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Musikstadt: San Francisco

Auf den Straßen von San Francisco

Glanz und Elend liegen hier nicht weit auseinander. Nach den Einbrüchen der amerikanischen Wirtschaft infolge des 11. Septembers erholt sich nun auch das hauptsächlich von Sponsoren getragene Opern- und Konzertleben. Und das hat an der Westküste mit der Uraufführung von „Doctor Atomic“ und dem charismatischen Chefdirigenten Michael Tilson Thomas wieder einiges zu bieten. Jörg Königsdorf hat sich für RONDO vor Ort umgesehen.

Wer wissen will, wie Kultur an der Westküste Amerikas funktioniert, schlägt am besten ein Programmheft auf. Während sich die Informationen über Konzertablauf oder Abendbesetzung meist erst nach längerem Suchen irgendwo im Mittelteil finden, gibt der überwiegende Anteil der meist prächtig aufgemachten Hefte darüber Auskunft, wer die Veranstaltung bezahlt hat. Mit ganzseitigen Anzeigen präsentieren sich besonders finanzstarke Freunde und Förderer des jeweiligen Orchesters oder Opernhauses, die Hauptsponsoren einer Produktion bekommen Platz für ein Grußwort mit Foto eingeräumt, und selbst wer nur einen bescheidenen Obolus entrichtet hat, findet seinen Namen, streng nach Betragshöhe einsortiert, in einem Listing wieder. Kultur kommt in Amerika eben nicht nur von Können, sondern ebenso von Gönnen – und das soll auch jeder merken.
Auch im Programmheft der San Francisco Opera zu „Doctor Atomic“, der wohl spektakulärsten amerikanischen Opernproduktion der letzten zehn Jahre, präsentieren sich stolz die Geldgeber – als ob das amerikanische System der Kulturfinanzierung noch so selbstverständlich funktionieren würde wie eh und je. Tatsächlich aber ist das Zustandekommen der Premiere von John Adams’ dritter abendfüllender Oper eher ein Signal dafür, dass die Klassikszene der Stadt wieder langsam zur Normalität zurückkehrt. Denn in den letzten vier Jahren hat San Francisco die Schattenseiten der Abhängigkeit von privater Großzügigkeit so drückend gespürt wie vermutlich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Während in den Goldenen Neunzigern die Spenden für die beiden prestigeträchtigen Musikinstitutionen der Stadt, die Oper und das San Francisco Symphony Orchestra, noch reichlich flossen, rissen der Zusammenbruch der New Economy und die Terroranschläge von 9/11 im Herbst 2001 plötzlich riesige Löcher in die Finanzplanung: Aus Angst vor Anschlägen blieben die Amerikaner zu Hause, und etliche Sponsoren mussten ihre Finanzzusagen zurückziehen, weil sich ein beträchtlicher Teil ihres Vermögens über Nacht in Luft aufgelöst hatte. Vor allem die Oper traf es hart: Über 20 Prozent ihres Etats musste das Haus in den letzten drei Jahren einsparen und etliche ambitionierte Projekte wie Berlioz’ „Trojaner“ oder den in San Francisco noch nie (!) gezeigten „Freischütz“ zugunsten sicherer Repertoirestücke wieder aus ihrem Spielplan kippen. Doch die Zeit des Wundenleckens soll jetzt vorbei sein. Mit gleich zwei prestigeträchtigen kulturellen Großereignissen präsentiert die Stadt dem Rest der Welt ihre wieder gewonnene Selbstsicherheit: Während im Golden Gate Park der Neubau des DeYoung- Museums durch die Schweizer Stararchitekten Herzog und De Meuron den hohen Anspruch San Franciscos in Sachen bildender Kunst anmeldet, verspricht in der Oper „Dr. Atomic“ ein Anknüpfen an die Goldenen Neunziger – eine Ära, in der mit Uraufführungen von Stücken wie „The Times of Harvey Milk“ über die Ermordung eines schwulen Stadtrats oder „Dead Man Walking“ über einen Todeszellenkandidaten ein frischer Wind nicht nur durch die Hallen des ehrwürdigen, 1915 in protzigem Klassizismus erbauten Hauses, sondern durch die gesamte Opernszene wehte.

Pragmatische Mittel: weniger Eintritt für schwierige Programme.

