das bringt Erinnerungen zurück, wir sind im gleichen Raum unterrichtet worden. Ja, das ist seine typische Art, sich auszudrücken. Man verlässt sich zunächst auf die linke Hand, dann erst kommt die rechte. Da ist mehr emotionale Aufregung als Tiefe – was nichts mit Qualität zu tun hat. Pinchas Zukerman erst hat mir gezeigt, dass ich noch eine zweite Hand habe. Zunächst einmal gestaltet man die Emotionen durch das Vibrato, schnell, langsam, eng, weit, das ist viel naheliegender, als die Farben mit dem Bogen zu erzeugen. Leonid Kogan hatte eine eindimonsionale rechte Hand, kraftvoll, gerade in die Saite hinein, aber er hatte unendliche Variationsmöglichkeiten im Vibrato, damit konnt er alles ausdrücken. Oistrach dagegen hatte eine perfekte Balance zwischen beiden Händen. Noch einmal: Das ist keine Frage der Qualität, das ist einfach anders. ... Bei moderner Musik muss man übertreiben, um die Idee herauszuarbeiten, weil die Zuhörer das Stück in der Regel nicht kennen. Wie Schauspieler auf der Bühne, die artikulieren auch übertrieben, damit man im Zuschauerraum alles versteht. Miss DeLay bestand darauf, dass jeder Student zumindest Ausschnitte aus Stanislawskis „Method Of Acting“ liest. Sie betonte immer wieder, dass wir Musiker viel von Schauspielern lernen können – von der Art und Weise, Ideen und Gedanken zu vermitteln.

Schtschedrin

Echo-Sonate

Maxim Vengerov

EMI

Wunderschön! Die Musiker spielten damals nicht, weil es so richtig war, sondern weil es musikalisch war. Natürlich versuche ich das auch. Aber wir wissen so vieles, was man damals noch nicht wusste. Ist das Elman? Heifetz? Aber dann eine frühe Aufnahme! Ich würde mir nicht erlauben, so Barockmusik zu spielen. Und doch wünsche ich mir, ich könnte mir so viel Zeit lassen zwischen der Kadenz und der Auflösung, das wäre wunderbar. Dieses Spiel ist so nah am Singen, wie es nie wieder war. Da sage noch einer, Heifetz sei nicht emotional gewesen. Solch ein Glissando, solch ein Portamento – das geht heute nicht mehr. Das war eine andere Welt. Ich denke aber, es gibt einen Weg, dieses Gefühl und unser heutiges Wissen zu kombinieren und auszubalancieren. Man muss so viele Entscheidungen treffen. Gestern habe ich in der Philharmonie als Zugabe die Sarabande gespielt, da ist jeder neue Takt eine Entscheidung, die du treffen musst. Das ist aufregend, aber auch furchteinflößend. Wir sind heute technische Perfektion gewohnt, dank der Aufnahmen. Aber hören Sie sich diese Aufnahme an, da ist kein einziger Schnitt drin. Es gibt diese berühmte Sibelius-Aufnahme von Henryk Szeryng. Er kommt ins Studio, nimmt seinen Schal ab, spielt das Sibelius- Konzert von Anfang bis Ende, legt die Geige in den Kasten, wirft seinen Schal um und geht. Nennen Sie mir einen Geiger, der das heute könnte. Ich nicht, so gut bin ich nicht. Der durchschnittliche Geiger, es klingt schrecklich, das zu sagen, ist heute technisch viel besser als früher. Aber die Spitzenleute von früher bleiben unerreicht. Zu Leuten wie Szeryng, Milstein, Heifetz, Oistrach kann ich nur aufschauen. Doch, es gibt auch heute noch Leute, die ich bewundere. Unter den Geigern ist das Gidon! Er ist mehr als ein Geiger, er zeigt uns, was es heißt, ein Künstler zu sein. Wenn wir Beispiele der menschlichen Kultur in den Weltraum schicken wollten, müsste er dabei sein. András Schiff bewundere ich auch sehr. Es gibt schon unglaubliche Musiker.

Bach/arr. Auer

Sicilienne

Jascha Heifetz (1924)

RCA/Sony

Strawinski? Prokofjew! Ich liebe Prokofjew. Aber ich bin kein Freund von Arrangements, mit wenigen Ausnahmen. Sehr schön gespielt, aber mir fehlt etwas. Vielleicht das Raumgefühl, die Mikrofone sind viel zu nah an der Geige für meinen Geschmack. Ich kritisiere ungern, aber der Pianist hätte mehr Biss zeigen können. Wer wars? Midori – wir sind zwar fast gleich alt, aber sie war lange vor mir bei Dorothy DeLay, wir sind uns nie begegnet. Ich glaube, unsere Geschmäcker sind in allen Belangen verschieden. Das ist auch gut so, so gibt es für uns alle genug Platz. Zakhar Brons Studenten erkenne zumindest ich sofort, Miss De- Lays Studenten erkennt man nicht. Das ist ein ganz anderer Ansatz: Bron zeigt einem den richtigen Weg – seinen Weg. Miss DeLay zeigte einem, wie man sich richtig entscheidet. Ich schätze mich unglaublich glücklich, dass ich bei beiden Unterricht haben durfte.

