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Musik-Ikonen

Aus russischen Archiven

Zu den Spezialitäten des Low-Price-Labels Brilliant Classics gehören nicht nur der gesamte Mozart oder alles von Bach. Durch beste Kontakte zu russischen Radiostationen kommt man inzwischen selbst an historische Aufnahmen von Musik-Titanen wie Richter, Oistrach und Rostropowitsch heran.

Als Pieter van Winkel 1996 zum ersten Mal eine CD-Box veröffentlichte, ging nicht nur ein Ruck durch die Regale einer holländischen Drogeriekette. Mit der Box „Die 100 schönsten Melodien der Klassik“, die zum Spottpreis zwischen Aftershave und Sonnenmilch angeboten wurde, brachte er einen Stein ins Rollen, der die gesamte Klassikbranche auf Anhieb durcheinander würfelte. Denn plötzlich entpuppte sich Klassik nicht mehr als exklusiver Ladenhüter. Selbst das gesamte Chorwerk von Johannes Brahms oder alle Sinfonien von Schostakowitsch fanden im Supersonderangebot auf einmal mindestens 30.000 Käufer – und die Kritik rieb sich parallel erstaunt die Ohren über Interpretation und Aufnahmequalität. Doch Pieter van Winkel, der vor seiner Gründung des niederländischen Labels Brilliant Classics Manager bei Klassikfirmen wie Chandos und Hyperion war, setzt nicht nur auf Eigenproduktionen. Mit der Reihe „Russian Archives“ fördert er Tondokumente aus den Archiven russischer Radiostationen ans Tageslicht, die es in sich haben. So liegen von David Oistrach und Mstislaw Rostropowitsch schwergewichtige Boxen mit Raritäten vor, weitere Editionen u. a. von den Geigern Leonid Kagan und Victor Tretjakow sind geplant.
Als ausgebildeter und praktizierender Pianist aber ist Pieter van Winkel ein maßloser Bewunderer der russischen Tastenkünstler: „Natürlich steckt hinter ihrem Spiel ein enormes technisches Können. Der entscheidende Fokus der russischen Klavierschule liegt jedoch auf dem Klang. Es ist stets ein warmer, resonanzreicher, ja ‚großer’ Klang, dessen Energie nicht nur aus den Fingern, sondern aus dem ganzen Körper kommt – angefangen vom Rückgrat.“ In Zusammenarbeit mit der amerikanischen Pipeline Company und dem russischen „Gostelradio Fund“ durchforstete van Winkel abertausende Tonbandaufzeichnungen von Live-Konzerten, die das russische Radio über ein halbes Jahrhundert lang mitgeschnitten hatte. Und das Ergebnis dieser Trüffelschweinarbeit ist inzwischen auf einige dickleibige CD-Boxen verteilt worden.
Swjatoslaw Richters ernste Massivität, seine sehnsuchtsvolle Kantabilität und die bis tief ins Innere reichenden Pulsschläge sind entlang von Beethoven, Schubert und Liszt in Aufnahmen von 1961 bis 1978 zu bewundern. Auf einem 4er-CD-Set hört man den erst zwölfjährigen Evgeny Kissin in den beiden Klavierkonzerten Chopins. Dass aber Emil Gilels gleich mit zwei CD-Boxen gewürdigt wird, liegt vielleicht auch an van Winkels Hitparade der besten russischen Pianisten, bei der Gilels ganz oben steht: „Allein im Adagio aus Beethovens Hammerklavier-Sonate erlebt man ein Spiel, das nicht von dieser Welt ist.“ Platz bleibt aber auf Pieter van Winkels Altar dennoch für weitere russische Pianisten- Ikonen. Neben einem CD-Porträt von Lazar Berman steht vor allem jener legendäre Wladimir Sofronizkij in den Startlöchern, der in den 1920er Jahren immerhin als gefährlicher Konkurrent eines gewissen Vladimir Horowitz gehandelt wurde.

CD-Empfehlungen:

Swjatoslaw Richter

MMK

Emil Gilels

MMK

David Oistrach

MMK

Mstislaw Rostropowitsch

MMK

Brilliant Classics/Joan Records

Evgeny Kissin

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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