Auch „Doctor Atomic“ enthält reichlich Sprengstoff: Nach „Nixon in China“ und dem in den USA nach wie vor heftig umstrittenen „Death of Klinghoffer“ über die Entführung des Luxusliners „Achille Lauro“ hatte sich Amerikas bedeutendster Komponist im Verein mit dem Librettisten und Regisseur Peter Sellars wieder ein heikles Thema vorgeknöpft: Die Erfindung der Atombombe durch den Physiker J. Robert Oppenheimer ist kein Thema, das die Great Nation in besonders glänzendem Licht zeigt. Ein Schicksal wie das der „Klinghoffer“-Oper, die wegen ihrer positiven Zeichnung der palästinensischen Terroristen einem Quasi-Aufführungsverbot unterliegt, braucht die „Bomben“-Oper wohl dennoch nicht zu befürchten: Nach der Premiere war sich ein Gutteil der US-Kritikerschaft sicher, hier endlich die noch ausstehende amerikanische Nationaloper gefunden zu haben. Tatsächlich hat „Dr. Atomic“ vor allem in der ersten Hälfte überragende Musik, vereint sich Adams’ aus der Minimal Music destillierte rhythmische Finesse mit einer ausdrucksstarken, im besten Sinne eingängigen Melodik: Oppenheimers große Arie „Batter, my Heart“, die den ersten Akt beschließt, dürfte die erste große Opernarie des 21. Jahrhunderts sein, deren Weg in die Bariton- Recitals schon vorgezeichnet ist.
Mag sein, dass in der enthusiastischen Reaktion auch ein wenig Wiedergutmachung für Adams und eine Anerkennung der Arbeit von San Franciscos scheidender Intendantin Pamela Rosenberg mitschwingen. Dass Adams’ neues Opus im zweiten Teil etwas durchhängt und die faustische Gestalt des Wissenschaftlers stark an Kontur verliert, schien da gegen höchstens europäischen Kritikern aufzufallen.
Dass direkt nebenan, in der Louise M. Davies Symphony Hall, der Residenz des San Francisco Symphony Orchestra, auch in den letzten Jahren weniger von Geldsorgen die Rede war, liegt vor allem am charismatischen Chefdirigenten Michael Tilson Thomas. Im Gegensatz zu seinem spröden Vorgänger Herbert Blomstedt hat der überall zackig-zärtlich MTT genannte Tilson Thomas seit Beginn seiner Amtszeit 1995 einen Gutteil seiner Energie darauf verwendet, Schwellenängste gegenüber klassischer Musik abzubauen und ein neues Publikum in den blank polierten 70er-Jahre-Bau am Südende der Van Ness Avenue zu ziehen. Ob in der Fernsehshow „Keeping Score: MTT on Music“, ob in der Arbeit mit Jugendorchestern und im Rahmen umfangreicher Jugend- und Familienprogramme oder beim Werben um Sponsoren, Tilson Thomas lässt keine Gelegenheit aus, sein Orchester fester in der Stadt zu verankern. Ähnlich wie sein Kollege Leonard Slatkin setzt Tilson Thomas da bei auch auf zeit genössische amerikanische Musik. Weil das Publikum hier weniger kennen würde, hätte es eben auch weniger Vorurteile, erläutert MTT. Entsprechend pragmatisch sind die Mittel, zu denen der Chef greift: Anfangs habe man für schwierigere Programme einfach weniger Eintritt verlangt, inzwischen, ergänzt er stolz, seien sogar Konzerte ausverkauft, bei denen Werke von Charles Ives oder John Cage auf dem Programm stehen. Wie das geht, zeigt MTT abends an zwei Werken des amerikanischen Exzentrikers Carl Ruggles: Bevor er den Taktstock hebt, dreht er sich kurzerhand zum Publikum, erzählt locker ein paar anekdotische Einzelheiten über den verschrobenen Komponisten und geht auf die Besonderheiten seiner Musik ein – den Beifall seiner Zuhörer hat er damit genauso sicher wie ihre gespannte Aufmerksamkeit.
Hauptstück des Abends ist freilich die Fünfte von Gustav Mahler, mitgeschnitten als weiteres Teilstück in dem Mahler-Zyklus des San Francisco Symphony Orchestra. Eigentlich nur zur lokalen Publikumsbindung gedacht, fanden die Aufnahmen schnell ein überregionales Echo: Zwei Grammys und teilweise enthusiastische Kritiken auch in Europa haben das Prestige des Orchesters gewaltig aufpoliert. Und das nicht ohne Grund: Wie für seinen Mentor Leonard Bernstein steht auch für MTT Mahler im Zentrum seines musikalischen Universums, ohne dessen Sinfonien, beteuert er, wäre er nicht der Musiker, der er heute ist. Geradezu obsessiv brütet er über die Bedeutung von Stileigenheiten, grübelt er, wie viel Zeit er etwa den von Mahler so häufig verwendeten Vorschlagsnoten zubilligt. Und wie bei Bernstein ist MTTs Annäherung an Mahler vor allem vom Gefühl her diktiert: Auch in der Fünften sucht er die Synthese aus Schönklang und Gemüt, weitet das Adagietto zum Seelengesang aus – die lichten Lagunen von „Tod in Venedig“ sind da nicht fern.
In den beiden Prachtbauten an der Van Ness Avenue schlägt das Herz der Klassikstadt San Francisco – und es schlägt derzeit beruhigend kräftig. Freilich braucht man nur wenige Schritte gen Süden zu tun und die belebte Market Street zu kreuzen, um einem anderen San Francisco zu begegnen: Einer Stadt voller erschreckendem Elend, in der 13 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben. Eine Stadt, in der, wie fast überall in Amerika, psychisch Schwerstkranke obdachlos auf den Straßen umherirren. Ein paar fortgeworfene Programmhefte aus der Oper liegen auch herum. Und der Wind blättert wie zufällig die Seiten auf, auf denen die Namen der millionenschweren Sponsoren verzeichnet sind.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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