Prokofjew/arr. Milstein

Andante assai, aus: „Erzählungen einer alten Großmutter“

Midori

Das Stück kenne ich auch nicht. Ein toller Pianist – mit einem fantastischen Sinn für Schwere und Distanz. ... Das sauber zu intonieren, ist sehr schwer. Peteris Vasks? Sein Klavierquartett ist großartig, ich mag seine Musik generell. Die zeitgenössische baltische Musik steht stark in der Tradition der Volksmusik, und das ist vor allem Vokalmusik. Diese Musik ist mir von klein auf vertraut, ich bin in Riga aufgewachsen. Ich mag sie sehr. Es gibt viele zeitgenössische Musik, die sehr zugänglich ist. Ich spiele gern Musik von Lera Auerbach, ihr wird oft vorgeworfen, ihre Musik sei zu populär. Was für ein Unsinn! Früher haben die Leute die Tradition gegen die Moderne verteidigt, jetzt verteidigen sie die Moderne gegen die Rückkehr der Melodie! Ich finde es wichtig, dass wir neue Stücke spielen und in Auftrag geben. Aber ich spiele nichts, was mich nicht wirklich überzeugt. Das entscheidet mein Bauchgefühl – die Musik spricht zu mir oder nicht. Neue Musik lese ich lieber, dann ist die Musik „rein“. Die Midori-Einspielung konnte ich nicht wirklich genießen, weil mir die Aufnahme nicht gefiel. Ich arbeite immer mit der Partitur. Miss DeLay hat einen rausgeschmissen, wenn man ohne Partitur zum Unterricht kam. Diese Lektion habe ich schnell gelernt. Ich habe jetzt eine Woche frei und werde mir viel Musik anschauen und anhören. Erst gestern hat mir wieder ein Komponist eine CD in die Hand gedrückt. Ich habe immer ein schlechtes Gefühl dabei, weil ich so oft nein sagen muss.

Vasks

Episodi e canto perpetuo

David Geringas, Dmitri Sitkovetsky, Kalle Randalu

hänssler CLASSIC/Naxos

Sie machen mich mit viel Musik bekannt, die ich nicht kenne. Ich mag den Pianisten lieber als die Geige, ich weiß nicht warum. Der Geiger sollte vom Timing des Pianisten lernen. Wie amerikanisch ich geworden bin? Ich kategorisiere nicht so. Wer bin ich? Ich bin russischer Jude, geboren in der Ukraine, fühle mich israelisch, lebe in Chicago. Und meine Lieblingsstadt ist Prag. Ich würde mich nicht Amerikaner nennen, obwohl ich viele Dinge in der amerikanischen Kultur sehr mag. Amerikaner sind oft offener und ehrlicher. Ich war letztens mit meiner Frau in Chicago im Theater. Wir sind mit Stanislawski groß geworden, und dies war ein völlig anderer Ansatz. Aber nach einer Viertelstunde hatten wir vergessen, dass wir im Theater saßen. Rostropowitsch hat mal gesagt, es gäbe zwei Arten von Musikern: Die einen bringen die Musik dem Publikum, die anderen öffnen die Tür und sagen ‚Hier ist etwas für Euch‘. So haben es die Schauspieler in Chicago gemacht – und so macht man es meist in Amerika. Man bedrängt das Publikum nicht, sondern heißt es willkommen. Man bietet etwas an, so gut man es kann, mit offenem Herzen, und hofft, dass das Publikum darauf anspringt. Amerika und Europa sind wirklich verschiedene Welten in der Klassik – und beide könnten voneinander lernen. Wenn der Staat in den USA nur verstehen würde, dass Kultur wichtig ist für die Gesellschaft! Mir kommt es oft vor, als gäbe es zwischen Publikum und Bühne in Europa eine Art eisernen Vorhang. Das ist in Amerika anders. Meine Frau und ich, wir haben ein kleines Festival in Chicago. Am Ende der Konzerte verbeugen wir uns nicht, sondern bleiben sitzen und sprechen mit dem Publikum. Natürlich ist es schön, gefeiert zu werden. Aber noch viel schöner ist es, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Die Zuschauer sprechen mit uns, stellen Fragen, und das sind oft sehr kluge, inspirierende Fragen. Es ist unglaublich wichtig, in Kontakt zu treten.

Copland

Sonate für Violine und Klavier

Tai Murray, Ashley Wass

eaSonus/harmonia mundi

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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