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Landschaften der Seele

Hélène Grimaud

War es Freundschaft, Zuneigung, Liebe? Tiefe Gefühle bewegen sich oft auf einem schmalen Grat. Hätten Robert Schumann, seine Frau Clara und Johannes Brahms ihr Dreiecksverhältnis in solche Kategorien fassen können? Margarete Zander sprach für RONDO mit der Pianistin Hélène Grimaud, die in der Musik jener drei Künstler Antworten suchte.

RONDO: „Reflection“ heißt die neueste CD – „Nachdenken“. Über die Liebe? Über das Künstlerleben von Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms? Wie beeinflusst es Ihre Interpretation, wenn Sie die persönliche Geschichte der drei Künstler kennen?

Hélène Grimaud: Ich weiß es nicht, weil ich die Geschichte schon so lange kenne, aber irgendwie flößt mir das mehr Respekt ein. Es war eine komplizierte Geschichte, und am Ende hat die Liebe gesiegt. Wenn man ihre Briefe liest, erkennt man, es gab nicht wenige Schwächen, und man sieht auch die weniger noblen Seiten ihrer Charaktere, aber trotzdem haben sie sich gegenseitig unterstützt, sie waren loyal, sie wollten, dass der andere sich, so weit es geht, entfalten kann.

RONDO: Was sagt Ihnen das Klavierkonzert über den Charakter von Clara und ihr Klavierspiel?

Grimaud: Sie war offensichtlich eine sehr gute Pianistin, sehr talentiert mit großen dynamischen Möglichkeiten. Sie hatte vermutlich einen sehr feinsinnigen Anschlag und eine große Klarheit und eine völlige Hingabe zur Musik. Der erste Satz „Allegro affetuoso“ ist vielleicht das einzige Musikstück der Literatur, das diese Bemerkung trägt. Es ist voller Elan, extrem liebevoll, überschwänglich, zärtlich, heiter, er zeigt eine ungeheure Vielfalt der Gefühle. Und auch das Intermezzo ist einfach wunderbar. Wir wissen, dass Clara von ihrem Vater gewöhnt war, jeden Tag spazieren zu gehen, und dieses Ritual haben Robert und Clara Schumann in ihrem gemeinsamen Leben beibehalten. Mir kommt das Intermezzo immer vor wie ein Spaziergang im Wald. Da gibt es so viele Elemente: Natur, Philosophie, Poesie.

RONDO: Haben Sie Orte besucht, an denen die drei gelebt haben?

Grimaud: Ich war in Düsseldorf und in Endenich, und das ist schon sehr eindrucksvoll. Auf der anderen Seite zeigt es einem aber auch sehr stark, dass in Bezug auf die Schönheit Ort und Zeit keine Rolle spielen. Es gibt etwas so Universales in ihren Gefühlen, dass sich das auf heute übertragen lässt.

RONDO: Robert Schumann suchte das Neue in der Musik. Was ist neu an seinem Klavierkonzert?

Grimaud: Vielleicht ist der neueste Aspekt seine Freiheit der Visionen, immer zu denken, wie die Dinge sein könnten, denn wie sie sind, sind sie nicht gut genug.

RONDO: Das Programm wirkt wie ein Konzeptalbum.

Grimaud: Ich wollte von vornherein mit verschiedenen Kammermusikpartnern arbeiten, denn es geht im Programm um diese gemeinsam empfundene Freiheit und Inspiration der Künstler und die vielen unausgesprochenen Worte, die sehr wichtig sind.

RONDO: Wie schätzen Sie Clara als Komponistin?

Grimaud: In Claras Stücken spürt man, dass sie nicht nur ihr Leben mit Robert und Johannes Brahms geteilt hat, sie hat dieselbe Luft geatmet und dieselben Leidenschaften und dieselben Ideale gehabt. Clara und Robert haben sich gegenseitig geformt. Was ich besonders mag, ist das Drängende ihrer Gefühle.

RONDO: Es ist beeindruckend, wie Sie am Klavier nicht nur dieselbe Stimmung, sondern auch dasselbe Timbre produzieren, wie es Anne Sophie Otter in ihrer Stimme trägt.

Grimaud: Das war unser Ziel. Denn wo Stimme und Klavier sich verbinden, wird es besonders schön, wenn man vergisst, was um einen herum ist. Die Musik geht dann über das Instrument hinaus. Es ist nur noch der Diskurs, der eine Rolle spielt. Und das ist faszinierend.

RONDO: Im Zusammenspiel mit dem Cellisten Truls Mørk fällt angenehm auf, dass Sie gleichwertige Partner sind und nicht über den Vorrang der Instrumente streiten.

Grimaud: Genau. Es geht ja darum, dass man gemeinsam freier ist als für sich allein. Es passiert etwas Wunderbares, wenn allein die Präsenz eines anderen es dir ermöglicht, über dich selbst hinauszugehen. Mit Truls habe ich viel Kammermusik im Konzert gespielt. Von ihm habe ich dieses Gefühl für Weite gelernt. Diesen großen Atembogen. Für Brahms ist das besonders schön, denn die Musik von Brahms ist eine Musik der Landschaften. Nicht nur der geografischen Landschaften, sondern auch der Landschaften der Seele.

RONDO: Mit den Rhapsodien von Brahms am Ende des Programms zeigen Sie auch noch einmal eine kraftvolle Seite von sich.

Grimaud: Brahms blieb am Ende allein. Er überlebte die beiden anderen, und da gibt es etwas sehr Einsames in seinem Leben. So macht es Sinn, mit den Rhapsodien zu schließen, und die Kraft, die man hier braucht, ist weniger eine physische. Man muss sie tief in seinem Inneren suchen. Diese Kraft kommt aus der Seele.

Neu erschienen:

Clara und Robert Schumann, Brahms

Reflection

Hélène Grimaud, Anne Sofie von Otter, Truls Mørk, Staatskapelle Dresden, Esa-Pekka Salonen

DG/Universal

Margarete Zander, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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