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Philippe Jaroussky, Jerome Ducros, Quatuor Ébène (c) Marc Ribes

Philippe Jaroussky

Im Garten der Lüste

Nach „Opium“ taucht der Sänger mit seinem Album „Green“ erneut ein in die Welt des französischen Kunstliedes.

Wenn Philippe Jaroussky von seinem neuesten Projekt zu sprechen beginnt, merkt man sofort, dass „Green“ für den französischen Countertenor mehr ist als einfach nur ein neues Album, es ist eine echte Herzensangelegenheit. „Für mich ist es eines meiner persönlichsten Projekte seit dem Carestini-Album. Es ist ein Programm, das schon seit fast 15 Jahren in meinem Kopf herumspukt und jetzt endlich realisiert wird. Als wir damals ‚Opium’ produziert haben, dachte ich, dass es wahrscheinlich meine einzige Chance sein wird, französische Lieder aufzunehmen, aber dann wurde es tatsächlich eines meiner bestverkauften Alben, vor allem in Deutschland. Hier hat es sogar noch mehr eingeschlagen als in Frankreich. Und als wir nun überlegt haben, was man als nächstes machen könnte, war mein Gedanke sofort Verlaine. Paul Verlaine ist der meistvertonte französische Dichter, unser Goethe, wenn man so will, aber trotzdem gab es davon bislang kaum etwas auf CD.”
Das ändert sich nun schlagartig, denn Jaroussky legt mit „Green“ gleich ein Doppel-Album vor, das sich voll und ganz dem französischen Fin-de-siècle- Poeten widmet. An Auswahl mangelte es dabei nicht, listet eine jüngst erschienene wissenschaftliche Arbeit über Verlaine doch mehr als 1500 Vertonungegen seiner Gedichte. Wobei sich die lange Liste der Komponisten von Claude Debussy über Reynaldo Hahn bis hin zu Chansonniers wie George Brassens spannt und auch die eine oder andere Weltersteinspielung parat hält. Spannend sind dabei vor allem die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen sich die Musiker den vielschichtigen Verlaine-Texten nähern. „Es war von Anfang an meine Idee, hier auch verschiedene Versionen einzelner Gedichte vorzustellen. Man könnte jetzt vielleicht meinen, es wäre langweilig, immer wieder dieselben Worte zu hören, aber das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Die Texte bekommen mit jeder Vertonung eine neue Farbe, eine neue Bedeutung. Bei Fauré geht eine Phrase nach oben, bei Debussy hingegen nach unten, und auf einmal verändert sich dadurch alles.“

Alkoholiker, Schläger, Sprachzauberer

Genauso faszinierend wie seine Texte ist auch der Mensch, der sie schuf: Vom strengen Vater zunächst in eine Beamtenlaufbahn gezwungen, verkehrte der 1844 geborene Verlaine später mit den berühmtesten Künstlern der damaligen Zeit und wurde schließlich selbst zu einem prägenden Dichter seiner Generation. Daneben sorgte er aber ebenso durch Alkoholexzesse und Gewaltausbrüche für Aufsehen. So endete schließlich seine – auch von Hollywood verfilmte – Beziehung zum Dichterkollegen Arthur Rimbaud nach einem angeblichen Mordversuch für Verlaine selbst im Gefängnis. „Man hat von ihm oft ein sehr düsteres Bild im Kopf, was natürlich in erster Linie mit seinen Texten zusammenhängt. Aber er liebte genauso Operetten und hatte durchaus eine humorvolle Seite, die ich hier auch zeigen wollte, zumindest kurz.“
Mit dabei ist bei diesem Unterfangen wieder einmal Jarousskys langjähriger Klavierbegleiter Jérôme Ducros, der diesmal zusätzlich noch als Arrangeur gefragt war. Denn auch das Quatuor Ébène gibt sich hier die Ehre, weshalb einige Nummern neu bearbeitet werden mussten. „Wir wollten schon lange etwas zusammen machen und ich bin sehr glücklich, dass es gerade mit diesem Projekt endlich geklappt hat. Jérôme hat dafür unter anderem fantastische Arrangements für Chansons von Brassens oder Charles Trenet geschrieben. Es gibt also viele verschiedene Farben, weil wir Stücke für Stimme und Klavier, Stimme und Quartett, aber ebenso für alle zusammen haben – nicht zu vergessen ein Duett mit Nathalie Stutzmann! Eine meiner ersten CDs, die ich mir selbst gekauft habe, war eines ihrer Alben mit französischen Liedern. Ich hätte mir damals nie träumen lassen, dass wir das Jahre später einmal zusammen singen würden.“

Verlaines Worte sehnen sich nach Musik

Oft hervorgehoben wird die musikalische Qualität von Verlaines Sprache, deren Rhythmik ihn geradezu für Vertonungen prädestiniert. Nicht ohne Grund trägt ein Gedichtband von 1874 den Titel „Romances sans paroles“ („Lieder ohne Worte“). Texte, die Jaroussky schon lange begleiten. „Natürlich habe ich meine Karriere bisher vor allem mit Händel, Bach oder Vivaldi gemacht, aber meine Lehrerin war eine absolute Spezialistin für französische Lieder, und so habe ich von Anfang an auch Fauré, Debussy und all die anderen gesungen. Ich habe sozusagen mit ihnen und ihren Liedern das Singen gelernt und fühle mich deshalb in diesem Repertoire sehr wohl. In der Barockoper geht es meist um große Emotionen und spektakuläre Koloraturen, alles ist größer als im wahren Leben. Lieder sind im Gegensatz dazu eine viel intimere Angelegenheit. Man muss hier mit feineren Farben malen und mit den Nuancen im Text arbeiten. Wenn man Lieder zu groß und dramatisch macht, funktioniert es nicht. In der Barockoper hat man Arien, die sich manchmal über zehn Minuten strecken können, hier ändert sich im Durchschnitt alle drei Minuten die Stimmung, kommt eine neue Farbe, ein neuer Gedanke. Für einen Opernsänger ist das eine gute Schule, weil man wieder daran erinnert wird, was das Wesentliche ist.“

Neu erschienen:

Green (Lieder auf Gedichte von Paul Verlaine)

Philippe Jaroussky, Nathalie Stutzmann, Jerome Ducros, Quatuor Ébène

Erato/Warner


Blumenpflücken am Musenhügel

Eine Reihe von verwandten Dichterseelen fand der junge Paul Verlaine in der Gruppe der „Parnassiens“, die ihren Namen vom mythischen Berg der griechischen Musen ableiteten. Am Übergang zwischen Romantik und Symbolismus strebten sie nach der Wiederbelebung und Perfektionierung traditioneller Formen und „der Suche nach dem Schönen in der von den Wissenschaften beherrschten Welt.“ Kunst um der Kunst willen, die ihren eigenen Gesetzen folgt und Übersetzer meist vor eine nahezu unlösbare Aufgabe stellt. Dennoch gelang es unter anderem Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke, die Klangmagie des von ihnen bewunderten Paul Verlaine ins Deutsche zu übertragen.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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