Startseite · Künstler · Gefragt

Brüche und Abgründe

Thomas Quasthoff

Schuberts Liederzyklen bleiben in ihrer Größe und Unausdeutbarkeit ein ewiges Geheimnis. Eines, das Sänger immer wieder dazu gebracht hat, sich ein Leben lang mit ihnen auseinander zu setzen. Auch den Bariton Thomas Quasthoff. Was ihn dabei umtrieb, das verriet er RONDO-Autor Jörg Königsdorf.

RONDO: Herr Quasthoff, in Ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografie behaupten Sie, Ihre Interpretation der „Winterreise“ habe sich über die Jahre in den Grundzügen kaum geändert. Dennoch haben Sie den Zyklus jetzt erneut aufgenommen.

Thomas Quasthoff: Natürlich ist die grundsätzliche Perspektive des inneren Monologs in meiner Sicht der „Winterreise“ geblieben, aber dennoch glaube ich, dass ich die Lieder heute anders singe als früher. Das ist einfach eine Frage sängerischer Erfahrung und künstlerischer Entwicklung: Mit zunehmendem Alter traue ich mich mehr und setze jetzt ganz andere Farben ein, die ich in meiner Stimme entdeckt und entwickelt habe. Wenn Sie so wollen, ist die Ausdrucksbreite meiner „Winterreise“ akzentuierter geworden: Dramatisches klingt dramatischer, Lyrisches lyrischer – bei insgesamt dunklerem Grundton.

RONDO: Dieser intensivierte Ausdruck bei depressivem Grundton prägt auch ihre Neuaufnahme der „Schönen Müllerin“. Von strahlendem Liebesjubel ist da nicht mehr viel übrig.

Quasthoff: Die fortlaufende Dramatisierung ins Negative ist doch in der „Müllerin“ noch viel klarer als in der „Winterreise“ – und das Ende auch. Ich glaube, dass der Müllerbursche schon von Anfang an weiß, dass er diese Frau nie kriegen wird. Deshalb finde ich es wichtig, in einem Lied wie dem „Jäger“ auch einmal hässlich zu singen. Oder nehmen Sie „Die böse Farbe“: Da verkehrt sich die Einstellung zum Grün Strophe für Strophe ins Negative und endet in blanker Verzweiflung. Und Verzweiflung klingt nun mal nicht immer schön!

RONDO: Dieser Meinung ist offenbar auch Ihr Pianist Justus Zeyen. Der riskiert eine ganze Menge trockener, schroffer Töne.

Quasthoff: Und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Das Pedal ist doch wie ein Schleier, der zudeckt, was eigentlich da ist. Das kommt noch ganz aus der alten Schule, in der der Pianist nicht als gleichwertiger Duopartner akzeptiert wurde. So wie bei Gerald Moore, der seine Memoiren mit dem Satz „Bin ich zu laut?“ betitelte. Ich will das nicht. Ich will volle Klarheit und echtes Duogefühl. Deshalb habe ich auch die Bezeichnung „Begleiter“ nie gemocht. Begleiten tut man alte Omis über die Straße.

RONDO: In ihrer Klarheit und Zurücknahme des Klangs scheint Ihre „Müllerin“ beinahe von der historischen Aufführungspraxis inspiriert worden zu sein.

Quasthoff: Wenn Sie den vibratolosen Ton meinen, den ich einsetze, so glaube ich allerdings, dass der zu Schuberts Zeiten ein durchaus gebräuchliches Ausdrucksmittel war – und es heute auch sein sollte. Auch wenn mir die Schwarzkopf gesagt hat: „Sie singen ja sonst ganz schön, aber das mit dem Non-Vibrato dürfen Sie einfach nicht machen.“ Aber ehrlich gesagt kommt bei mir vieles aus dem Bauch heraus. Kann sein, dass ich morgen die „Müllerin“ ganz anders singe.

RONDO: Ist Ihr sehr dunkler Blick auf die Schubert-Zyklen auch durch die eigene Außenseiter-Erfahrung geprägt? Gerade mit der „Winterreise“ sind Sie ja von Anfang Ihrer Sängerlaufbahn an eng verbunden.

Quasthoff: Wenn Sie damit meine Behinderung meinen, so spielt das, glaube ich, keine Rolle. Im Gegenteil, dann müsste meine „Müllerin“ eigentlich die positivste von allen sein: Ich habe eine wunderbare Frau, eine Familie, Erfolg und bin tatsächlich glücklich. Aber natürlich fließt auch bei mir die Erfahrung im persönlichen Bereich in die Gestaltung der Lieder ein: oft verliebt, selten erfolgreich. Aber wer kennt das nicht?

