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Es tönt im Marmeladenglas

Das Enescu-Festival in Bukarest

George Enescu wird in Rumänien als Nationalheld gehandelt, sein Name ist omnipräsent auf Straßen, Statuen, Institutionen. Mit dem Enescu-Festival kommt alljährlich im Herbst ein wenig Glanz in die Hauptstadt Bukarest. Doch der Alltag sieht anders aus. Jochen Breiholz hat sich ein Bild davon gemacht.

Die Warnung im Hotelzimmer ist nicht zu übersehen. XXL und fünfsprachig auf Pappe gedruckt: „Lassen Sie sich nicht von Fremden ansprechen! Holen Sie auf der Straße nie Ihr Portemonnaie aus der Tasche! Gehen Sie nicht allein an einen Geldautomaten! Meiden Sie einsame oder dunkle Straßen und Gedränge! Achtung vor Zigeunern!“
Willkommen in Bukarest. „Paris des Ostens“ wurde das mal genannt. Lang ist’s her. Heute regieren hier Armut, Dreck, Depression. Obwohl sich der Glanz vergangener Tage noch erahnen lässt. Die Farbe blättert, der Putz fällt, das Mauerwerk ist rissig. Stadtvillen, Prunkgebäude aus dem 19. Jahrhundert, weite, noch erhaltene Straßenzüge fügen sich zu dem wehmütigen, schmerzlich-schönen Bild eines „Es war einmal“: Wir müssen unsere Fantasie nicht allzu sehr anstrengen, nur die Augen gegen die blendende Sonne zukneifen, und schon steht sie da: Bukarest, die blühende Metropole.
Öffnen wir die Augen, funktioniert vieles nicht. Zum Beispiel die öffentlichen Telefone. Neun von zehn sind verbogen, ohne Hörer, ohne Tastatur, der ganz alltägliche Vandalismus, das kümmert hier kaum einen. Die Leute haben andere Sorgen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 50 Euro im Monat. Kultur allerdings kann man sich leisten. Theater-, Konzert- und Opernkarten sind hier für fast jeden erschwinglich. Das Event des Jahres ist das Internationale Enescu-Festival. Zusammen mit einem Klavierwettbewerb erstreckt sich das Festival alljährlich über den gesamten September. Jeden Tag stehen mehrere Konzerte auf dem Programm. Und die Säle sind voll. Valery Gergiev reist mit seinem Mariinsky-Orchester an, berühmte Kammermusik-Ensembles geben sich die Klinke in die Hand.
Der Chef des Ganzen ist kein Geringerer als Wiens Staatsoperndirektor Ioan Holender. Der fliegt zur Eröffnung kurz ein und hält eine Ansprache vor laufenden TV-Kameras in der Philharmonie, einer monumentalen Ceausescu-Scheußlichkeit in Senfgelb und Braun. Mit einer Akustik, als habe man das Orchester in ein leeres Marmeladenglas gesperrt und den Deckel zugeschraubt. Also wird über Lautsprecher verstärkt und brutal aufgedreht. Tschaikowsky hämmert im Disco-Sound.
Das Opernhaus plüscht rotsamtig golden über drei Ränge. Gespielt wird Enescus „Oedipe“, was sonst? Die Produktion ist haarsträubender Kitsch. Wie eine unfreiwillige Parodie auf überladenes Ausstattungstheater. In der Titelpartie verausgabt sich Esa Rutuunen, der Ödipus vom Dienst in Berlin und Wien, am Pult steht Michael Boder. Wenn das Enescu-Festival nicht über den rumänischen Tellerrand blickt, mag man diesen „Oedipe“ hinnehmen. Doch die Veranstalter wollen ins internationale Rampenlicht, und nach internationalen Maßstäben ist das nicht akzeptabel.
Zum Glück gibt es das Athenul Romanu, ein bis ins kleinste Detail perfekt renoviertes Juwel von einem Konzertsaal aus dem späten 19. Jahrhundert. Hier stimmt alles. Farben, Licht, Klang. Hier brauchen wir nicht mehr die Augen zu schließen, um uns vorzustellen, was ein mal war. Hier ist Bukarest ganz einfach un glaublich schön. Bis das auch außerhalb dieser Mauern wieder so sein wird, ist es noch ein weiter Weg. Auch für das Enescu-Festival.

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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