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Teurer Schuppen: So könnte das neue Festspielhaus in Bonn später aussehen (c) Valentiny hvp architects

Neue Konzerthäuser

Habemus Philharmonie!

Gerade hat Paris seinen ersten modernen Konzertsaal eröffnet. In Deutschland gibt es davon schon einige. Trotzdem sollen immer mehr Konzerthäuser dazukommen.

Am 14. Januar herrschte in der Nähe des ehemaligen Pariser Schlachthofs großer Bahnhof. Monsieur Le Président François Hollande war gekommen. Ebenfalls die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Und selbstverständlich gestalteten das künstlerische Führungs- und Spitzenpersonal der neuen Philharmonie, von Intendant Laurent Bayle bis Dirigent Paavo Järvi, den feierlichen Abend. Doch ausgerechnet derjenige fehlte, der der neuen Philharmonie am Rande des Pariser Ostens überhaupt spektakuläre Kontur gegeben hat. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel war dem langersehnten Eröffnungstusch seines jüngsten Projektes ferngeblieben. Für Nouvel hatten die Auftraggeber nämlich gegen die Architektenehre verstoßen und den von ihm noch nicht abgesegneten, weil noch nicht fertigen Bau einfach der Öffentlichkeit übergeben. Und so musste bis kurz vor offizieller Notenschlüsselübergabe noch reichlich gehämmert, geschraubt und gemörtelt werden, um dem Provisorium einen formvollendeten Anschein zu geben.
Die üblichen Querelen, die die Fertigstellung der Philharmonie begleiteten, sowie die gestiegenen Baukosten von ursprünglich 180 auf 380 Millionen Euro konnten aber nicht die Tatsache entkräften, dass Paris unbedingt einen Konzertsaal fürs 21. Jahrhundert benötigt. Nichts gegen die steinernen Zeugen auch aus der Belle Époque, wie das traumhaft schmucke Théâtre des Champs-Élysées. Doch was gerade die Ansprüche an die Akustik und damit an das A und O eines Konzertsaals angeht, war man in der französischen Musikhauptstadt bislang eher zweitklassig aufgestellt.
Waren somit in den Wochen vor der Eröffnung alle Augen gespannt auf Paris gerichtet, so ist man derweil auch auf Deutschlands musikalischer Großbaustelle etwas vorangekommen. Immerhin hat sich Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz bei einer Inspektion des Herzog & de Meuron-Rohbaus vor geladenen Journalisten zu zwei Versprechen hinreißen lassen. Am 11. Januar 2017 – also fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der Pariser Philharmonie – wird die Elbphilharmonie eingeweiht. Und was die Bürger der Hansestadt möglicherweise am meisten interessieren dürfte: Bei den Baukosten, die von 186 auf 789 Millionen Euro durch die Decke geschossen sind, wird es definitiv jetzt bleiben.

Bernstein bellte: „Burn it!“

Sind das hoffnungsvolle Nachrichten von der Elbe, so hat sich derweil im Süden der Republik eine Diskussion zusammengebraut, bei der es ebenfalls um einen Spitzenkonzerthaus geht. Doch in München ist man noch meilenweit von einem möglichen Spatenstich entfernt, der von den Befürwortern am liebsten im herrlich begrünten, sog. „Finanzgarten“ durchgeführt werden soll. Denn obwohl Bayerns Ministerpräsident erst vor einem Jahr seine Pläne für ein weiteres Münchner Konzerthaus bestätigt hatte, scheint er sich mal wieder umentschieden zu haben. Nachdem Ende 2014 der sich extra gegründete „Verein der Konzertsaalfreunde“ schon Entwürfe für einen Neubau präsentiert hatte, der auch als dauerhaftes Domizil für das heimatlose Orchester des Bayerischen Rundfunks gedacht war, ließ Seehofer verkünden, dass man lieber den Herkulessaal sowie besonders die vielfach geschmähte Gasteig-Philharmonie sanieren will.
Womöglich war diese Entscheidung auch der Grund, weshalb sich Stargeigerin Anne-Sophie Mutter kurz darauf zu Worte meldete und per „Süddeutscher Zeitung“ Seehofer an das Versprechen von 2012 erinnerte, sich endlich für ein Haus auf Weltklasseniveau einzusetzen. „Viele international renommierte Orchester kommen nicht mehr nach München, weil ihnen diese Räume fehlen“, so Mutter. Als abschreckendes Paradebeispiel steht für sie die 1985 eröffnete Philharmonie am Gasteig, deren Akustik bereits Leonard Bernstein auf die Palme brachte und den Kettenraucher zu der Forderung reizte: „Burn it!“