"Das Publikum will doch mehr als nur Eventkultur mit Damastdeckchen und Champagnergläsern. Es will jemandem zuhören, der etwas zu sagen hat. "

RONDO: Was kann ein Sänger heute eigentlich den zig Aufnahmen der großen Liederzyklen noch hinzufügen? Die Farben der Psychoanalyse vielleicht?

Quasthoff: Vielleicht. Es kann gut sein, dass wir heute ein offeneres Ohr für Brüche und Abgründe haben. Das Kostbarste, was jeder Sänger diesen Stücken geben kann, ist jedoch seine Individualität. Schauen Sie sich doch meine Kollegen von Christian Gerhaher über Christopher Maltman bis zu Bryn Terfel an: Was sind das alles für individuelle Persönlichkeiten! Und die Persönlichkeit tritt nun mal im Liedgesang am deutlichsten hervor, weil das Lied die purste, ursprünglichste Form des Musikmachens ist.

RONDO: Schaut man sich den Stellenwert des Liederabends im Konzertalltag an, kommt man allerdings nicht unbedingt auf diesen Gedanken.

Quasthoff: Um das zu ändern, arbeiten wir gerade daran, einen großen Liedwettbewerb in Berlin einzurichten, der ab 2006 in zweijährigem Turnus stattfinden soll. Es ist doch bei all den Gesangswettbewerben unvorstellbar, dass es weltweit nicht einen großen Liedwettbewerb gibt! Dabei fordert der Liedgesang nun mal die stärkste geistige Durchdringung. Das Publikum will doch mehr als nur Eventkultur mit Damastdeckchen und Champagnergläsern. Es will jemandem zuhören, der etwas zu sagen hat.

RONDO: Auch wenn es dabei mitunter kräftig hustet – wie bei Ihrer letzten Berliner „Winterreise“.

Quasthoff: Dagegen sind wir natürlich machtlos. Mal sind die Leute so gespannt, dass man eine Stecknadel fallen hört, dann gibt es wieder Abende, da muss man eigentlich eine Ansage machen und die Leute bitten, sich zusammenzunehmen. Und in einem so großen Saal wie der Philharmonie ist es natürlich noch doppelt so schwer, eine konzentrierte Atmosphäre zu schaffen. Für die DVD haben Barenboim und ich aber noch die verhusteten Stellen nachaufgenommen.

RONDO: Wie alle Sänger Ihrer Generation sind Sie mit den Platten Fischer-Dieskaus aufgewachsen. Das hört man Ihren Aufnahmen allerdings nicht an.

Quasthoff: Zum Glück! Ich habe genug Sänger erlebt, die nur versuchten, Fischer- Dieskau zu kopieren und die daran zu Grunde gegangen sind – weil sie nicht mit ihrem eigenen Körper gesungen haben. Und natürlich haben mir auch viele Leute gesagt, als ich den ARD-Wettbewerb gewonnen hatte: Du musst unbedingt zu Fischer- Dieskau! Ich wusste aber damals schon, dass der Schöngesang der Fischer-Dieskau-Schule nichts für mich war. Nur schön zu singen, war mir immer schon zu wenig. Da habe ich es lieber riskiert, ein paar Mal auf die Schnauze zu fallen.

RONDO: Ihr Amfortas in Wien wurde von Publikum und Kritik einhellig bejubelt. Wird Thomas Quasthoff jetzt zum Opernsänger?

Quasthoff: Nein. Ich lerne zwar gerade den Falstaff und den Baron Ochs, aber beides nur für konzertante Aufführungen mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst. Und für 2009 ist auch noch ein König Marke in Wien vorgesehen. Aber bei meinem Amfortas habe ich festgestellt, dass Oper zwar interessant, aber auch extrem zeitaufwändig ist. Und ich bin einfach nicht gerne drei Monate fort von zu Hause!

Neu erschienen:

Schubert

Die schöne Müllerin

Thomas Quasthoff, Justus Zeyen

DG/Universal

Neu erschienen:

Schubert

Winterreise

Thomas Quasthoff, Daniel Barenboim

DG/Universal

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Blind gehört

Vladimir Jurowski: „Ich bin eigentlich ein Tüftler“

Das könnte russische oder angloamerikanische Musik sein, 20. Jahrhundert, klingt wie Filmmusik … […]
zum Artikel »

Café Imperial

Eigentlich hatte er Verdis „Falstaff“ dirigieren wollen. Da ihm das Theater an der Wien eine so […]
zum Artikel »




Top