Startseite · Künstler · Gefragt

Die Liebe des Augenblicks

Michaela Kaune

Michaela Kaune lacht. Ziemlich ansteckend. Und ganz natürlich. Darf eine Diva das? Ja, sicher! Michaela Kaune ist kein Medienstar, keine Rampenlichtprimadonna, sondern ganz einfach eine außergewöhnliche Künstlerin, die ihren Beruf liebt und sehr, sehr ernst nimmt. Jochen Breiholz traf sie im Berliner Café Einstein.

Sie ist der Typ norddeutsche Frohnatur. Die in allererster Linie singen will. Die auf der Bühne stehen und singen und spielen will. Seit 1997 ist sie Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin. Im Repertoire die üblichen Verdächtigen von der Micaela in „Carmen“ bis zur Eva in den „Meistersingern“. Lyrisch – mit vorsichtigen Ambitionen in die jugendlich-dramatische Richtung. Ohne irgendwas zu übereilen. Michaela Kaune nimmt sich Zeit. „Ich bin einfach glücklich, singen zu dürfen.“ Also entweder war das jetzt gerade eine Oscar-verdächtige schauspielerische Glanzleistung, oder sie meint das wirklich. Wir plädieren für Letzteres.
Michaela Kaune, die Bescheidene, stammt aus Hamburg. Sie studierte an der Hochschule für Musik ihrer Heimatstadt. Neben ihren Auftritten in Berlin schnupperte sie den Duft der weiten Welt an der Semperoper, an der Opéra National de Paris, bei den Salzburger Festspielen. Mozart ist ihr Metier, die Ilia in „Idomeneo“, die „Figaro“-Gräfin, Donna Elvira in „Don Giovanni“ und die Pamina in der „Zauberflöte“ gehen ihr wie Sahne über die Stimmbänder. Daneben hat es ihr das Slawische angetan, Janáček und Dvořák, kein Wunder, ihr Sopran besitzt genau die richtige Mischung aus Beseeltheit und übervoller Emotionalität. Auch die Tatjana in Tschaikowskis „Eugen Onegin“ zählt sie zu ihren Lieblingsfiguren: „Ich kann mich in dieses Romantisch- Schwärmerische einfühlen, kann alles, was diese Frau durchlebt, nachvollziehen.“ Wir glauben es ihr aufs Wort.
Im Reigen der großen Komponisten fehlte ihr bisher nur einer: Richard Strauss. Dessen „Vier letzte Lieder“ hat sie jetzt zusammen mit zwölf weiteren seiner Lieder auf CD gebannt. „Natürlich sind mir Strauss-Lieder schon während meines Studiums begegnet. Ich wollte sie unbedingt singen, weil ich das Gefühl habe, dass sie zu meiner Stimme passen. Außerdem gibt es im Liedrepertoire nichts Schöneres. Finde ich.“ Sagt Kaune. Und lächelt. Wer könnte da noch zweifeln? Und nach dem Anhören der CD schon gar nicht. Das sitzt. Schwebt, schimmert, leuchtet!
Was die Sopranistin gerade an den „Vier letzten Liedern“ fasziniert, ist ihr opernhafter Charakter. „Diese weiten Bögen, diese Ruhe, diese Gelassenheit empfinde ich einfach als wahnsinnig schön.“ Stimmt. Den langen Atem, den man dafür braucht, hat die Kaune. „Traum durch die Dämmerung“ nennt sie als ihren Favoriten aus den anderen zwölf Liedern. Oder doch eher „Befreit“? Vielleicht das „Wiegenlied“? Die Frau kann sich nicht entscheiden! „Ich liebe sie alle!“
Das unterscheidet Michaela Kaune von Arabella, die liebt nämlich nur einen. Die Titelpartie in Strauss’ 1933 uraufgeführter Oper ist ihre erste Bühnenfigur aus der Feder des Komponisten und ihre nächste Premiere in Berlin. Arabella ist eine ziemlich unsympathische Frau, kühl, unnahbar, fast blasiert, die immer nur von „dem Richtigen“ redet. Oder? Michaela Kaune sieht das anders: „Arabella hat noch Ideale. Ihren Traum von ‚dem Richtigen‘ kennen wir alle. Und wir alle müssen irgendwann die Erfahrung machen, dass es diesen ‚Richtigen‘ genau so, wie wir ihn uns vorgestellt haben, nicht gibt! Ganz wie im Stück: Arabella begegnet Mandryka, dem Mann, den sie von ferne für den ‚Richtigen‘ gehalten hat. Auf ihn projiziert sie diese Idee. Und dann ist alles ganz anders als erwartet. Zwar wird das Spiel eine Weile durchgehalten, aber die beiden kommen aus zwei gegensätzlichen Welten, sind völlig verschieden. Trotzdem entscheidet sich Arabella am Ende für ihn. Was man mutig oder pragmatisch nennen kann. Sie hat etwas begriffen: Das Konzept vom ‚Richtigen‘ ist zwar theoretisch sehr schön, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Oder genauer: ‚Der Richtige‘ heißt nicht, dass es keine Konflikte oder Probleme gibt. Die ganz große Liebe gibt es eben immer nur im Augenblick. Oder in der Oper.“

Neu erschienen:

Strauss

Orchesterlieder

Michaela Kaune, NDR Radiophilharmonie, Eiji Oue

Berlin Classics/Edel

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 1 / 2006



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Schumann digital

Meldungen und Meinungen aus der Musikwelt

Nachdem man im Lübecker Brahms-Institut das umfangreiche Archiv des Namenspatrons digitalisiert […]
zum Artikel »

Gefragt

Diana Damrau

Knallbunte Tüte

Mit „Forever“ kehrt die Damrau zu ihren Musical-Wurzeln zurück. Eine solch gewagte Mischung […]
zum Artikel »




Top