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"Sie spielt wie ein Mann"

Fanny Hensel zum 200. Geburtstag

Am 14. November 1805 kam Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, in Hamburg zur Welt. Rund 470 Kompositionen hat sie hinterlassen, deren musikalische Qualität erst nach und nach entdeckt und gewürdigt wird. Eine Hommage zum 200. Geburtstag.

Als Fanny Hensel am 14. Mai 1847 starb, geschah das völlig unerwartet. Während der Proben zur „Walpurgisnacht“ ihres Bruders Felix, die sie vom Klavier aus leitete, fühlte sie ihre Hände den Dienst versagen, sie ging hinaus, badete die Hände in warmem Essigwasser und hörte vom Nebenzimmer zu. „Wie schön klingt es“, sagte sie, doch als sie zurückkehren wollte, ergriff die Lähmung den ganzen Körper, sie wurde ohnmächtig und starb noch in derselben Nacht; ein Gehirnschlag war die Todesursache. Fanny war erst 41 Jahre alt.
Sie hinterließ eine allzu schmerzliche Lücke. Ihr Witwer, der Maler Wilhelm Hensel, verkaufte das geliebte Haus, begann ein unstetes Leben und hatte Mühe, sein Malen fortzusetzen. Noch mehr geschlagen wurde der Bruder Felix. Der treue Familienfreund Klingemann schrieb ihm: „Henseln beklage ich von innerlichster Seele, er verliert alles, seinen Halt, sein bessres Selbst, aber es ist mir doch als müsste ich Dich mehr beklagen ... Eltern vor uns sterben sehen, darauf müssen wir gefasst sein, aber Genossen unserer hellsten Tage, das ist hart. Und nun gar die! solch ein begabtes Wesen, solch ein Schatz an Errungenem, Durchdachtem, Durchlebtem – es ist ein ewiger Jammer.“ Klingemanns Zeilen waren hellsichtig: Felix zog sich zurück und starb ein halbes Jahr später der Schwester nach.
Sie waren zusammen erzogen worden – der erste Klavierunterricht bei der Mutter, Tonsatz bei Zelter, die Singakademie. Goethe hielt sie für gleichermaßen begabt, Zelter lobte Fannys Klavierkünste: „Sie spielt wie ein Mann.“ Die ersten Kompositionen wurden stolz dem Vater zum Geburtstag präsentiert, und der Vater, der erfolgreiche Bankier, schreibt an seine 15- jährige Tochter: „Die Musik wird für ihn (den Bruder Felix) vielleicht Beruf, während sie für dich stets nur Zierde, niemals Grundbass deines Seins und Tuns werden kann und soll ... nur das Weibliche ziert die Frauen.“
Fanny hielt sich an seine Worte – sie wurde kein Weib, das aus seinem Wirkungskreis schritt, wie ihre Tante, die emanzipierte und skandalöse Dorothea Veit-Schlegel. Sie war ihrem Bruder fachlich und emotional jederzeit eine Stütze, sie heiratete und gebar, wie es recht war, und hielt ihrem malenden Mann den Rücken frei, führte ein gastliches, kulturell blühendes Haus und ging, wie Rellstab 1847 in seinem Nachruf anerkannte, „nicht über die Linien, die auch in der weiblichen Berechtigung liegen, hinaus ... und machte das Anrecht auf Größeres, das sie vollgültig besaß, nicht geltend“.
Innerhalb dieser „Linien“ lag es, dass sie, nach dem Weggang ihres Bruders Felix 1831, vollständig die Programmgestaltung, Spiel, Komposition sowie Chor- und Orchesterleitung der berühmten „Sonntagsmusiken“ übernahm, die, wiewohl nicht öffentlich, oft 200 Zuhörer, darunter die Besten der Zeitgenossen, zählten. Kompositorische Erfolge, wie sie ihr zugestanden hätten, oder auch ein jubelndes Publikum für die öffentlich spielende Pianistin waren nicht vorgesehen. Noch die 23-jährige Braut ermahnt der Vater: „Du musst dich mehr zusammennehmen, mehr sammeln, du musst dich ernster und emsiger zu deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.“ Sie gelobt Verzicht und schreibt dem Bräutigam: „Die Kunst ist nicht für Frauen, nur für Mädchen, an der Schwelle eines neuen Lebens nehme ich Abschied von dieser Kindergespielin.“

