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Essen und Rauchen verboten

Wagners "Ring" zum ersten Mal in China

Was würde Wagner wohl von chinesischen Zuschauern halten? Die Nürnberger Oper brachte jetzt zum ersten Mal den „Ring“ ins Reich der Mitte, und RONDO-Autor Jörg Königsdorf war für uns dabei.

In Peking muss man nicht viel suchen, um die Spuren von Riesen, Zwergen und Göttern zu finden. Fast über Nacht scheinen in der 13-Millionen-Metropole die Wolkenkratzer und Shopping-Malls aus dem Boden zu schießen, als seien Fasolt und Fafner am Werk. Ununterbrochen tönt das Hämmern und Schmieden aus dem smogverhangenen Weichbild der Stadt, als seien Nibelheims Bewohner am Werk. Und wer würde im Mao-Mausoleum auf dem Tiananmen-Platz, zu dem täglich noch immer tausende Chinesen pilgern, nicht gleich an den Göttervater Wotan denken, dessen alte hierarchische Ordnung durch die Gier nach Gold zum Einsturz gebracht wurde?
Vielleicht ist der Realitätsbezug zu Wagners Tetralogie derzeit im Reich der Mitte besonders nahe liegend: Dort wo Alt und Neu, Arm und Reich so brutal aufeinander stoßen wie nirgendwo sonst, wo die starre Autorität eines Parteisystems und seiner Führergestalten in beständigem Spannungsverhältnis zu einer beängstigenden Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung steht. Höchste Zeit also, die Chinesen endlich mit diesem zentralen Opus des Musiktheaters bekannt zu machen. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass er den „Ring“ herholen müsste, erklärt Long Yu, der Chef des Peking Festivals. Long ist der starke Mann in Chinas Klassikszene: Als Stiefsohn der Vizepremierministerin mit besten Beziehungen ausgestattet, arbeitet der Chef zweier Sinfonieorchester und Gründer des Peking Festivals seit acht Jahren daran, sein Heimatland zur Klassiknation zu machen. In den letzten Jahren konfrontierte der 40-Jährige die Chinesen mit so ungewohnter Kost wie Monteverdis „Orfeo“ und Bergs „Lulu“ und holte in diesem Jahr unter anderem die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und das RSO Stuttgart mit Roger Norrington ins Reich der Mitte.
Der komplette „Ring“ in der Produktion der Nürnberger Oper ist jedoch der dickste Brocken, den Long Yu seinen Landsleuten bislang zugemutet hat, und schon die eindringlichen Hinweise auf den Eintrittskarten, während den Vorstellungen doch bitte das Essen und Rauchen zu unterlassen, wecken Befürchtungen, ob der Festivalchef mit dem 14-stündigen Mammutwerk diesmal nicht doch die Aufnahmefähigkeit seiner Landsleute überschätzt hat. Schließlich gibt es in China immer noch kein einziges fest bespieltes Opernhaus, und bis auf einen „Fliegenden Holländer“ der Deutschen Oper am Rhein vor einigen Jahren zu Eröffnung des Theaters in Shanghai haben die chinesischen Annalen keine Aufführung von Werken Wagners zu vermelden.
Doch spätestens bei der „Walküre“ ist klar: Die Chinesen sind Wagnerianer geworden und folgen der zwar nicht spektakulären, aber immerhin klar erzählten Aufführung auf der Grundlage des Regiekonzepts von Steven Lawless nicht nur konzentriert, sondern zusehends fasziniert. Am Ende der „Götterdämmerung“ entlädt sich ein frenetischer Jubel, von dem die Politikkader für ihre Parteitage nur träumen können. Allerdings ist dieser erste „Ring“ im Reich der Mitte auch von außergewöhnlicher musikalischer Qualität: mit Sängerleistungen wie Irene Theorins charismatischer Brünnhilde, Jürgen Linns prägnantem Wotan und Cheryl Studers verletzlicher Sieglinde, aber vor allem als Ensembleleistung und Verkörperung des deutschen Stadttheatergedankens. In der detailscharfen Akustik des Pekinger Poly Theaters steigert sich nicht nur das Publikum in den Wagner-Rausch, auch das Nürnberger Orchester entfaltet unter seinem Ex-Chef Philippe Auguin einen Reichtum an Farben und eine theatralische Lebendigkeit, die dennoch nie auf Kosten der großen Linien geht.
Anders als meist in Deutschland ist es hier freilich ein junges Publikum, das jubelt: Klassik in China, das ist die Musik einer jungen akademischen Elite, etliche Besucher kommen noch mit dem Laptop unterm Arm direkt aus dem Büro in die Vorstellung, identifizieren sich mit jungen erfolgreichen Klassikhelden wie den Pianisten Lang Lang und Yundi Li, suchen die intellektuelle Herausforderung. Die Zukunft der Klassik, heißt es bereits in der europäischen Presse, liegt hier in China. Und vielleicht fahren ja schon unsere Enkel extra nach Peking, um den „Ring“ zu hören.

Große Konfuze sagen ...

Wie die F.A.Z. berichtet, gab ein Pekinger Wagner-Fan seinen chinesischen Landsleuten im Internet 27 Tipps, um die „Ring“- Aufführungen besser durchzustehen. Unter anderem solle man am Aufführungstag früh aufstehen und dann mindestens einen halbstündigen Mittagsschlaf halten. Für den Abend wird die Mitnahme von Pfefferminzbonbons und Klammern empfohlen, um sich im Falle von Müdigkeit zwicken zu können. Kurzsichtigen wird geraten, die Brille abzusetzen, da Wagner-Sänger meistens keine so gute Figur machten.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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