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(c) Gregor Hohenberg

Sonya Yoncheva

Der Volltreffer

Kein Sopran-Girlie, sondern ausgereifte Künstlerin. Die Bulgarin ist dabei, mit ihren weiblichen Tönen die Opernbühnen zu entern.

Eine sinnliche, große, weibliche Stimme. Lyrisch genug, um als jugendlich Liebende auf der Opernbühne zu überzeugend, aber auch satt und umfassend, voluminös warm, wissend, um sich auch in einem großen Haus als erfahrene Frau mühelos über das Orchestergewoge strahlend aufzuschwingen. Und wohlmöglich noch von einer natürlichen Schönheit, mit dunklem Timbre, aber zu hellen Spitzen fähig, gut modulierbar, in vielen Fächern zu Hause.
Ja, das hätten alle Intendanten, Agenten und Plattenfirmen im Klassikgeschäft gern. Und dann noch zu Hause in einem Körper, der nach den heutigen, ziemlich unbarmherzigen ästhetischen Maßstäben vorzeigbar ist. Und der verwaltet wird von einem belastbaren und teamfähigen Charakter, der schnell lernt, flexibel und zuverlässig ist, neugierig und intelligent. Solches haben sie als Ideal vor mehr als zehn Jahren in Gestalt von Anna Netrebko gefunden – obwohl wir das mit der Klugheit ein wenig relativieren wollen, berücksichtigen wir ihre jüngsten politischen Äußerungen und Aktionen. Es könnte freilich sein, dass der Stimmenmarkt jetzt wieder einen Volltreffer gelandet hat. Und zwar in Gestalt der 34-jährigen Bulgarin Sonya Yoncheva.
In den letzten Jahren konnte man sie beispielsweise unter der Leitung der französischen Barock-Fee Emmanuelle Haïm in der Titelrolle von Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ erleben, als römische Sexbombe, glutvoll, aber bestens bewandert in barocker Idiomatik, so textbewusst wie männermordend. Oder, ein paar Monate später, neuerlich – und diesmal nicht nur metaphorisch – als Gattenschlachterin Lucia di Lammermoor, immerhin schon an der Pariser Opéra, fest zupackend mit dem Messer, aber fadenfein und herrlich dramaturgisch klug in der Koloratur. Doch damit nicht genug. Diese Künstlerin legte noch einen Zahn zu, fand sich bald als Mimì an der Metropolitan Opera wieder – und wurde mit den allerüberschwänglichsten Kritiken bedacht.
2014 wurden wir Zeuge beim Aufstieg der Sonya Yoncheva. Denn da avancierte sie in Anna Netrebkos Schatten zur Einspringerin vom Spielplandienst. Als die russische Sopranistin relativ kurzfristig befand, die Margarethe in Gounods „Faust“-Oper sei doch nichts für sie, sang die Bulgarin die Rolle, die sie ebenfalls erst lernen musste, in Baden-Baden, London, Wien und Hamburg. Mit Riesenerfolg. Und als ziemlich schwangere Kindsmörderin. Als la Netrebko sich im Oktober mit dem Regisseur Hans Neuenfels in München verkrachte und aus einer „Manon Lescaut“-Produktion ausstieg, wurde Andris Nelsons Gattin Kristine Opolais aus einem New Yorker „La Bohème“- Vertrag herausgelöst, um die bayerische Puccini- Premiere zu retten. Und wer sang stattdessen an der Metropolitan Opera, fünf Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Mateo die Mimì vor einem begeisterten Publikum? Natürlich Sonya Yoncheva.

