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Verlang nie zu wenig!

Pamela Rosenberg

Die scheidende Opernintendantin in San Francisco war es leid, ihre Zeit mit dem Auftreiben von Geld zu verschwenden. Als neue Intendantin der Berliner Philharmoniker will Pamela Rosenberg dem Orchester ein neues Profil geben. Jörg Königsdorf traf sie im sonnigen Kalifornien.

RONDO: Frau Rosenberg, als Opernintendantin in San Francisco hatten Sie in den letzten Jahren schwer mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu kämpfen. Warum gehen Sie ausgerechnet jetzt von dort weg, wo das Haus wieder aus dem Gröbsten heraus ist?

Pamela Rosenberg: Als man mir im vergangenen Jahr eine Vertragsverlängerung vorschlug, war für mich der Punkt gekommen, an dem ich mich fragte: Was willst du mit deinem Leben noch machen? Und ich war es einfach leid, 70 Prozent meiner Zeit nur mit dem Auftreiben von Geld verbringen zu müssen.

RONDO: Fällt einem so etwas schwer, die Leute um Geld zu fragen?

Rosenberg: Natürlich war mir das zuerst peinlich – in Deutschland redet man ja nicht über Geld. Zum Glück habe ich hier gleich einen guten Ratgeber gefunden, der mir den wichtigsten Tipp gegeben hat: Beleidige die Leute nie, indem du sie um zu wenig Geld bittest! Man muss nur wissen, was zu wenig ist, ob man 50.000 oder fünf Millionen sagen soll. Geld aufzutreiben, ist hier eine hoch professionelle Angelegenheit.

RONDO: Wäre so etwas in Deutschland überhaupt möglich?

Rosenberg: Solange die Steuergesetze nicht geändert werden, auf keinen Fall. Aber auch davon abgesehen muss man sich immer vor Augen halten, dass hier eine ganz andere Tradition herrscht und Charity von jedem erwartet wird, der etwas Geld hat.

RONDO: Wenn man aus Deutschland kommt, fällt einem hier sofort die große Zahl Armer und Obdachloser auf. Muss da nicht auch die Oper politischer werden?

Rosenberg: Klar, das ist für mich immer noch schockierend: Auf der einen Seite dieser unvorstellbare Reichtum und auf der anderen Seite 13 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Dennoch glaube ich nicht, dass ich Oper mit didaktischem Zeigefinger machen kann. Ich kann Fragen stellen und die Leute zum Nachdenken bringen, aber das ist es auch schon.

RONDO: Und das wollen Sie auch mit den Berliner Philharmonikern?

Rosenberg: Ich glaube, dass wir die Frage, warum wir klassische Musik machen und bestimmte Werke spielen, viel klarer beantworten müssen als bisher. Und ich habe den Job angenommen, weil ich in den Gesprächen mit Simon Rattle und dem Orchester gemerkt habe, dass dort ein echtes Bedürfnis nach der Verwirklichung von Ideen vorhanden ist.

RONDO: Und wie könnte das zum Beispiel aussehen?

Rosenberg: Grundsätzlich geht es mir darum, die Menschen anders hören zu lassen: Programme zu entwickeln, die beispielsweise für den Umgang mit Klangfarben sensibilisieren, oder eine Beethoven-Sinfonie zwei Mal in einem Konzert zu spielen – zuerst mit den Philharmonikern, dann in historischer Aufführungspraxis.

RONDO: Bisher haben Sie fast ausschließlich Oper gemacht. Woher kommt Ihr Interesse für sinfonische Musik?

Rosenberg: Die wichtigste Phase in meinem Leben war die Arbeit mit Michael Gielen an der Frankfurter Oper in den 70er und 80er Jahren, und damals haben wir zusammen auch die Zyklen der Sinfoniekonzerte erarbeitet. Gielen hat schon damals gefragt: Wie können wir heute, nach all dem, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, noch ein Stück wie den hymnischen Schluss von Beethovens Neunter Sinfonie spielen? Seine Antwort war, vor Beethovens Finale Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ zu setzen. Das hat beim Publikum natürlich einen Heidenärger gegeben.

RONDO: Welche Erfahrungen nehmen Sie aus den USA mit nach Berlin?

Rosenberg: Ich habe sehr viel über Marketing gelernt, zum Beispiel wie man das Interesse unterschiedlicher Zielgruppen weckt und dies mit einem optimalen Service verbindet, von der Beratung bis zum Vorstellungsbesuch. Auch haben wir sehr gute Erfahrungen mit Websites gemacht: Diejenige zu John Adams’ neuer Oper „Doctor Atomic“ wurde in einer Woche 10.000 Mal angeklickt, und die Besucher haben die Möglichkeit, sich durch weitere Klicks mit dem Thema immer umfassender auseinander zusetzen. Solche Sachen sind gute Angelhaken, an denen die Leute schließlich anbeißen. Aber ein Großteil meiner Arbeit wird in den nächsten Monaten erst mal darin bestehen, Ideen zu sammeln und dann zu schauen, was sich in Berlin umsetzen lässt.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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