2 Sekunden für 48 Millionen Euro

Wie irgendwann in München ein moderner Konzertsaal klingen müsste, weiß Anne-Sophie Mutter auch schon. So wie das Dortmunder Konzerthaus nämlich, das ein wenig an den Wiener Musikverein angelehnt ist. Und mit einer Nachhallzeit von rund zwei Sekunden bewegt man sich im akustisch optimalen Rahmen. Zwar wurde auch beim Konzerthaus das Budget überzogen. Als man es aber 2002 eröffnete, schlugen da gerade einmal 48 Millionen Euro zu Buche – was angesichts heutiger Summen ein absolutes Supersonderangebot war.
Nun könnte man annehmen, dass in dem bevölkerungsreichsten Bundesland NRW nicht nur genügend Theater und Operntempel stehen, sondern auch Konzerthäuser und Philharmonien. Zumal man etwa zwischen den beiden Ruhrgebietsplatzhirschen Essen und Dortmund nur knapp 40 Kilometer zurücklegen muss, um an einem vielseitigen wie anspruchsvollen Klassikleben teilzunehmen. Doch auf halber Strecke liegt ja auch noch Bochum. Und weil die örtlichen Symphoniker seit nunmehr 20 Jahren dank GMD Steven Sloane Höchstleistungen garantieren, will man diese endlich an einer festen Adresse unter Beweis stellen. Nachdem man jahrelang u.a. im Schauspielhaus gastieren musste, wird 2016 im Zentrum Bochums das Anneliese- Brost-Musikforum Ruhr eröffnet. Zunächst hieß es Konzerthaus. Dann Musikzentrum. Heute ist es nach der Bochumer Mäzenin und WAZ-Gesellschafterin Anneliese Brost benannt, da ihre Stiftung eine Finanzlücke bei den explodierenden Kosten (rund 33 Millionen Euro) gestopft hat.

Klangbaustellen: Hamburg, Bochum, Bonn

Die Realisierung gar eines Festspielhauses steht hingegen noch in den Sternen: Es soll in Bonn stehen und spätestens 2020 im Betrieb sein, wenn alle Welt den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven feiert. Mit dieser Idee hat sich die klamme Kommune jedoch bis zuletzt nicht viele Freunde gemacht. Weshalb nun ein ansässiger Paketlogistiker zugesagt hat, von den rund 70 Millionen Euro immerhin 30 Millionen Euro zu übernehmen. Der Rest soll über private Sponsoren reinkommen. Da man allseits guten Mutes ist, dass sich alles wie sehnlich erhofft entwickeln wird, wurde nach dem ersten Architekturwettbewerb von 2008 bereits ein zweiter ausgerufen, aus dem es die drei Architekturbüros Chipperfield, Valentiny und Kadawittfeld in die Finalrunde geschafft haben. Und wenn man sich ihre Entwürfe im Internet ansieht (s.u.), möchte man – abgesehen vom mainstreamigen Chipperfield- Bau – den beiden verbleibenden Büros und ihren äußerst sehenswerten Klangraumorganismen die Daumen drücken. Andererseits kann alles noch so schön gewellt, gläsern oder beeindruckend kathedralengleich entworfen sein, wenn der Sound einfach nicht stimmt.

www.philharmoniedeparis.fr
www.elbphilharmonie.de
musikzentrum.bochum.de
www.beethoven-festspielhaus.de


Aus Alt mach Neu

Ziemlich reibungslos geht aktuell in Dresden der Umbau des denkmalgeschützten Kulturpalastes vonstatten, damit die Philharmoniker und ihr Chefdirigent Michael Sanderling endlich das langersehnte Zuhause haben. 2017 – nach fünf Jahren Bauzeit und geschätzten 82 Millionen Euro – soll das einstige Multifunktionshaus seiner neuen Bestimmung übergeben werden. Den Zuschlag für den neuen Konzertsaal, der mit seiner sog. „Weinberg-Form“ zwischen 1800 und 1900 Plätze bietet, hatte das renommierte Architekturbüro „gmp - von Gerkan, Marg und Partner“ bekommen, das u.a. das Chinesische Nationalmuseum Peking sowie die Lübecker Musik- und Kongresshalle gebaut hat.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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