Sie freut sich mit dem Bruder über seine Erfolge; er hingegen lobt ihre Werke halbherzig

Sie freut sich mit dem Bruder über seine Erfolge; er hingegen lobt ihre Werke halbherzig und schreibt an die Mutter: „... ihr zureden, etwas zu publizieren, kann ich nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist.“ 1842 wird er von der britischen Königin Victoria empfangen, diese trägt ein Lied aus seinem Liederalbum vor, „ganz allerliebst rein, streng im Takt und recht nett im Vortrag“, wie er berichtete, aber – es handelte sich um eine Komposition der Schwester, die er unter seinem Namen veröffentlicht hatte. Fanny war durch seine Missachtung durchaus gekränkt, wenngleich sie stets bereit war, ihm Recht zu geben. Sie schreibt an den Bruder: „... lache mich aus oder nicht, ich habe mit 40 Jahren eine Furcht vor meinen Brüdern, wie ich sie mit 14 vor meinem Vater gehabt habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der Wunsch, euch allen die ich liebe, es in meinem ganzen Leben recht zu machen.“ In ihrem letzten Lebensjahr lässt sie sich ermutigen, doch zu veröffentlichen. 1846 erscheinen zehn Lieder, schön gedruckt. Ihr Tagebuch meldet: „Ich kann wol nicht läugnen, dass die Freude an der Herausgabe meiner Musik auch meine gute Stimmung erhöht, ... und es ist sehr pikant, diese Art v. Erfolg zuerst in einem Alter zu erleben, wo sie für Frauen, wenn sie sie je gehabt, gewöhnlich zu Ende sind.“
Immerhin war die Heirat ein Glücksgriff: Ihr Mann liebte und respektierte sie in ihren Bestrebungen, er machte sie glücklich, indem er mit ihr reiste, nach Italien, wo sie wieder einmal Anerkennung fand als Künstlerin; während ihres halbjährigen Aufenthalts in Rom trat die bewunderte Pianistin bei Hausmusiken auf, die sie selbst organisierte. Kompositorisch wird sie durch die italienischen Eindrücke ungemein angeregt: Ein Nachhall ist spürbar im Klavierzyklus „Das Jahr“ (1841), zwölf Charakterstücke, die den Monaten zugeordnet sind, ein originelles und beeindruckendes Werk, das sie mehreren Umarbeitungen unterzog, wobei sie mit motivischen Verzahnungen experimentierte. Der „Januar“, betitelt mit „Ein Traum“, beginnt mit absteigenden Oktaven, aber schnell hebt sich die düstere Stimmung. Der Karneval, die Auferstehung Christi, Sehnsucht und erwachende Leidenschaft im Mai – nicht nur ein Jahr zieht an unseren Ohren vorüber, ein ganzes Leben wird erfasst. Vermutlich spielte Fanny den Zyklus in den „Sonntagsmusiken“, die nach der Rückkehr aus Italien wieder glanzvoll aufgenommen wurden. Gedruckt oder öffentlich gemacht wurde das Werk natürlich nicht – aber ihr Mann schuf wunderbare Vignetten für eine Reinschrift auf farbigem Papier, ein Kunstwerk ganz eigener Art, eine Epoche charakterisierend, eine Ehe, eine schöne Frau, der es letztlich gelang, es allen recht zu machen – den Eltern, dem Bruder, dem Mann, der Nachwelt. Dieser, beeindruckt von ihrem Leben und Werk, bleibt nur die Frage: Hat sie es sich selbst auch recht gemacht?

CD- und Buchempfehlungen

Das Jahr

Ulrich Urban

Koch/Universal

Italienisches Reisealbum

Singphonisches Quartett Berlin

Coviello Classics/Note 1

Clara Schumann/Fanny Hensel

Klaviertrios

The Dartington Piano Trio

Hyperion/Codaex

Fanny Hensel: Tagebücher

Breitkopf und Härtel

Briefe aus Rom, Briefe aus Venedig und Neapel

Reichert

Ute Büchter-Römer: Fanny Mendelssohn-Hensel

Rowohlt

Helga Utz, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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