Feine, samtig flutende Stimme: 2015 wird ihr Jahr

Doch 2015 wird ihr Jahr werden. Sie hat schließlich schon eine solide Karriere bei William Christie und Madame Haïm im Barockfach hinter sich, und in Frankreich ist die in Genf mit ihrem venezolanischen Mann lebende Sängerin bereits ein Star. Jetzt aber startet sie mit ihrer fein schattierten, samtig flutenden Stimme und den herrlich freien Spitzentönen als fertige Künstlerin durch, die sich für die allergrößten Aufgaben qualifiziert. Im Februar erscheint ihr erstes Solo-Album bei Sony, eine Hommage an Paris, das ihr so viel Glück gebracht hat. Im Herbst eröffnet Sonya Yoncheva die New Yorker Opernsaison als Verdis Desdemona, wo sie künftig mindestens zweimal im Jahr zu erleben sein wird. In Berlin wird sie 2016 im Schiller-Theater in einer neuen „La Traviata“ zu bestaunen sein. Gleichzeitig singt sie Lieder von Clara Schumann im Konzert, freut sich auch schon wieder auf Pergolesi, giert nach Komödie und genießt voller Energie ihr Sängerinnenleben.
Geboren wurde Sonya Yoncheva 1981 in Plowdiw, wo sie – ähnlich wie Vesselina KaKasarova – Klavier und Gesang studierte, bevor sie ans Genfer Konservatorium wechselte. Sie gewann zahlreiche Preise und Wettbewerbe, darunter 2010 in Mailand Plácido Domingos „Operalia“. Das war für sie die klingende Visitenkarte, sie präsentierte sich einer breiten professionellen Öffentlichkeit, die Intendanten waren sehr interessiert. Vorher freilich hat sie ihre Schweizer Inkubationszeit genutzt, sich technisch zu perfektionieren. Noch heute spricht sie von William Christie und seinem danach folgenden Juniorstudienprogramm „Le Jardin de Voix“ mit höchster Bewunderung. Und will unbedingt weiter im Barockfach wildern, mit Händels Alcina zum Beispiel.

Schluss mit Gilda und Lucia

Inzwischen weiß sie sehr genau, was gut für sie ist. Nicht mehr Gilda und Lucia zum Beispiel, zu viele Verzierungen, zu naiv und mädchenhaft. „Ich muss den Charakter, den ich singe, auch fühlen können. Momentan passt etwa die Julia von Gounod viel besser, auch die fängt mit einem Koloraturwalzer an, für die Finali braucht man aber Kraft und Stamina.“ Dass Sonya Yoncheva das hat, konnte sie eben wieder am Teatro Real in Madrid unter Altmeister Michel Plasson in Gounods Shakespeare-Oper beweisen. Obwohl nur konzertant gegeben, entwickelten sie und ihr etwas dem Fach entwachsener, aber mustergültig idiomatischer Roméo Roberto Alagna einen fatalen Sog amouröser Gefühle, Liebesseufzer und höchst authentischer Gefühlstöne. Ja, am Ende wälzten sich beide sterbend vor dem Dirigentenpult – und waren doch immer völlig glaubhaft und hinreißend anzuhören.
Sonya Yoncheva, die eben auch in Anna Netrebkos rotem Kleid aus der Salzburger, inzwischen nach New York transferierten „Traviata“ Triumphe feierte, ist kein naives Mädchen, mehr, das sich von Agenten herumstoßen lässt. Sie weiß, was sie will, und das will sie an den großen Häusern. Und die wollen auch. Also ist jetzt Erntezeit. Man kann sicher sein, dass diese Sopranblüte nicht nur einen Opernsommer gefallen wird, wie sonst so viele vor ihr. Die wird bleiben. Auch wenn sie mit ihrer Familie ein Leben zwischen Miami, Genf, Plowdiw und den berühmten Sangestempeln und Festivals führen muss. Opernsängerinnen sind heute robust. Alles Zarte, Durchscheinende, Fragile bewahren sie sich für die Vorstellung auf. Wir können aufs Schönste gespannt sein.

Neu erschienen:

Paris, mon amour

Sonya Yoncheva, Orquestra de la Comunitat Valenciana, Frédéric Chaslin

Sony


Belle Époque

In Deutschland macht sich Sonya Yoncheva gegenwärtig (noch) rar. Nur drei Termine mit ihr als Fiordiligi in Dieter Dorns Münchner „Così fan tutte“ sind am 16., 18., und 22. Februar angesetzt. Doch als Ersatz bietet sich ihre CD „Paris, mon amour“ an. Da kann man mit ihr als Mimì bibbern und Violetta barmen. Viel schöner sind aber noch die selten zu hörenden Arienjuwelen aus der Blütezeit der Opern-Belle-Époque. Ob Puccinis „Le villi“, Massents „Hérodiade“ und „Thaïs“, Gounods „Sapho“, Offenbachs „Hoffmann“-Antonia oder Operettenfrivolitäten von Messager und Lecocq: Man sitzt gebannt und beschwingt vor dem Lautsprecher, drückt gleich die Wiederholungstaste. Auch Frédéric Chaslin und das Opernorchester von Valencia haben hörbar ihr Spielvergnügen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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